Offene Räume

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des hl. Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Der Predigttext für heute steht im Kolosserbrief im 4. Kapitel (Kol. 4,2-4, Gute Nachricht):
Lasst nicht nach im Beten, werdet nicht müde darin und tut es immer mit Dank! Betet dabei auch für uns, dass Gott uns eine Tür öffnet für seine Botschaft. Wir sollen ja das Geheimnis bekannt machen, das in Christus beschlossen ist. Als Verkünder dieses Geheimnisses sitze ich hier im Gefängnis. Bittet Gott darum, dass ich es weiterhin offenbar machen kann, wie es mein Auftrag ist.

Liebe Gemeinde,
Sie als meistens langjährige Detmeroderinnen und Detmeroder kennen die beiden gut: Don Camillo und Peppone. Der eine groß und schlank, der andere klein und gedrungen. Die beiden prägen das Bild des Stadtteils. Ich meine mich zu erinnern, dass irgendjemand mir erzählt hat, dass die beiden markanten Hochhäuser ursprünglich Adam und Eva heißen sollten, das der Wohnungsbaugesellschaft aber zu einseitig religiös war.
Jetzt also ‘Don Camillo und Peppone’. Die Benennung – so habe ich es im Internet gelesen – ist neben der Hommage an die beiden Haudegen auch als Würdigung der italienischen Gastarbeiter zu lesen.

Don Camillo und Peppone sind die Hauptfiguren der bekannte Romane von Giovannino Guareschi. Sie spielen in de rZeit nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 60er Jahre hinein. Don Camillo ist der auch in der Statur mächtige und unkonventionelle Dorfpriester, Peppone der kommunistische Bürgermeister. Beide engagieren sich für die Menschen, ideologisch stehen sie sich aber als Gegner gegenüber und bekriegen sich, wo sie nur können.
Sie haben das sicher in den bekannten Filmen mit den Darstellern Fernandel und Gino Cervi gesehn und sich über die hitzigen und manchmal sogar handgreiflichen Auseinandersetzungen der beiden genauso köstlich amüsiert wie ich.
In Filmen spiel das Kruzifix der Dorfkirche eine große Rolle. Mich hat das als Kind immer unheimlich fasziniert: Wie Don Camillo auf dem Weg zu einer seiner Aktionen immer erst am Gekreuzigten vorbeimusste, der genau wusste was er vorhatte. Im direkten Gespräch erörtern die beiden die aktuelle Situation. Camillo spricht ganz unverstellt und normal mit Christus. Manchmal will Camillo gar nicht mit Christus reden, dann schleicht er sich vorbei – aber der Christus am Kreuz lässt ihn damit nicht durchkommen. Einmal prügelt er sich sogar in seiner Wohnung und dreht das dortige Kruzifix vorsorglich um. Manchmal spricht Camillo mit Christus, aber der antwortet nicht, weil der Priester vollkommen verstrickt ist in seine ganz eigene Sicht der Dinge oder sich schuldig gemacht hat. Aber meistens haben die beiden einen ganz unverkrampften direkten Draht.

Ich beneide Don Camillo.
Immer beten, nicht müde darin werden, und das immer mit Dank. Allezeit vom Geheimnis Christi erzählen– das ist nicht so einfach. Das schaffe ich nicht einmal in meinem ganz normalen und verhältnismäßig friedlichen und geregelten Alltag. Geschweige denn aus dem Gefängnis, wie es der Verfasser des Kolosserbriefes für sich sagt.
Ja, wenn es mir wie Camillo ginge!
Wenn ich jeden Tag an Christus vorbeimüsste und der mich ansprechen würde: Anke, was machst du denn schon wieder? Oder: Kümmer dich mal um jenes Gemeindeglied, der braucht dich heute am meisten. Oder ich könnte ihm mal eben so erzählen, was mir auf der Seele liegt und Christus hätte gleich einen guten Rat oder eine Ermutigung für mich. Dann, ja dann wäre das mit dem allezeit beten vielleicht etwas einfacher. Auch mit dem Dank und der freudigen Weitergabe des Evangeliums.
So ist es in meinem Leben aber nicht – und ich vermute, dass es vielen anderen Christen nicht anders geht als mir. Wer hat schon Zeit und Muße, den ganzen Tag zu beten? Vielleicht Mönche oder Nonnen, die diese Glaubenspraxis in den Mittelpunkt ihres christlichen Lebens stellen…

Vielleicht wäre es auch gar nicht so erstrebenswert, wie Don Camillo so einen Christus im Haus zu haben, dem ich ständig Rede und Antwort stehen müsste. Das kann ja auch lästig sein, vielleicht gar übergriffig wie der alles überwachende Big Brother von George Orwell.

