Schickung in den Zusammenhang

Liebe Gemeinde,

glauben sie an den Zufall? Das ist heute unser Thema: Zufall. Glauben sie, dass es Zufall gibt?

So sagt man doch: Gestern habe ich zufällig die Frau – ach, wie heißt sie noch – unsere alte Nachbarin wiedergetroffen.

Wir alle erzählen von Zufällen, wenn wir unsere Lebensgeschichten erzählen. Derzeit bereite ich etliche Hochzeitsgottesdienste vor. Gerne frage ich die Paare, wie sie sich kennen gelernt haben. "Zufällig", ist die häufigste Antwort. Man könnte tatsächlich ein Buch darüber schreiben, wo Ehen sich anbahnen. Das reicht von A wie "Autounfall" bis Z wie "Zug verpasst". Da kommen Kindergärten, Straßenkreuzungen, Hörsäle aber auch Baugruben und mancherlei andere Orte und Gelegenheiten vor.
Lernt man sich zufällig kennen? Eine Redensart meldet leisen Protest an: Ehen werden im Himmel geschlossen! Von wegen Zufall!

Was ist ein Zufall? Versuchen wir, uns das einmal klar zu machen. Beginnen wir mit einem widersprüchlichen Satz: Nächste Woche werde ich zufällig einen alten Klassenkameraden wieder treffen. Dieser Satz macht keinen Sinn. Warum nicht? Was ich im Voraus weiß, ist kein Zufall mehr.

Zufall können wir immer erst dann feststellen, wenn etwas geschehen ist. Der Zufall ereignet sich mit und nach seinem Eintreffen. Da werden zwei Kinder geboren. Beim ersten spricht keiner von Zufall, aber beim zweiten stellt man fest, dass sein Geburtstag zufällig mit dem des Opas identisch ist. Das hatte niemand erwartet und so wird der Geburtstag zum Zufall. Zufall ist das, was entgegen unseren Erwartungen eintrifft.

Glauben sie an Zufall?

Man könnte nun antworten: Ich glaube an Gott, aber doch nicht an den Zufall. Und ich frage weiter: Sieht ihr Glaube an Gott Zufall vor?

Wir nähern uns dem Lebensbezug dieser eventuell lustigen oder bloß spekulativen Frage.

Gott und Zufall? Passen diese beiden Begriffe zusammen?

Aus den Debatten um die moderne Atomphysik kennt man den Einwurf von Albert Einstein: Der Alte würfelt nicht! Mit diesem Einwurf wandte sich der geniale Einstein gegen die von jüngeren Atomphysikern behauptete Tatsächlichkeit von Zufällen im Bereich der Atomphysik. Alles, alles, wirklich alles ist berechenbar, lautet das Credo der klassischen Physik. Sie setzt damit im wissenschaftlichen Kontext ein theologischen Thema fort:

Fast die gesamte mittelalterliche Theologie war darum bemüht, alles was nur irgendwie nach Zufall roch, aus dem Umkreis Gottes zu entfernen. Gott weiß alles, ist alles, umfasst alles. Gott ist, er wird nicht. Er ist höchstes Sein. Seine "providentia", seine Vorhersehung bestimmt alles und jedes.

Aber wie geht ein derartig starres und über alles erhabene Gottesbild mit unserem Leben zusammen?

Wenn wir von unserem Leben erzählen, erzählen wir von Zufällen. Wer aufmerksam die Bibel liest, dem fällt auf, wie oft Wendungen vorkommen wie diese: Da gereute es Gott, dass er… usw.. In der Verbindung griechischer Philosophie mit der jüdisch-christlichen Tradition ging diese Lebendigkeit, diese Unberechenbarkeit Gottes verloren. Gott erstarrte zum Gottesbegriff. Und dieser starre Gottesbegriff wiederum provozierte letztlich den modernen Atheismus. Wir erleben unser Leben als Raum der Freiheit, als Raum voller Zufälligkeiten. Wie aber passt dieses Erleben mit einem Gott zusammen, der starr und unbeweglich gedacht wird?

