So ist das mit dem Beten

Liebe Gemeinde,

ein Bauer kam einmal in ein Wirtshaus, in dem schon viele Gäste waren, darunter auch feine Leute aus der Stadt. Der Bauer setzte sich hin und bestellte sein Essen. Wie es ihm gebracht wird, faltet er die Hände und spricht das Tischgebet. Darüber machten sich die Leute aus der Stadt lustig, und ein junger Mann fragte den Bauer: "Bei euch zu Hause macht man das wohl so? Da betet wahrscheinlich alles?" Der Bauer, der inzwischen ruhig zu essen angefangen hatte, antwortete dem Spötter: "Nein, es betet auch bei uns nicht alles." Der junge Mann fragte weiter: "Na, wer betet denn nicht?" "Nun", meint der Bauer, "zum Beispiel mein Ochs, mein Esel und mein Schwein. Sie gehen ohne Gebet an die Futterkrippe."

„Rogate“, liebe Gemeinde: „Betet“ – so heißt unser Sonntag. Als Predigtwort liegt ihm ein Abschnitt aus dem Kolosserbrief im vierten Kapitel zugrunde. Ihn wollen wir zunächst hören:

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Unser Bauer war wohl einer, der dieses Bibelwort kannte. Er begehrte nicht auf gegen den Spötter aus der Stadt, blieb ruhig und freundlich und dennoch war seine Rede mit Salz gewürzt, nicht fade, sondern mit einer Pointe, die den Spötter zum Nachdenken bringen müsste.

Viele von uns erfahren es, wie schwer es im Alltag sein kann, das Gebet zu üben. Mal hat man Scheu vor den anderen, mit denen man im Raum sitzt. Mal wird wieder die mangelnde Zeit bemüht. Zeit etwa, die man morgens einsparen kann – länger schlafen, schneller aufbrechen und vieles anderes mehr.

Dabei aber verwechseln viele Menschen das Gebet mit einer Maschine, von der man eine bestimmte Funktion erwartet. So, wie wir es gewöhnt sind z.B. bei einem Getränkeautomaten: Wir werfen eine Münze hinein, drücken den entsprechenden Knopf und unten heraus kommt die Flasche mit dem gewünschten Nass.

Manch einer probiert das Gebet und das Beten tatsächlich so: In großer Not etwa, bei einer diagnostizierten Krankheit oder vor einer schwierigen Aufgabe. Und wenn dann nicht das Ergebnis dabei herauskommt, welches sich der Beter vorgestellt hat, ist er enttäuscht und verkündet: „Das Gebet bringt doch nichts!“ In Gedanken hat er das Beten gehandhabt, wie eine solche Funktionsmaschine: Etwas eingeworfen und den Knopf gedrückt, aber aus seiner Sicht hat er für seinen Einsatz nichts bekommen. Betrug also?

Unser deutsches Wort „beten“ wird landläufig vom Wort „bitten“ her abgeleitet. Wer sich aber die Mühe macht, tiefer nachzuforschen, wird sehen, dass dies zu kurz greift. Beten hat mit bitten zu tun, aber bitten füllt das Wort beten nicht komplett aus. Beten ist mehr als bitten.

Bei einer Bitte möchte ich doch, dass mir ein Gegenüber, den ich in der Bitte anspreche, etwas tut oder in irgendeiner Form handelt. Hier ist noch am ehesten der Vergleich mit dem Getränkeautomaten möglich. Ich bitte z.B. jemanden, mir etwas zu leihen, eine Arbeit für mich zu tun oder mir in irgendeiner Weise zu helfen. Schlussendlich hat diese Bitte daher immer auch mit mir – dem Bittenden – zu tun. Sie ist sozusagen immer auch auf mich gerichtet.

Wer dies einfach überträgt auf das Gebet, kann gar nicht anders, als es ebenso zu verstehen: Ich bitte Gott, dass er etwas an mir oder für mich erledigt. So „funktioniert“ aber Gott eben nicht. Solche Gottesbilder können sich sogar schrecklich auswirken, denn Enttäuschung und das Gefühl, nicht gehört oder nicht verstanden zu werden, ist fast zwangsläufig die Folge eines solchen Bildes.

Gebet ist mehr, sagte ich vorhin. „Wacht in ihm mit Danksagung!“, sagt unser Predigtwort. „Danke“ zu sagen ist aber schon ein anderer Schritt. Er setzt voraus, dass ich sehen kann, dass an mir bereits etwas getan worden ist. Ich warte also nicht erst auf ein Ereignis oder eine „Leistung“ oder ein Handlung, sondern deute eine Handlung so, dass ich sie auf mich beziehe und mich darüber freue! Vieles davon ist natürlich eingespielt bei uns und wird kaum noch so wahrgenommen. Nehmen wir das Beispiel eines Geburtstages: Ich habe Geburtstag und Menschen gratulieren mir oder bringen sogar ein Geschenk vorbei. Dafür bin ich dankbar: Ich freue mich, dass jemand Anteil nimmt an meinem Leben. Dies geschieht sozusagen ohne Aufforderung. Ich gehe ja nicht Tage vor meinem Geburtstag herum und bitte alle Menschen, die mir begegnen, mir zu gratulieren oder mir etwas zu schenken.

„Wach sein in Gott in Dankbarkeit“ heißt also zunächst auch einmal zu erkennen und zu bekennen, wofür ich dankbar sein darf. Meist fällt uns ja ein, was uns scheinbar noch fehlt, was wir noch brauchen oder was uns alles nicht gewährt wurde. Dankbar sein in Gott meint aber noch viel Grundsätzlicheres: „Wer ist es denn, der dich geschaffen hat?“ – „Wer erhält dich denn am Leben?“ – „In wessen Hand darfst du dich geborgen fühlen?“ Sie kennen diese Fragen in ähnlicher Form aus dem Buch Hiob.

