Gelingende Kommunikation: Fangt Streit an!

„Gelungene Kommunikation ist dort erreicht, wo so viel wie möglich ‚gesendeter Botschaft‘ bei den RezipientInnen ankommt. […] Eine Werbesendung hat dann ihr Ziel erreicht, wenn sie so viel Menschen wie möglich zum Kauf einer bestimmten Ware veranlasst. Eine Nachrichtensendung ist dann gut, wenn so viel wie möglich an Information in den Köpfen der Hörerinnen und Hörer hängen bleibt […]“ (Albrecht Grözinger, in: Homiletik, S.86).

Pfingsten ist ja auch so etwas wie eine gut angelegte Werbekampagne. Der Heilige Geist wirbt für Verständnis untereinander. Immererhin hat die Kirche Geburtstag und der liebe Gott schenkt uns den Heiligen Geist und der wiederum sorgt für ein besseres Verstehen unter den Christen. In einer Zeit, in der noch nicht so einfach via Twitter oder facebook mal eben so eine Nachricht ausgetauscht werden konnte, war das eine große Sache. Die Hörerinnen und Hörer waren also in der Lage, das Wort Gottes zu hören. Alle haben sich verstanden! In unseren Kreisen und Zeiten ist das schon lange nicht mehr so. Zwar gibt es den Babelfisch im Internet: Man kann ganz bequem bei Google immer auch die Übersetzung eines Textes in ausländischer Sprache mitlesen. Allerdings hapert es hier und da noch an der Feinabstimmung. Wie im richtigen Leben kommt nicht immer das raus, was man eigentlich sagen wollte/sollte.

Alle haben sich verstanden! In den Kirchengemeinden unserer Zeit ist das längst kein frommer Wunsch mehr! Alle verstehen sich prächtig, reden miteinander. In unzähligen Sitzungen und Gremien verbringen die Vertreterinnen und Vertreter von Kirche meist ihre (freie) Zeit. Und was da nicht alles besprochen wird: Über Kindergartenbeiträge und Busfahrpläne, darüber, dass der Pfarrer zu oft oder zu wenig präsent ist, man fragt sich, wer mäht den Rasen vor der Kirche und wer schneidet die Hecke vor dem Pfarrhaus. Aber die wirklich wichtigen Dinge, die die einen persönlich betreffen, werden nicht im Gespräch geklärt. Nicht mal im persönlichen.
Nein, was das betrifft, da wird zumeist hinten rum alles klar gemacht. Und auch die Kirchenmitglieder sind in diesen Situationen wohl eher weltlich als geistlich unterwegs.

„Deshalb gilt es, Räume zu schaffen, in den die unterschiedlichen Meinungen offen ausgesprochen und der darüber notwendige Streit ebenso offen ausgetragen werden kann. Erst dort, wo die ständige Herausforderung des Eigenen durch das Andere Selbstverständlichkeit geworden ist, ist eine umfassende […] Sicht der Dinge möglich. Wo die Gräben so tief sind, dass man nicht mehr miteinander reden will, müssen verbindliche Dialogstrukturen das Miteinander regeln. Denn an unserer Fähigkeit zum Gespräch über die Gräben hinweg wird sich entscheiden, ob wir noch eine Kirche sind.“ (Vgl.: Johanna Rahner: Streit anfangen, in: Die Zeit, 16. Mai 2012, S.60)

Alle haben sich zu verstehen! Wer aus dieser innerkirchlichen Maxime ausschert, der landet ganz schnell selber wieder auf der Anklagebank. Dann aber auf einer von außen bereit gestellten. In der Kirche darf man sich doch nicht streiten! Das gilt natürlich sowohl für das Gebäude als auch für die Institution. Da wo man sich in einer Hierarchie mit „Bruder“ und „Schwester“ anspricht, da müssen doch der Frieden und der respektvolle Umgang miteinander das Bild des Handelns bestimmen. Leicht gesagt, denn da wo Menschen am Werk sind ist es schwer, immer nur nett zu sein. Hinzu kommt: Wer zudem selber Geschwister hat, weiß, dass gerade auch unter Brüdern oftmals die Fetzen fliegen. Dagegen ist auch nichts zu sagen, wenn man dann wieder beieinander sitzen kann.

In der Kirche wird dieses „die Fetzen fliegen“ lassen dennoch oftmals unterdrückt. Selbst- und Fremdwahrnehmung spielen dabei eine große Rolle. Nach außen hin bloß nicht negativ auffallen. Bloß nicht streiten. Diese Haltung ist absolut schade, weil die Kirche so einen Teil allgemein anerkannter Gesprächskultur ungenutzt liegen lässt. Und das ist sogar doppelt schade, weil ein richtig guter Streit durchaus neue Räume des Gesprächs eröffnen kann. Das gilt übrigens nicht nur für die kirchlichen Arbeitsräume.

