Gegen den Ausverkauf des Heiligen

Liebe Gemeinde,

„Es ist noch nicht lange her, da wurde von vielen der Verlust der Utopien beklagt, die seit ihrer Erfindung als himmlisches Manna für den denkenden Teil der Menschheit galten. Vom bloßen, märchenhaften Wünschen unterschieden sich diese Entwürfe zur gänzlichen Verbesserung unseres Loses durch ihre rationale Gestalt. Die Utopien waren samt und sonders europäische Blaupausen zur Errichtung idealer Gesellschaften, in denen nicht mehr der alte Adam das Sagen hatte, sondern der Neue Mensch. Alle Versuche zu ihrer Verwirklichung endeten früher oder später im Katzenjammer; so zuletzt (anno mirabili) 1989.“ So beginnt der Schriftsteller und Denker Hans Magnus Enzensberger sein Essay, mit dem er sich in der so hilflosen Debatte all der ins Kraut schießenden Ethikräte um die Manipulation an menschlichen Stammzellen zu Wort meldet. („Putschisten im Labor“, Spiegel Nr. 23, vom 02.06. 2001, S. 216 ff.)

„Waren einst für die Ausrottung aller Leiden Schamanen und Wunderheiler zuständig, so sind es heute Molekularbiologen und Genetiker; und von der Unsterblichkeit sprechen nicht mehr die Priester, sondern die Forscher. Die neuen Utopien werden mit beispiellosen Kampagnen in der Öffentlichkeit vorgetragen. … Der gute alte Fortschrittsglaube, von dem noch vor kurzem niemand viel wissen wollte, erlebt so eine triumphale Wiederauferstehung.“(ebd.)

Enzensberger bestreitet im Folgenden, dass Wissenschaft und Politik heute noch frei seien in ihren Entscheidungen. Sie seien längst von wirtschaftlichen Komplexen bestimmt, deren „Protagonisten jedem, der es hören will, erklären, dass sie keinesfalls bereit sind, gesetzliche Einschränkungen hinzunehmen. Sie verkünden ganz offen, dass sie die Absicht haben, ihre Tätigkeit notfalls, nach dem Vorbild von Geldwäschern und Waffenhändlern, in Gegenden fortzusetzen, wo Skrupel unbekannt und Sanktionen nicht zu befürchten sind.“ (ebd.)

Dies aber bedeutet letztlich die Außerkraftsetzung aller demokratischen Prozesse. Die, die sich dagegen wehren, werden, wie in der Atomdebatte der vergangenen Jahrzehnte, als Fortschrittsverweigerer und Arbeitsplatzvernichter abgestempelt. Was wir erleben ist der endgültige Ausverkauf von allem, was uns an Heiligem, an Grenze des Menschen noch geblieben ist.

Enzensberger schließt: Letzten Endes wird die Utopie der totalen Beherrschung der Natur und des Menschen, wie alle bisherigen Utopien, nicht an ihren Gegnern scheitern, sondern an ihren eigenen Widersprüchen und an ihrem Größenwahn. Noch nie hat sich die Menschheit freiwillig von ihren Allmachtsphantasien verabschiedet. Erst wenn die Hybris ihren Lauf genommen hat, wird die Einsicht in die eigenen Grenzen, vermutlich zu einem katastrophalen Preis, notgedrungen die Oberhand gewinnen. Dann wird auch eine Wissenschaft, die wir achten und mit der wir leben können, wieder eine Chance haben.

Ausverkauf des Heiligen, wäre ein treffliches Wort für das, worum es hier geht. Und deshalb können wir uns als Christen diesen Ausflug in den Zeitgeist nicht ersparen, der uns auch zeigt, dass noch andere diesen Prozess geistesgegenwärtig beobachten und sich zu Wort melden. Denn schließlich feiern wir an Pfingsten nicht den Ausverkauf des Heiligen, sondern den Einzug des Heiligen in die Welt. Gott gießt seinen Geist aus auf alle Welt.

