Beten – Bitten und Danken im Gleichklang

Liebe Gemeinde, wird heute noch gebetet?
Das gemeinsame Tischgebet scheint aus der Mode gekommen zu sein. Es wird vielleicht noch von ein paar engagierten Familien praktiziert. Am häufigsten wohl auf kirchlichen Tagungen und – Freizeiten aus der Gruppendynamik heraus oder auf Anregung der Theologen. Doch was ist mit dem privaten Gebet, im stillen Kämmerlein, als Nachtgebet, als Gebet an der Ampel, im Bus oder im Schaukelstuhl? Ich unterlasse es dies zu beurteilen. Andererseits wer regelmäßig betet, weiß vielleicht auch um das Wohltuende eines Gebetes, auch wenn es manchmal kurz und belanglos ausfällt.

Gelegentlich erfahre ich wie wichtig ein Gebet ist, wenn mich Jemand bittet: „Beten Sie für mich!“ Oder wie wohltuend es sich anfühlt, wenn mir jemand sagt: „Ich habe für dich gebetet.“ Das macht ein wunderschönes Bauchgefühl.

Dass Menschen füreinander beten können, gehört zu den großen Gaben des Glaubens. Wir können unsere Ängste und unsere Schuld vor Gott bringen. Wir können Ihm danken und unsere Bitten für die Menschen in der Welt darlegen.

In Krisensituationen wird vielen Menschen das Gebet besonders wichtig. „ Not lehrt beten!“ heißt es. Aber vielen ist unbekannt, wie und was sie beten können, dann brauchen sie Hilfe. Als Jesus von seinen Jüngern gefragt wurde, wie sie beten lernen könnten, gab er ihnen das „Vater unser“. Mit diesem konnten sie ihre Bitten vor Gott bringen. Das „Vater unser“ reicht vollkommen aus, damit ist alles gesagt. Allerdings sind selbst formulierte Gebete auch möglich, erlaubt und gewünscht. Jeder kann nach seiner Fasson mit unserem HERRN ins Gebet treten.

Allerdings, was ist in Zeiten wenn alles positiv läuft? Da vergessen die Menschen das Gebet wieder. Und doch, gerade dann ist es besonders wichtig, Danksagungen dem HERRN, unseren GOTT, für all die Wohltaten die er uns angedeihen lässt, dar zu bringen.

Für Paulus war das Gebet der Gemeinde ein zentrales Anliegen. So wollte er (oder einer seiner Schüler) am Ende des Kolosserbriefes der Gemeinde in Kolossä Mut machen zum Gebet.

Aus dem Gefängnis schreibt er dieser Gemeinde unseren heutigen Predigttext: Kolosser 4, 2-6.

Dies sind Schlussworte ohne Ermahnungen, gute Worte die man einem lieben Menschen mit auf den Weg gibt. „Halt die Ohren steif!“, sagen wir oft, wenn wir einem Menschen gute Wünsche mitgeben wollen. Genau das ist hier gemeint.

Paulus (oder sein Schüler) wusste um die Kolosser, um ihre Streitereien und um die vagabundierenden Irrlehren. Vieles war in der Gemeinde in Unordnung geraten. Die Menschen standen sich dort differenziert gegenüber, es menschelte sehr stark. Er versuchte ihnen Strategien an die Hand zu geben um im persönlichen, wie auch im gemeinsamen Gebet diese Situationen zu entflechten.

In Gebeten den Glauben zu finden. Getragen von der Hoffnung, dass dort wo wir füreinander und miteinander beten, wir auch gemeinsam Antworten finden auf die drängenden Fragen des Glaubens.

Beten bedeutete für Paulus, die eigene Wirklichkeit zu sehen und vor Gott zu bringen. Und auch die eigene Hilfsbedürftigkeit zuzugeben und Gott um Hilfe zu bitten.