An diesem Punkt setzt unsere biblische Erzählung ein. Sie handelt von Fesseln und erzählt vom "Wächter der Gefesselten".

Paulus und Silas werden ins innerste Gefängnis geschleppt. Ihre Füße zwängte man in einen Holzblock. Im griechischen Text heißt der, der wachen soll, wörtlich übersetzt: "Wächter der Gefesselten." Nun sind auch die beiden Apostel in dem Zustand, wie der eben skizzierte, philosophische Gottesbegriff: Sie sind unbeweglich, können keinen Schritt machen. Sie sind zur Starre verdammt. Sie sind – um es noch genauer zu sagen – äußerlich zur Starre verdammt. Ihr Inneres, ihr Glaube bleibt jedoch beweglich, greift aus, durchdringt mit Leichtigkeit die Mauern und schreitet aus dem Gefängnis und hebt sich zum Himmel empor. Hier blitzt etwas auf vom wahren, vom lebendigen Gott.

"Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott". Das tun sie im Gefängnis, in der aufgezwungenen Erstarrung. Das, was sie dort tun, mag auf andere so widersprüchlich wirken, wie der eingangs zitierte Satz, der jetzt so lauten könnte: Morgen wird uns Gott zufällig befreien. Darauf hoffen wir.

Das, was wir Zufall nennen, hängt von unseren Erwartungen ab. Ehe wir uns dem Fortgang unserer Bibelgeschichte wieder zuwenden, fragen wir uns nun danach, ob wir Zufall in unserem Leben überhaupt vertragen?

Wo wir auch hinschauen, sind wir Menschen darum bemüht, den Zufall zu reduzieren. Schauen wir in die Wissenschaft: Unter dem Elektronenmikroskop suchen wir nach den kleinsten Bauteilen, erforschen unsere Gene und sagen gerne auch, wie durch Gene doch alles irgendwie vorherbestimmt sei. Andere – weniger wissenschaftlich – suchen in den Sternen Hinweise darauf, Zufälligkeiten schon im Voraus auszuschließen. Nicht wenige von uns haben für die Unwägbarkeiten des Lebens Vorsorge getroffen – was ja nun wirklich vernünftig ist – damit Zufall ist seiner etwaigen Wucht von Vornherein eingeschränkt wird.

Wie viel Zufall vertragen wir? Im beruflichen Leben ist manchem das Thema "Karriereplanung" wichtig. In der Politik ist es Mode geworden, Entscheidungen als "alternativlos" darzustellen, was ja auch nichts anders heißt, als zu sagen "Unsere Entscheidung ist nicht zufällig", weil es den ja gar nicht gibt.

Eine Internet-Partnerbörse wirbt mit dem Zusatz, "gezielte, wissenschaftlich fundierte Partnervorschläge" zu unterbreiten. Unterschwellig liegt darin das Versprechen, dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen.

Wie viel Zufall vertragen wir? Welche Gefühle steigen in ihnen auf, wenn das Telefon klingelt? Viele wollen vorher, ehe sie abheben wissen, wer auf der anderen Seite sprechen wird. Die moderne Technik macht es uns möglich.

Wie viel Zufall hatte man uns zugestanden? Vielleicht führt uns diese Frage noch näher an die existentielle Dimension unseres Themas heran? Hatte man ihnen vor vierzig Jahren zugestanden, dass ihr Ehepartner anderer Konfession ist oder anderer Herkunft oder anderer, sozialer Schicht? Zufällig hatte man sich kennen und lieben gelernt, aber das familiäre Umfeld haderte lang mit dem "schlimmen Schicksal".

Auf welcher Seite stehen und leben wir? Mancher wird sich gut in Paulus und Silas hinein fühlen können, weil man selbst in manchen Lebenstagen mit gefesseltem Gemüt leben musste, zur Unbeweglichkeit verdammt.

Mag jemand zugeben, dass sein Bezug zur heute zu bedenkenden biblischen Geschichte eigentlich dem "Wächter über die Gefesselten" sehr nahe kommt?