Wer sich natürlich immer für alles Gute, was an ihm geschehen ist, selbst die Leistung zuschreibt, der wird solche Dankbarkeit nicht kennen. Dieser Mensch muss allerdings ein paar Grenzen stecken oder Ausnahmen machen: Seine Geburt wird er dann zuschreiben einem Zufall der Evolution. Dass er als Kind aufwachsen durfte ohne größeren Unfall oder andere Verhinderungen vielleicht ebendiesem. Die Liebe seiner Frau zu ihm wird er dann schon eher wieder sich selbst zuschreiben: Seiner Ausstrahlung, seinem Vermögen, vor anderen gut dazustehen und ähnlichem.

Wer aber ein Stück tiefer geht, dem wird sich an diesen „Rändern“ des Lebens eine Ahnung davon einstellen, wie sehr ein Mensch nicht aus sich allein heraus lebt. Viele Theologen sprechen hierbei von der kontinuierlichen, von der andauernden Schöpfung – also von der Begleitung Gottes im Leben.

Ein Gebet ist also im eigentlichen Sinne erst dann ein Gebet, wenn ich beides verbinden kann: Die grundlegende Erkenntnis, dass ich bereits Grund zu Danken habe. Das Bekenntnis, dass an mir etwas geschehen ist, noch bevor ich selbst handeln konnte. Und dann – quasi auf dieser Grundlage – auch die Bitte.

Wer diese Erste erkennt, dem werden dann auch die Bitten immer weniger detailhaft geraten, weil er ja gerade nicht mehr alles selber „leisten“ muss, sondern sich schon begreift als ein Mensch, der gehalten und bewahrt ist. Ich erlebe Menschen in Krankheit und Not, die trotz ihrer Not und ihrer Krankheit an diesem grundlegenden Bekenntnis nicht zweifeln: Nämlich, dass sie ihr ganzes Leben in Gottes Hand geborgen sind. Und das auch, wenn es zum anderen „Rand des Lebens“ hingeht, nämlich auf den Tod zu.

„Wach“ muss man für dieses Beten sein, weil unser Alltagstrott einen oft blind macht für all diese geschenkten Dinge um uns herum. Wach sein, damit ich wahrnehmen kann, begreifen kann und schließlich auch benennen kann, wofür ich so dankbar bin. Ochs, Esel und Schwein in unserem Anfangsbeispiel können eben dies nicht: Geschehnisse einordnen, Erlebnisse deuten und sie dann in Sprache benennen und bekennen. Das kann in dieser Form nur der Menschen. Auch deswegen, liebe Gemeinde, ist Religion immer mehr als nur ein Gefühl oder ein Erleben: Das tun die Tiere auch. Sondern Religion hat immer mit dem Deuten des Erlebten zu tun und mit der Kommunikation darüber, dem Reden und Bekennen.

Rogate stellt also einen größeren Zusammenhang her und verortet den Standpunkt eines Menschen in diesem Leben. Christen sind Menschen mit einem solchen Standpunkt. Wie den aber nach außen vertreten? Was sagt unser Predigtwort dazu: „Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“

Kauft die Zeit aus – vergeudet sie nicht und seid freundlich einem jeden gegenüber. Aber seid eben dazu bereit: Jederzeit Auskunft zu geben über die Hoffnung, die in euch ist!

„Ein junger Mann, der sich schon tage-, wochen-, ja monatelang bemüht hatte, beten zu lernen und auch zu meditieren, stellte fest, dass einfach keine Erfahrung da war, die blieb. Er behielt nichts in den Händen zurück, es zerrann ihm alles wie Wasser zwischen den Fingern, nichts Greifbares blieb zurück. Er war bereits ganz verzweifelt und wollte schon mit dem Gebet und der Meditation aufhören, da hörte er von einem Weisen, der in der Wüste lebte und der ein Meister in Gebet und Meditation sei.

Also gut, dachte er, einen letzten Versuch will ich wagen und diesen Weisen besuchen und ihn fragen, wie denn das Beten ginge. Und er machte sich auf, fand den Weisen in der Wüste und fragte ihn: "Du bist doch ein Meister in Gebet und Meditation, lehre mich so beten, dass für mich auch ein Erfolg dabei herauskommt." Und der Weise sagte zu ihm: "Siehst du den dreckigen Drahtkorb dort liegen?" "Ja!" "Dann nimm ihn und hole damit Wasser."

Der junge Mann nahm den Drahtkorb, ging einige hundert Meter bis zum Brunnen, schöpfte mit dem Drahtkorb Wasser und machte sich auf den Weg zum Weisen. Doch bis er dort angekommen war, war alles Wasser aus dem Drahtkorb herausgelaufen.

Der Weise sagte zu ihm: "Geh und hol Wasser!" Und er machte sich zum zweiten Mal auf den Weg, doch der Erfolg war genau derselbe. Der Weise forderte ihn zum dritten Mal auf: "Geh und hol Wasser!"

Und das wiederholte sich noch einige Male, bis der junge Mann ungeduldig wurde und dachte: "Das klappt doch nie, ich frage den Weisen einmal." Und er sagte zu ihm: "Du siehst doch, mit dem Drahtkorb kann man kein Wasser holen, es läuft alles heraus."
Da sagte der Weise: "Genauso ist es mit dem Gebet, du hast zwar kein Wasser zu mir gebracht, aber der Drahtkorb, der am Anfang dreckig war, ist jetzt sauber, und so verhält es sich auch beim Beten.“

Und der Friede Gottes, der weiter trägt, als wir es manchmal sehen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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