Also Schluss jetzt!

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Salz gehört auf die Straße. Oder aufs Frühstücksei. Oder, wie wir gerade gehört haben, in die eigene Sprache. Und wenn es in die eigene Sprache gehört, dann doch erst recht in die eigene Rede über das, was mich unmittelbar angeht, mich berührt, mir die Kraft gibt, auch nach schweren Schlägen weiter zu machen, auch nach nicht gelungenen Gesprächen wieder aufeinander zu zugehen.

Also schluss jetzt mit so Langweiler-Aussagen wie die einer in sich gekrümmten Kirche, die nur darüber jammern kann, dass sie sparen muss.
Schluss jetzt auch mit der anderen Bekundung, dass in jedem schrumpfen immer auch eine Chance für den Betroffenen liegt; eine solche Aussage gilt nach meiner Auffassung nur für Tumore jeder Art.
Und dann gehört somit natürlich auch jeder Fingerzeig auf die bösen Anderen, die uns das Leben schwer machen gestrichen. Denn wir haben doch die Wahl: Wollen wir die kleine bedeutungslose Schar sein, die wir in den Augen manch anderer schon sind, oder lieber doch nicht?!

Also weg mit allen grauen Gedanken über Personalkürzungen, Stellenstreichungen und was da nicht sonst noch alles dazu gehört. Klar ist das ein erheblicher Teil unserer kirchlichen Realität, aber müssen wir uns darum davon bestimmen lassen? Glaubt hier irgendjemand, dass wir wirklich attraktiver werden nur weil wir uns immer offensiver in Selbstmitleid baden?
Ach ja, es ist alles so schlimm, die Kirchen sind leer, keiner kommt. Fest steht doch: Trotz dieses Wehklagens über die angeblich nötigen Einschnitte – finanziell und personell – werden wir wohl oder übel zu der überflüssigen Versammlung, zu der uns andere schon längst erklärt haben. Vergessen Sie bitte nicht, welche Grundausstattung wir mitbringen, wenn alle Landeskirchen insgesamt 4,2 Mrd. Euro an Kirchensteuern im Jahr 2010 nur bezogen auf die EKD hatten. Erzählen Sie das z.B. mal einem Afrikaner, der dieses Steuersystem gar nicht kennt und mich mit großen Augen fragt, warum wir trotz solcher Zahlen dann eigentlich Leute entlassen müssen?

Halten wir fest: Wer sich also nur mit sich selbst beschäftigt, wird kein Ohr und keine Auge mehr haben für andere. Und das ewige Klagen hilft uns auch nicht weiter.

Paulus hatte das schon erkannt. Übrigens ganz ohne PR-Berater, ohne teure Werbekampagne, die ja immerhin auch gerne mal ein paar Millionen kostet und damit an anderer – und wie anzunehmen ist wohl auch sinnvollerer – Stelle fehlt. Die Vorstellung, wie viele Türen man mit einer gut angelegten Gehaltsoffensive in den typischen kirchlichen Arbeitsfeldern, wie Diakonie und Kindergärten, öffnen könnte, würde man die Kohle dort statt bundesweit an Plakatwände investieren, bleibt unvollendet!
Ist ja nicht so, dass uns keiner gesagt hätte, wie es auch anders geht! Paulus hat einfach mal so gesagt, wie er sich das vorstellt, mit dem christlichen Glauben und dem dazu gehörigen Leben: Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.

Prima. Was für ein Satz. Leider verhalten sich nur zu wenige danach. Viel zu viele Zauderlinge scheinen in diesen Tagen die Geschicke in der Hand zu halten. Man möchte sich bloß nicht festlegen, um niemanden zu verletzen oder aus den ohnehin schon fast leeren Kirchenbänken auch noch den Letzten zu verscheuchen. Man will schließlich keinen verlieren. Schon gar keinen Kirchensteuerzahler, die sind ja so wichtig!

Dieses selbst gewählte Babylon, diese selbst gewählte Beliebigkeit, führt dann eben dazu, dass sich die Leute andere Fluchten suchen. Weg von den großen Institutionen, hin zu den bequemeren Angeboten. Bei facebook einen hochgestreckten Daumen zu drücken ist eben einfacher, als eine eigene Meinung zu formulieren. Wer nur da mitmacht und das unterstützt, indem er nicht mehr aufrüttelt, hinweist, schreit, flucht und mit den Widrigkeiten kämpft, sondern diese als gegeben hinnimmt, der tritt Paulus nicht nur vor das Schienbein…!