Geistlich, gefühlsmäßig und auch im Glauben fühlt manche/r sich sicherer, wenn vorweg schon festgestellt ist: Es gibt keinen Zufall. Alles ist determiniert, bestimmt, vorherbestimmt. So wird das Leben im doppelten Sinne "entsorgt".

Im Internet betriebt jemand eine Seite, auf der allen Ernstes die Abschaffung des Strafrechtes gefordert wird, weil man doch einsehen müsse, dass Menschen in allem was sie tun, genetisch und gesellschaftlich determiniert, vorherbestimmt seien. Nichts ist zufällig, weil es keine Freiheit gibt.

Hier halten wir erst einmal inne und wechseln – nur scheinbar – das Thema.

Der heutige Sonntag trägt den Namen "Kantate". "Singt dem Herrn und lobt ihn" ist das Grundthema aller Lieder, die wir heute singen.

Was geschieht im gesungenen Gotteslob? Ich zitiere hier einen Theologen, Karl Barth, der sein ganzes theologisches Denken auf das "Wort Gottes" konzentrierte. Umso erstaunlicher ist, was er über Mozarts Musik geschrieben hat. Ich zitiere: "Mozart empfand den "Frieden Gottes, der höher ist als alle lobende, tadelnde, kritische oder spekulative Vernunft. Er hatte das gehört, was wir am Ende der Tage einmal sehen werden: Die Schickung im Zusammenhang. Mozart sah dieses Licht so wenig wie wir alle, aber er hörte die ganze von diesem Licht umgebene Geschöpfwelt. Und indem er … hörte, brachte er eigentlich nicht seine, sondern ihre eigene Musik hervor, ihr … Gotteslob. Er war selbst nur Ohr für jenes Klingen und sein Vermittler für andere Ohren."

Die Engel, so Karl Barth an anderer Stelle, spielen für Gott die Musik von Johann Sebastian Bach, für sich selbst aber spielten sie Mozart.

Indem wir Musik hören, die unsere Seele erreicht, erhebt uns etwas. Für einen Augenblick ahnen wir die Schönheit des Lebens und einen Augenblick lang trägt uns eine Harmonie aus anderer Sphäre. "Von Schuberths Musik", so der Philosoph Adorno," stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es uns verspricht."

Diese Ahnung der uns verheißenen Harmonie, die "Schickung im Zusammenhang" die wir in der Musik, die wir besonders in der Kirchenmusik erleben, erleben dürfen, klingt hinein in unser oft so widersprüchliches, zerrissenes, aufgewühltes, durcheinander geworfenes Leben. Es gibt immer weniger Menschen, die gerne singen. Ob das Angst vor dieser Begegnung mit der anderen Sphäre dabei eine Rolle spielt?

Damals, im Gefängnis, in der aufgezwungenen Starre und in den Fesseln ist im Herzen der Apostel der Glaube geblieben, die Hoffnung auf den Zufall Gottes. Es spricht sich aus im Lob und im Gebet. Die Seele hat sich trotz aller Fesseln nicht niederringen lassen. Andere mögen draußen gestanden sein und sprachen: Das hat man ja erwarten können, dass die wegen ihrer aufrührerischen Rede ins Gefängnis kommen. Ist ja kein Zufall.

Stets sind wir bemüht, auf diese Weise uns das Leben zu entsorgen. Das habe ich ja geahnt. Das hat so kommen müssen. Das war mir schon lange klar, dass es darauf hinaus läuft. Das hast du davon. Bist ja selber schuld.

In Wahrheit aber sind wir unweigerlich in Unordnungserfahrungen verstrickt. Selten läuft das Leben so, wie wir es geplant haben. Da habe ich nicht nur die dunklen Erfahrungen im Blick. Unsere alte Bibelstory lenkt uns doch dahin, die andere Seite, die schöne Seite, die Seite der Freiheit zu sehen und zu glauben.