GOTT wird durch unser Gebet tätig. Wir müssen am Ball bleiben und diese Möglichkeiten nutzen. Und dazu gehört Ausdauer. Ausdauer braucht jeder Sportler. Wer z.B. als Spieler zur Fußball-WM reist und hat zu wenig trainiert, kann eigentlich gleich wieder zurückfahren. Dies gilt auch für die Fans vor Ort oder am Fernseher. Ohne Ausdauer wird ein solches Ereignis wenig Freude bereiten.

Wer vom Gebet immer wieder wegzappt, wie am Fernseher, mit Aussagen wie: „Jetzt brauch ich kein Gebet, mir geht’s gut.“ oder „Jetzt ist es zeitlich gerade ungünstig.“, verpasst das Entscheidende. Demjenigen entgeht die Wohltat, seine Sorgen und Ängste, sowie seine Bitten und Danksagungen in Gottes Hand legen zu können. Dieser Mensch verpasst möglicherweise Gottes Antwort.

Uns Menschen geht das Beten in guten Zeiten verloren. Darum, Beten muss immer wieder eingeübt und trainiert werden. Es ist hilfreich in der Gemeinde oder in einer Gemeinschaft zu beten. Allerdings, das Beten in Gemeinschaft oder auch im „Stillen Kämmerlein“ soll zwanglos geschehen, dadurch eigne ich es mir leichter an.

„Staecks“ Ironisierung von Dürers „Betenden Händen“ mit dem Schraubstock, ist Ihnen vielleicht bekannt. Die berühmten „Betenden Hände“ werden zusammengehalten von einem Schraubstock. Die Grafik illustriert, das erzwungene Gebet. Sie zeigt aber auch, wie oft unsere Texte missbraucht worden sind, um Menschen zu etwas zu zwingen, wovon man Menschen nur überzeugen kann: „Dem Gebet!“

Ich bewundere es, wenn Muslime zu festgelegten Zeiten sich gen Mekka wenden um zu beten und merke gleichzeitig, wie fremd mir das ist. Das Gebet als Regel finde ich schwierig und trotzdem merke ich, dass es mir helfen könnte, mich im Gebet zu üben. Vielleicht muss ich meine eigenen Rituale entwickeln, tun, was mir gut tut, und Gott bitten, dass er mich und mein Gebet segnet.

Beten heißt, auch etwas tun. In den Klöstern galt die Devise: „Ora et labora. Bete und arbeite.“ Wenn ich zu einem Tun Gottes Hilfe erbitte, gebe ich ihm auch die Möglichkeit tätig zu werden.

Z.B. werden in einigen Kirchen und kirchliche Gruppen speziell für Christen in Verfolgung Fürbitten gehalten. In der NS-Zeit gab es Fürbittenlisten über die Brüder und Schwestern im Gefängnis genauso wie für die, die im Kampf ihr Leben riskierten. Aber, das Gebet für die Verfolgten birgt evtl. auch Konsequenzen. Denn die Mächtigen entwickeln eine eigenartige Angst vor den Gebeten der Gemeinde für die von ihnen Verfolgten.

Martin Luther schrieb: „Ich habe heute viel zu tun, da muss ich viel beten“. Ich bete nicht weil ich zu viel Zeit habe, sondern weil ich ohne das Gebet nichts tun kann. Das Gebet verleiht mir Kraft, mutig das Meine zu tun und das Andere in Gottes Hand zu legen. Im Gebet bitte ich Gott um diese Unterstützung.

Luther hat einen weiteren schönen Satz geprägt: „Wenn es anders kommt als wir erbitten, kommt es besser.“ Wer ehrlich betet muss damit rechnen, dass die von GOTT geführten Wege eine andere Richtung einschlagen, als der Betende ursprünglich geplant hatte. Ich muss lernen, dass Gott mit meinem Leben seine eigenen Vorstellungen hat. Dadurch kann es sein, dass meine persönlichen Anliegen unerhört bleiben.

Ein gutes Gebet enthält auch immer die Bitte aus dem „Vater unser“: „Dein Wille geschehe.“ Das Gebet ist auch eine Form der Meditation, aber vor allem ist es das Gespräch eines Menschen mit seinem Gott.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrer Michael Schäfer in Spiesen-Elversberg.)

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