Es reicht nicht aus, den geneigten Kirchenbesuchern nach dem Mund zu reden. Immerhin glaube ich, dass die Krise der Kirche heute auch zu einem guten Teil darin besteht, „dass wir […] Antworten schuldig bleiben wo ein klares […] Reden verlangt ist.“ (Vgl.: Martin Hüneke, in: Predigtstudien, Perikopenreihe IV, S. 53, 1994).

Es reicht nicht aus, die heißen Eisen unserer Zeit, PID, Kriegseinsätze der Bundeswehr, verhungernde Menschen aus Profitgier nach Ackerboden, um nur ein paar zu nennen, einfach auszublenden, weil man den Leuten, die den Weg hierher in die Kirche gefunden haben, die Zeit zwischen dem gerade eingenommen Frühstück und dem kommende Mittagessen nicht zu sehr versauen möchte.

Jedem muss doch klar sein, dass die da draußen die Samtbehandlung anders haben könnten! Und einfacher. Jeder halbwegs trendige Friseurladen bietet heutzutage Wellnesspakete an. Oder einfach den Fernseher anmachen zuhause und schöne Menschen im Fernsehen anschauen. Was dann nicht in die erwartete Sonntagsabendgestaltung passt wird weggeschaltet. Wie es euch gefällt! Wir müssen doch da nicht mitmachen!

Wer also diese Parkett der seichten Unterhaltung betritt und mittanzen möchte, der hat doch nicht verstanden, worum es hier geht. Um nichts anderes als um die existentiellen Fragen nach Leben und Tod. "Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?", wurde ich im Konfirmandenunterricht gefragt und ich konnte antworten: "Das ich mit Leib und Seele nicht mir sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre!" So habe ich es gelernt und darum geht’s:
Was trägt mich, wenn ich unten bin?
Was zählt wirklich in diesem Leben?
Welche Struktur ist wirklich erhaltenswert, weil sie wirklich auch systemrelevant ist?
Es geht darum, die innere Betroffenheit zu erforschen, ausgelöst durch die Tat dieses Mannes, der da am Kreuz hängt und uns persönlich anspricht und uns einlädt! Bei Paulus heißt das: Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin.

Aber Vorsicht! Wer die Tür zu weit aufreißt, der macht sich Arbeit und wer in Fesseln liegt, ist nicht so ganz beweglich. Wer also zu viel Salz in die Suppe streut, der kann diese auch leicht versalzen! So reden nur die Vorsichtigen, die, die Angst haben, klare Worte zu finden um klare und überaus deutliche Missstände zu beschreiben. Warum soll man nicht auch sagen dürfen, was falsch und was richtig ist?
Wieso hinter dem Berg halten mit dem, was wir selber für richtig halten? Nur weil es gerade nicht dem Zeitgeist entspricht? Warum nicht einfach die vorhandene Tür weit aufstoßen und mutig und frei davon erzählen, was uns widerfahren ist mit diesem Gott?!

Immerhin: Paulus weiß auch dazu einiges zu sagen: Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Das heißt doch nicht: Passt euch um alles in der Welt an. Fallt nicht auf. Streitet nicht mit anderen über die Aussagen, die ihr in eurem Glaubensleben trefft.
Das heißt doch viel mehr: Nehmt die Strömungen wahr, schaut den Leuten aufs Maul und dann kümmert euch darum, jenes, was diese Menschen bewegt, in Worte zu fassen und auszusprechen. Und benennt das als falsch, was falsch ist. Paulus sagt: Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.

Wir kommen also letztlich zur zentralen Frage des heutigen Morgens: Wie kann man es schaffen, dass die so oft gehörte und mitunter fesselnde Botschaft – sowohl in der negativen als auch in der positiven Bedeutung des Wortes – die Tür aufgehalten bekommt und in die Welt gehen kann? Das wird kaum gelingen, wenn wir die Türen angsterfüllt vor zu viel Schärfe verschlossen halten. Das gelingt nur, wenn wir davon erzählen, was, warum, wie und wieso überhaupt wir mit diesem Gott etwas zu tun haben wollen – und warum er mit uns!
Diese Rede darf dann aber nicht langweilig sein oder sich nur um sich selber drehen. Dieses Reden coram publico soll, darf, muss kann anecken und muss auch nicht immer auf Beifall treffen, aber zum Gespräch einladen. Nicht nur verteidigend, auch fordernd.

Paulus macht da, ganz wie es seine Art ist, konkrete Vorschläge. Seid weise. Achtet darauf,, was dran ist. Seid verbindlich und beständig. Kein hohles Blabla. Eure Rede sei Ja, Ja; Nein, Nein! Gut gewürzt und nicht lasch. Ganz so, als wäre das Salz der gekonnt eingesetzte Geschmacksträger, der erst so richtig hilft, den ganzen guten Geschmack zu entfalten. Lange Rede kurzer Sinn:
Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt. Amen.

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