Ein Erdbeben – die Bibel weigert sich hier, Gott als Ursache zu nennen – bricht die Fesseln. Inmitten dieser seismologischen Katastrophe erleben unsere beiden Apostel Freiheit. Die Fesseln brechen auf. Sie werden zu Lebensrettern, indem sie das Leben des "Wächters über die Gefesselten" retten. Sie erzählen ihm, warum sie so sind. Sie erzählen von Christus.

Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

Alles nur Zufall oder müssen wir nun, um theologisch korrekt zu bleiben, nun doch wieder von Gott als dem sprechen, der keinen Zufall kennt?

Was sage ich denn, wenn ich das "Wort des Herrn" sage? Damit sage ich doch:

In Jesus ist uns die endzeitlich verheißene Harmonie des Lebens in Liebe und Versöhnung erschienen. "Credo quia absurdum est", soll Augustinus geschrieben haben. Damit meinte er: Er glaube, weil das, was in Jesus offenbar geworden ist, sich aus keinem Gesetz und aus keiner Philosophie ableiten ließe. Es ist geschehen, es ist aus Gott, es ist zufällig geschehen. In Jesus zeigt sich der lebendige Gott, kein Gottesbegriff. In Jesus offenbart sich der unerforschliche, unergründliche Gott in seiner uns und dem Leben zugewandten Seite. Grund dieser Zuwendung ist Freiheit, ist Liebe, ist das, was uns zufällt, ist Zufall.

In Jesus ist uns ein Bild gegeben, oder – in Reverenz zum heutigen Tag – eine Melodie, eine Sinfonie, deren Klang unsere Seele rettet, weil darin das ganze Leben enthalten und komponiert, zusammengefügt ist: Die Freude der Geburt, die starke Kraft der Zuversicht, die Gewissheit, in Schuld nicht verderben zu müssen, der Auftrag, Leben zu gestalten, ihm Form und Melodie zu geben, die doppelte Pause des Todes, der herrliche Schlussakkord. Vermag ich das Leben als Suche nach Gottes Harmonie zu sehen, muss ich den Zufall nicht fürchten. Im Gegenteil: Indem er sich ereignet, spüre ich etwas vom Leben, von Freiheit. Im Zufallenden bin ich gefordert oft bis über die Grenzen meiner Kraft, im Zufallenden bin ich gerettet gleichermaßen. Glaube vermag uns frei zu sprechen vom Zwang, alles erklären, alles beherrschen, lenken und leiten zu müssen. Glaube befreit uns aus den Fesseln, mit denen wir unser Leben eng und herzlos machen.

Wenn wir von Gott sprechen als dem Gegenüber unseres Lebens, dann doch nicht als den, der allen Zufall aufhebt. Gott ist derjenige, der uns Leben verspricht. Das ist nicht notwendig, aber auch nicht bloß zufällig. Dieses Versprechen geschieht in Freiheit, auf dass wir in Freiheit leben. Kairos, den Augenblick, in dem Gott sich unerwartet ereignet, nennt die Bibel solche Augenblicke, in den wir spüren, wie Gott uns trotz und wider alle Missklänge und Kakophononien, die wir ins Leben plärren, hineinnimmt, hineinführt in seine Harmonie, in den Klang seines Lebens.

Indem wir dem Versprechen Gottes glauben, ist uns Freiheit geschenkt. Freiheit zur Liebe, Freiheit zum Leben. Freiheit, innere Freiheit, all das anzunehmen, was uns zufällt. Es mag sich dereinst ordnen in der "Schickung im Zusammenhang". Bis dahin aber leben wir im Zufall, getragen von Gott, befreit von den Fesseln, die unser Verstand um alles legen will.

Amen

Verwendete Literatur:
Der verborgene Sinn. Religiöse Dimensionen des Alltags. Dietrich Korsch u.a. (Hg.); S. 140 ff (Beitrag von W. Sparn)

Jörg Lauster, Religion als Lebensdeutung. Theologische Hermeneutik heute. (Dort befinden sich die Zitate von K. Barth und Adorno).

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