Gerne wären die Jünger im Trubel der Osterfreude in die Welt gezogen. Sie konnten und durften es nicht ohne den Geist der ihrer Schwachheit aufhalf. Denn ohne diesen Geist wussten sie und wissen wir nicht was wir beten, reden und glauben sollen (Römer 8/26). Zwar wird uns an Pfingsten von überschwänglicher Begeisterung berichtet. Aber zugleich ist dieses Pfingstwunder eine radikale Kritik aller menschlichen Vernunft und Kraft. Wir können die Sterne des Himmels mit unseren Augen sehen, mit unserem Verstand die Unermesslichkeit zu begreifen versuchen, aber wir können sie nicht anfassen. Wir können über Gott nachdenken, aber wir können nichts mit und aus ihm machen. Er bleibt uns entzogen.

Der Geist des Menschen und der Geist Gottes haben keine natürliche Schnittmenge: Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.

Oder Luther in seiner Auslegung zum dritten Glaubensartikel: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann. Sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet und geheiligt.“ Der Glaube weiß um die Unverfügbarkeit des Heils und der Erlösung. Und dies ist nicht die Beleidigung der menschlichen Vernunft und Kraft, sondern ihre größte Freiheit und Entlastung. Wir müssen nicht versuchen, was wir gar nicht können.

Und deshalb müssen wir genau dieses heute als Christen auch jenseits unserer Kirchenmauern vertreten. Es gibt viele Wissenschaftler, die uns darin recht geben. Für die längst nicht ausgemacht ist, dass all die Versuche am werdenden Leben in absehbarer Zeit auch nur einen schwer Kranken gesund machen, während Infektionskrankheiten wie Malaria und Tuberkulose jährlich Millionen Menschen den Tod bringen. Es könnte gut sein, dass am Ende einer Verwirklichung all dieser hochtrabenden Pläne, für uns alle kein besseres und freieres Leben steht, sondern das Gegenteil. Eltern, die ein behindertes Kind zur Welt bringen, werden sich rechtfertigen müssen, warum es überhaupt geboren wurde und der Allgemeinheit Kosten verursacht. Das wäre das Ende einer menschlichen Gesellschaft, deren Wert sich für uns Christen immer noch daran bemisst, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht.

Der Heilige Geist ist gerade darin der beste Freund des gesunden Menschenverstandes, dass er ihm seine Grenzen zeigt. Das Heilige darf und muss Gottes Geheimnis bleiben. Es ist zu bestaunen, aber bleibt unserem Zugriff entzogen. Ein Menschenverstand, der keine Grenzen mehr kennt, verfällt dem Größenwahn, der in unserer Gesellschaft zwar bei dem behandelt wird, der meint, er könne den ICE durch seine Beine fahren lassen, nicht aber bei denen, die den Menschen neu erfinden wollen.

Es muss geistlich geurteilt werden schreibt Paulus. Der Heilige Geist ist gerade darin der beste Freund des gesunden Menschenverstandes, dass er ihm auf die Sprünge hilft. Denn der Heilige Geist ist der Geist des Christus. Wir aber haben Christi Sinn. Darum gilt mit Meister Eckhart: „Der Mensch soll sich gewöhnen, sich in allen seinen Werken allzeit in das Leben und Wirken unseres Herrn Jesu Christi hineinzubilden, in all seinem Tun und Lassen, Leiden und Leben, und halte hierbei allzeit ihn vor Augen, so wie er uns vor Augen gehabt hat.“ (Eckhart, Traktate, Quint, S.76)

Die neue Kreatur, die der Geist des Christus in uns wachsen lässt (2. Korinther 5,17) ist nicht der Übermensch, ist nicht der Superheld, sondern der wahre Mensch. Gott macht ihn für uns alle sichtbar durch seine Menschwerdung in Jesus Christus. Und deshalb gilt in all den Fragen, die wir bedacht haben: Wir dürfen, ja wir sollen wahre Menschen werden und bleiben. Nicht immer im Gardemaß, nicht immer ohne Gebrechen, nicht immer schlau und leistungsfähig, mit unseren Fehlern und Schwächen – und doch Kinder Gottes! Töchter und Söhne Gottes in der Gestalt wahrer Menschlichkeit. Solche Leute braucht die Welt. Darum beten wir: Komm Heiliger Geist.

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