Am Ball bleiben

Viele Briefe des Apostels Paulus sind Briefe aus dem Gefängnis. Überhaupt ist Korrespondenz aus dem Gefängnis oft sehr eindrücklich. Menschen sind in dieser Situation sehr auf sich geworfen. Man denke nur an die Briefe von Bonhoeffer in ‚Widerstand und Ergebung‘.

Der Apostel Paulus bzw. einer seiner Schüler schreibt aus einem Gefängnis einen Brief und unser Abschnitt könnte die Überschrift haben: was ich noch zu sagen hätte. Das letzte Kapitel des Briefes ist sehr persönlich und sehr direkt:

[TEXT]

Wir kennen die Jüngerbitte: Herr, lehre uns Beten. Als Antwort schenkt Jesus den JüngerInnen das Vaterunser und die Einladung zu beten, wie einem der Schnabel gewachsen ist mit kurzen Sätzen mit Gott reden wie mit einem Freund, der das meiste eigentlich schon weiß und es trotzdem hören soll. Und es auch hören will.

Darum macht der Schreiber den Gemeindegliedern Mut zum Beten. Für ihn hat das Beten mit der sportlichen Anstrengung etwas zu tun: Man muss es trainieren. Beharrlich bleiben im Gebet, damit ist nichts anderes gemeint. Auch das Gebet will geübt werden. Nicht weil ich Gott nur in einer bestimmten Würde und mit wohl gesetzten Worten gegenübertreten kann, sondern vor Allem, weil ich mich immer neu überwinden muss, zuzugeben, dass es Gott ist, der mir helfen kann. Auch wenn ich manchmal meine, ich könnte alles allein bewerkstelligen, hätte alles im Griff.

Wer betet, gibt zu, dass er Hilfe braucht und das macht der Briefschreiber vor. Er betet zu Gott und er bittet seine Schwestern und Brüdern ihn in ihr Gebet einzuschließen. Sein Haupt-Gebetsanliegen ist es, dass Gott Türen öffnet, damit Menschen das Evangelium hören und immer neue christliche Gemeinden entstehen.

Es gibt Differenzen in der Gemeinde – wie sollte es auch anders sein, wenn Menschen Gemeinschaft bauen. Da hat jeder seine Meinung und kämpft mit Leidenschaft darum, die besten Lösungen zu finden. Darum gibt es Hinweise. Differenzen müssen ausgehalten werden – und gleichzeitig überwunden werden im gemeinsamen Gebet. Erst wenn das geschieht, können sich Wege auftun, die helfen Glauben in unterschiedlicher Gestalt im friedlichen Miteinander zu leben.

Beten heißt auch damit zu rechnen, dass Gottes Wege nicht meine Wege sind. Aber Beten heißt für den Briefeschreiber auch, darauf zu hoffen, dass Gott auch meine Wege kennt und weil er mich liebt, mir weiterhilft, manchmal auch Wege zu gehen, die ich eigentlich nicht wollte.

Wer betet spricht mit Gott. Er darf mit ihm sprechen wie mit einem Freund. Und das wird in unserem kurzen Abschnitt deutlich: Wo Menschen beten verändert sich etwas. Menschen verändern sich. Sie werden stark – gerade die Menschen in Not – weil sie spüren: Ich bin nicht allein. Das sind Menschen, die beten mit mir und für mich. Und das tut gut. Man fühlt sich nicht mehr verlassen. Man ist nicht verlassen von den Menschen nicht und von Gott auch nicht.

Unser Text sind Schlussworte, nicht Ermahnungen, sondern gute Worte, die man einem lieben Menschen mit auf den Weg gibt – ‚Halt die Ohren steif’! Nicht als billiger Trost, sondern als ernst gemeint Einladung. Da gibt es gute Gründe zu vertrauen. Da gibt es die Einladung Gottes, der dem Gebet offene Türen verheißt. Da gibt es das Zeugnis der Schwestern und Brüder, denen das Gebet im Leben geholfen hat. Trotzdem: Beten muss ich selber. Ich darf mir Gebete leihen, darf mich ermutigen lassen von den Schwestern und Brüdern. Aber ich muss selber herausfinden, welche Gebete zu mir passen und welche Gebetssituationen ich bevorzuge. Meine eigenes Gebet will Gott hören – und das muss ich lernen, daran muss ich mich übern. Es geht weder um langatmige Sätze, noch um fromme Formulierungen. Es geht darum, dass ich vor Gott trete, so wie ich bin, so wie ich Hilfe Gottes brauche.

Beten ist auch Seelsorge. Christliche Seelsorge ist nicht nur das liebevolle Zuwenden zu einem Menschen in seiner Situation, sondern auch das Gebet für diesen Menschen. Manchmal erfährt man davon: ‚Ich bete für dich‘ – vor einer Prüfung oder Operation. Das tut gut und befreit. Ich fühle mich begleitet.

Beten ist gerade nicht das Aussteigen aus einer Wirklichkeit, sondern sich mit der Wirklichkeit vor Gott stellen, auch mit seiner Hilfsbedürftigkeit. Im Gebet bietet sich Gott uns an, macht sich uns verfügbar. Wir müssen nur am Ball bleiben. Immer neu überlegen, welches Gebete denn heute mein Gebet ist und darüber unsere Mitmenschen nicht vergessen.

Und auch nicht vergessen, wofür ich dankbar bin. Beten kann meinem Leben Qualitäten verleihen, für die ich dankbar bin. Ich erkenn, wie gut es mir eigentlich wirklich geht und ich erkenne, wer mein Gebete und meine Hilfe braucht. Und das ist das Spannende in unserem kurzen Abschnitt. Das Gebet hat Folgen für den Umgang der Betenden mit ihren Mitmenschen. Wir lernen unsere Zeit neu zu nutzen für ein gutes Miteinander. Wir lernen unsere Zeit zu nutzen, nicht um uns zu ärgern, sondern um freundlich miteinander umzugehen und gleichzeitig deutlich zu sagen, was uns wichtig ist.

Beten heißt natürlich auch, damit zu rechnen, dass Gottes Wege nicht meine Wege sind, aber vor allem heißt es darauf zu vertrauen, dass Gott es ist, der mich begleitet auf meinen Wegen, auch da, wo sie falsch sind.

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