Vielleicht aber geht es aber auch gar nicht um Sprechen, nicht mal ums Hören einer göttlichen Stimme – sondern um das Leben in der Gegenwart Gottes. Vielleicht ist das das Faszinierende an der Geschichte von Don Camillo. Dass da jemand mit Christus wie mit einem vertrauten Hausgenossen lebt. Da muss ich mir gar nicht aus dem Innersten irgendwelche Gebete rauswinden, weil mein Hausgenosse mich doch sowieso kennt. Ich kann vielleicht das machen, was ich den Konfirmanden letzte Woche vor dem Einzug in den Gottesdienst geraten habe. Dass sie vor dem Hinsetzen einen Moment sich Zeit nehmen, um Gott zu sagen: „Hier bin ich. Hilf mir zu hören und zu verstehen“. Oder: „Schenk uns einen schönen Konfirmationsgottesdienst.“ So simpel.
Manchmal ist das vielleicht mehr als viele tiefsinnige abgerungene Worte, die aber nur unser Inneres wiederholen, anstatt uns zu öffnen.

In der Vorbereitung für die Gruppe Feministische Theologie in der vorletzten Woche bin ich bei Fulbert Steffensky auf Gedanken gestoßen, die mich sehr angesprochen haben. Steffensky berichtet von den Gebetserfahrungen eines vormals weltlich orientierten jüdischen Wissenschaftlers, Leon Wieseltier, der sein religiöses Judentum wiederentdeckt. Der schreibt:
„Meine Gebete wurden im wachsendem Maße zu verzweifelten Anstrengungen der Subjektivität, nicht anderes, und ich konnte nicht glauben, dass die Intensität meiner Gefühle für die Wahrheit dessen, was ich sagte, auch nur die geringste Bedeutung hatte. Den Beweis der Wahrheit zu erbringen stand nicht in meiner Macht. … Der Beweis musste von außen kommen. Ich war der Innerlichkeit überdrüssig.“ (1)
Leon Wieseltier entdeckt in dieser Situation die alten traditionellen Gebete für sich, findet darin Halt und eine Wahrheit von außen: „Die wunderbaren, vertrauten, kraftlosen Worte gehen mir leicht von der Zunge.“ (ebd.)

Ich habe mich in diesen Gedanken sehr wiedergefunden und verstehe sie für mich so:
Ich muss mir nicht andauernd Gebete abringen, die meine Innerlichkeit widerspiegeln, sondern kann mich an den alten vertrauten Worte des Vaterunsers, eines Psalms oder eines Chorals entlang hangeln. Viele Menschen – auch solche, die gar nicht regelmäßig zur Kirche gehen – sagen mir: „Abends vor dem Schlafen bete ich oder beten wir immer das Vaterunser“.
Das ist eine Form zu zeigen: Ich gehöre zu dir, Gott, und in seiner Gegenwart zu leben.
Mir geht es auch so: Die manchmal sehr altmodisch formulierten, aber bekannten Worte helfen mir, mich für die Gegenwart Gottes in meinem Leben zu öffnen und zu sensibilisieren. Sie machen „wach“ auch für die Not anderer. Natürlich können wir uns als Christinnen und Christen mit unseren eigenen wohlformulierten oder dürftigen Worten an Gott wenden.
Wir können aber auch in die Gebete hineineingehen, wie in Räume, die andere vor uns gebaut haben.
Vor langer Zeit oder heute.
Wie zum Beispiel in dieses Gebet von Dietrich Bonhoeffer – und damit möchte ich schließen -, das mir oft durch den Kopf und das Herz geht:

In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht.
Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht.
Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe.
Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden.
In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld.
Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.

Ein guter Raum, wie ich finde, der jedem offensteht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(1) zitiert nach Fulbert Steffensky: Schwarzbrot-Spiritualität, S. 29f..

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