Himmelfest

Himmelfahrt – der Name dieses Feiertages hört sich schon eigenartig an. Was verbindet sich mit diesem komischen Begriff? Eine Mischung aus Himmel und Raumfahrt – oder wie?

Himmelfahrt ist eigentlich ein traurig fröhlicher Anlass: Jesus lässt seine Jüngerinnen und Jünger nach Tod und Auferstehung alleine. Und er gibt ihnen Mut und Vollmacht, sein Werk weiter voran zu treiben. Darum auch ein frohes Fest: wir feiern, was uns zugetraut wird.

Und da schreibt einer an bedrohte Gemeinde. Er hat Vorstellungen von der Wirklichkeit und von der Zukunft. Er ahnt welche Gefahren und Probleme auf die Gemeinde zukommen. Aber er weiß auch um die Kraft, die dieser Gemeinde innewohnt. Davon redet er vor allem in seiner Einleitung:

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Da wählt einer die Form eines Briefeingangs. Der Schreiber stellt sich vor und gibt eine theologische Visitenkarte ab. Das Wesentliche: Ich bedeute etwas; denn er hat uns zu Königen und Priestern gemacht. Ihm sind wir soviel wert, dass Gott Mensch wurde und gelitten hat. Und dieser Gedanke hat etwas Revolutionäres und Aufatmendes zugleich. In komplizierten Schachtelsätzen betont er: Jesus Christus ist für uns mehr als ein großer Prediger und Wundertäter. Er ist Sohn Gottes, der sich für uns eingesetzt hat, der uns befreit hat von allen Vorwürfen. Er macht uns zu seinen Stellvertretern auf der Erde – uns alle.

Im Mittelpunkt steht darum der Wunsch nach Gnade für die Angeschriebenen: Dieser Wunsch allein macht sich über drei Verse breit und führt aus, wer es ist, von dem wir Gnade erwarten dürfen. Und erklärt, was wir ihm bereits verdanken: Wir sind Geliebte und Erlöste. Wir sind Könige und Priester. Und darum will Gott uns seine Liebe und Zuwendung schenken.

Die Frage nach den praktischen Folgen stellt sich für den Schreiber nicht. Vielleicht auch weil Schreiber und Angeschriebene zwar an unterschiedlichen Orten, aber in der gleichen Situation leben.

Sie wussten beide wie schwierig der christliche Glaube in unchristlicher Gesellschaft ist.

Da könnte es passieren, dass wir das heute auch so erleben. Wir spüren wie die Gesellschaft sich zwar christlich nennt, aber immer mehr vom christlichen Leben entfernt. Damit auch vom Inhalt des Festes Himmelfahrt entfernt.

Himmelfahrt ist das Fest der Befreiten. Fest von Menschen, die die Freiheit haben mit dem Geist des Herrn und seinem Wort, seine Gemeinde zu bauen.

Die Himmelfahrt Christi ist voller Verheißung, aber auch Belastung. Die Himmelfahrt hat etwas von erwachsen werden der christlichen Gemeinde. So wie Kinder zu Jugendlichen und Erwachsenen werden, wird Gemeinde erwachsen. Da wächst Bewusstsein für die eigenen Möglichkeiten, aber auch Beklemmung, weil Grenzen manchmal viel schmerzhafter erfahren werden, Einschränkungen brutaler deutlich werden. Ich erhalte Geist und ich erhalte Sendung. Der irdische Herr verlässt die Seinen, aber er lässt sie nicht allein. Er gibt ihnen Verantwortung, aber er gibt ihnen auch Vollmacht. Kinder erleben Ähnliches. Immer öfter regeln sie Dinge allein, sind aber auch für die Folgen ihres Tuns verantwortlich. Ihre Eltern vergrößern den Freiraum, dass sie sich selbst, ihre eigenen Möglichkeiten und Probleme entdecken.

So ist Himmelfahrt. Menschen werden freigesprochen. Sie werden ernannt zu Königen und Priestern. Ihnen wird eine eigenen Würde und Ehre zugesprochen.

Das ist nicht nur schön. Weil Freiheit gepaart ist mit Verantwortung. ‚Eltern haften für ihre Kinder‘ hat nichts mehr mit meiner Wirklichkeit zu tun. Ich hafte für mich selbst. Bei Jugendlichen erfährt man das manchmal brutal. ‚Das machen doch alle‘, ist dann ein beliebtes Argument, dass sich aber als Trugschluss erweist. Was alle machen muss nicht richtig sein. Ich trage Verantwortung für mein Handeln, auch für mein nicht Handeln.

Himmelfest ist aber auch das Fest des Vertrauens. Jesus Christus hat soviel Vertrauen, dass er Menschen mit seiner Botschaft allein lässt und ihnen Verantwortung überträgt, dass seine Sendung weiter geht. Uns vertraut er. Und wir dürfen damit leben und darüber nachdenken: was bedeutet dieses Vertrauen in unserem Leben, im Alltag und am Sonntag.

Aber natürlich darf auch das ‚Weinen‘ um seinen Tod (Vers 7) nicht ausgelassen werden. Wo bin ich Schuld am Leiden Christi. Wo ist mir das Leiden Christi gleichgültig, (etwa wenn seine Schwestern und Brüder Verfolgung leiden), wo ist mir das Ergehen der Geringsten keine Anstrengung wert?

Erwachsen sein heißt eben auch: Nicht immer nur auf mich selber schauen, sondern auch sehen: Wie geht es den Menschen in dieser Welt.

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