Verbindlichkeit

Mit Bindungen haben Menschen oft so ihre Probleme. Man bindet sich nicht gerne auf Dauer, nicht an die Firma, nicht an eine Partei. Im Zweifelsfall geht ‚man‘ eher ins Studio, als in den Sportverein. Und in der Partnerschaft scheinen lebenslange Bindungen nicht unbedingt erstrebenswert.

Ehrlich gesagt: so ganz glaube ich nicht an diese Beobachtung. Aber ich merke, ein bisschen was davon schlummert auch in mir: Bloß nicht zu viel Verpflichtung, Verbindlichkeit.

Von Verbindlichkeit für alle Ewigkeit spricht aber unser heutiger Predigttext:

[TEXT]

Der Bund ist eigentlich Teil der Geschichte Israels – er wird hier zur Zukunft Israels als neuer Bund, als Bund, den Gott selber erneuert um den Menschen eine neue Chance zu geben. Und es ist ein Bund für alle Menschen, die an den Gott Israels glauben. Die Frage an uns ist, wie weit wir uns mit dieser alttestamentlichen Verheißung identifizieren können.

Diese Frage muss jeder Mensch für sich selbst beantworten.

Der neue Bund, den Jeremia verheißt, muss ja nicht automatisch, der Bund in Jesus Christus sein, von dem wir gerne reden. Aber als ChristInnen finden wir manches von den Worten Christi im verheißenen neuen Bund wieder.

Wer aber das tut, muss auch zurückblicken auf den Alten Bund, der Befreiung aus dem Land der Sklaverei. Der Gott Jesu Christi ist der, der keine Gefangenschaft will, auf Guantanamo nicht und nirgends. Er will Menschen, die sein Gesetz in den Herzen und im Sinn haben. Er will, dass Menschen sich nicht gegenseitig belehren, sondern sie alle gemeinsam die Erkenntnis haben – sind wir auf dem Weg? Sicher ist das Ziel ein Werk Gottes, aber wer den Weg will, kann nicht die Hände in den Schoß legen, muss sich selber aufmachen. Das Gesetz, wie es genannt wird, ist kein starres Gesetz, es sind die 10 Gebote, der Wille Gottes, der nicht dem Buchstaben nach, sondern dem Sinn nach erkannt werden will. Aber es ist ein wesentlicher Wegweiser auf dem Weg zum Willen Gottes und zu seinem neuen Bund.

Gottes Bereitschaft zur Vergebung und Gottes Liebe zu den Menschen haben Konsequenzen, die in den Menschen eingraviert werden sollen – ins Herz. Darum ein neuer Bund. Der zerbrochene Bund macht die Menschen (Israel) schutzlos und hilflos. Der neue Bund ist keine Neuauflage, sondern etwas komplett Neues. Er ist begründet in der freien Zuwendung Gottes zu den Menschen und nicht in einem Exodus-Geschehen. Das ist zugleich ‚schon jetzt‘ geschehen und ‚noch nicht‘. Die Gemeinde lebt im Wartestand und zugleich in der Zuversicht mit der Gabe des Heiligen Geistes.

Tage werden kommen .. das ist das Thema dieses Textes: auf was warte ich eigentlich. Auf weiter wachsenden Wohlstand, die ökologische Katastrophe, die Vereinsamung in facebook oder einen neuen gesellschaftlichen Aufbruch.

Oder warte ich auf den Advent Gottes, darauf, dass es der Herr selber ist, der seiner Schöpfung neue Hoffnung anbietet, der das no future – Gerede beendet, weil es Hoffnung gibt jenseits allen menschlichen Verstandes.

Es gibt eine Zukunft, die mehr ist als die Gegenwart. Es ist noch längst nicht Alles passiert. Unser Text ist geprägt durch das Gegenüber zweier Zeiten. Der Anfang mit dem Exodus, als das Volk sich von Gott ‚an die Hand’ nehmen ließ und den Bund am Sinai schloss. Und die Zeit des Bundesbruchs und Niedergangs bis ins Exil. Dieser Bruch macht eine Erneuerung notwendig – nicht von Gottes Seite. Aber er tut den ersten Schritt auf die Menschen zu. Die christliche Botschaft beginnt ebenfalls damit, dass Gott den ersten Schritt tu. An Weihnachten kommt er den Menschen entgegen und wird Mensch.

Hier geht es im Grunde und dem Wesen nach um Freundschaft, um Partnerschaft: Um freie Zuwendung um des anderen Willen. Dieser Bund ist am Ehesten der Ehe vergleichbar. Eine gute Ehe entscheidet sich nicht an der Qualität der Hochzeitsfeier, sondern im Alltag, im täglichen Miteinander.

Unser Glaube entscheidet sich im Alltag. Was bedeutet dieser Gott, der sich immer wieder neu den Menschen anbietet, in meinem Leben? Auf diese Frage muss ich immer wieder eine Antwort finden. Mit dieser Frage darf ich auch meinen Nächsten begegnen. Wenn ich immer neue Chancen bekomme, kann ich auch anders mit den Menschen umgehen. Dann lerne ich vielleicht auch das Geschenk kennen, das in der Verbindlichkeit steckt, in der Verbindlichkeit von Freundinnen und Freunden, die zu mir stehen, in der Verbindlichkeit von Partnern, die mit Inbrunst an ihrer Beziehung gemeinsam arbeiten, in der Verbindlichkeit von Eltern, die zu ihren Kindern Ja sagen, auch wenn manchmal so Vieles dagegen zu sprechen scheint. Verbindlichkeit ist das Tun Gottes. Verbindlichkeit ist eine Gabe, die auch ich lernen kann.

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