Alle haben sich verstanden!, wird doch erst da ein ganz guter Satz, wo er auch zutrifft. Verordnen kann man so was nicht, aber eine Kultur, die dergleichen aufnimmt auf den Weg bringen, das kann man schon. Ich halte mich darum an Pfingsten und glaube, dass hier der Kirche etwas mitgegeben worden ist, dass unbedingt in die hauseigenen Werkzeugkoffer gehört.

Wenn der Heilige Geist für das besserer Verständnis unter den Christinnen und Christen und den Menschen aus aller Welt gesorgt hat, dann haben sich die umstehenden Menschen nicht beschwert, weil die dort versammelten Apostel ein stilles Schreibgespräch mit den willigen Passanten begonnen haben, sondern weil sie laut und deutlich und mitunter wohl auch überschwänglich erzählt und geredet haben. Über das Evangelium und die Erlebnisse mit Jesus Christus zu schweigen wäre der Sache gegenüber auch nicht dienlich gewesen.

„Störungen haben Vorrang“ lautet darum auch ein Satz aus der kommunikativen Arbeit mit Gruppen und Menschen und die Sache mit Jesus war eine solche ganz gewaltige Störung! Wie hätte man das verschweigen können?! Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Man muss sich eben auch darauf einlassen auf die Botschaft und das bedeutet ganz oder gar nicht. Christsein ist demnach ein Fulltime-Job und keine Teilzeitbeschäftigung zwischen 10.00 Uhr und 11.00 Uhr am Sonntag. Damit gilt es dann auch, den Begriff der Kommunikation des Evangeliums ernst zu nehmen. Es geht also nicht nur darum, am Sonntagmorgen mit dem nötigen Handwerkszeug versorgt zu werden. Es gilt dann auch, dieses Handwerkszeug zu gebrauchen. Wer das nicht sieht, der „widerspricht der kritischen, der deformierenden und daseinsrmeuemden […] Situation, den Status quo aufbrechenden. […] Solches findet da statt, „wo die Kommunikation des Evangeliums gelingt, aber nicht unbedingt so, wie sie weithin erfragt wird, als Rechtfertigung des Status quo, sondern als seine Aufhebung.“ (Ernst Lange, in: Predigen als Beruf, S.11, 1976.)

Ohne Abgrenzung, ohne klare Inhalte, ohne ein aufrichtiges „Nein!“, das dann auch Spannungen provozieren kann, ging und geht es nicht. Alles andere würde den Geist der Freiheit der Lächerlichkeit preisgeben. Paulus, dessen Briefe in diesem Predigtjahr ja ganz oft den Nagel auf den Kopf treffen, hatte das schon zu Beginn des Christentums so formuliert:

[TEXT]

Der Geist der Welt mag ein „alles geht“ predigen, wir können das nicht. Und damit steht Paulus, wiedermal, gegen alle Schönrederei. Er arbeitet lieber die Kontraste heraus: Kommunikation die gelingt, so könnte man auch sagen, funktioniert nicht im wegwischen aller bestehenden Unterschiede.

Vielmehr ist es die klare Trennung, und in manchen Fällen auch die nötige Abgrenzung, was uns als Christinnen und Christen ausmachen sollte. Paulus macht darum die Grenzen dicht und trennt alldieweil zwischen himmlisch-geistlich und irdisch-menschlich. Die Kluft zwischen denen da oben und denen da unten könnte nicht größer sein, als in diesem Moment. Aber in der vermeintlichen Engführung liegt wohl auch die Stärke des Textes. Über die Ausweitung des Bundes haben wir letzte Woche gehört und heute greift darum wohl die alte Weisheit, wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Weite Räume sind schön und gut, aber ohne Kompass verliert man sich leicht.

Der richtige Ton macht die Musik, erst recht beim Streiten. Aber trotz aller Kommunikationsangebote und Möglichkeiten kommt die Sprache oftmals nicht aus sich heraus. Der Geist Gottes gibt uns einen weiten Raum. Den betreten wir nur leider oft gar nicht. Ist es denn so schlimm, wenn es um die Sache auch mal Auseinandersetzungen gibt? Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Gerede übereinander anstatt miteinander zu reden bringt uns nicht weiter zum Ziel.

Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Am heutigen Geburtstag der Kirche kann es für uns kein größeres Geschenk geben als die Möglichkeit zur gelingenden Kommunikation und „deshalb gilt es, Räume zu schaffen, in den die unterschiedlichen Meinungen offen ausgesprochen und der darüber notwendige Streit ebenso offen ausgetragen werden kann. Erst dort, wo die ständige Herausforderung des Eigenen durch das Andere Selbstverständlichkeit geworden ist, ist eine umfassende […] Sicht der Dinge möglich. Wo die Gräben so tief sind, dass man nicht mehr miteinander reden will, müssen verbindliche Dialogstrukturen das Miteinander regeln. Denn an unserer Fähigkeit zum Gespräch über die Gräben hinweg wird sich entscheiden, ob wir noch eine Kirche sind“ (Vgl.: Johanna Rahner: Streit anfangen, in: Die Zeit, 16. Mai 2012, S.60). AMEN!

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