Konzert im Knast

Einstieg:
Anspiel mit zwei Personen: Wärter und Fragesteller.
Entweder ist der Prediger der Fragesteller oder eine andere Person. Der Wärter kommt schlüsselklappernd aus der Sakristei. Mit Uniform und Dienstmütze, z.B. Polizeiuniform oder Wachmann-Outfit. Barrett oder Dienstmütze ist wichtig, in der Hand Schlüsselbund und Kette. Tritt ans Pult, wird befragt…

Hallo, mein Herr, darf ich Sie mal eben stören?

Ja, wenns nicht zu lange dauert. Ich drehe nämlich gerade meine Runde.

Wo arbeiten Sie denn?

Im Stadtgefängnis von Philippi. Da muss ich mich mehrmals am Tage überzeugen, ob alle Zellen dicht sind.

Ist das denn nötig?

Na hören Sie, ich bin hier der Chef. Ich trage die alleinige Verantwortung dafür, daß alle Gefangenen an Ort und Stelle bleiben.

Die sind doch sicher gut verwahrt.

So sollte es sein. Aber es kann immer was schiefgehen. Es ist ja nicht wie in Ihrem Jahrhundert, wo ein Justizminister die Schuld übernimmt, wenn ein Gefangener ausbüchst. Hier haftet der Aufseher mit seinem Leben.

Ist es denn schon mal vorgekommen, daß Ihnen ein Gefangener abhanden kam?

Einmal wäre mir um ein Haar die ganze Belegschaft entwischt.

Das interessiert mich. Erzählen Sie mal.

Also, wir hatten zwei Neuzugänge. Es waren christliche Missionare, die erstmals nach Europa übergesetzt hatten. Der eine hieß Silas, der andere Paulus. Einige Unternehmer, die mit obskuren Geschäften große Gewinne machten, hatten sie angezeigt.
So landeten sie bei mir.

Wie wurden sie behandelt?

Damals war ich noch kein Christ. Ich behandelte sie wie alle Gefangenen. Ich ließ sie auspeitschen und brachte sie fürs erste in die schlimmste Zelle. Da ließ ich ihre Füße in den Block einschließen. So hatte ich bisher noch jeden zum Zittern gebracht. Alle in der Stadt wußten, daß ich so mit den Inhaftierten umging. Ich hatte keine Freunde. Die Leute in der Stadt verachteten mich, und die Gefangenen krochen vor mir.

Diese offenbar nicht.

Nein, sie ließen alles ohne Murren und Flüche geschehen. Sie waren die ersten, die mich nicht mit Haß und Verachtung behandelten. Um Mitternacht sangen sie sogar christliche Lieder. Und dann kam das Erdbeben.

Eine Katastrophe?

In jener Nacht, als die beiden ihre Lieder sangen, zitterte die Erde. Die Wände wackelten. Ich wachte auf und stürzte auf den Flur. Alle Türen standen offen.

Peinlich für einen Aufseher.

Ich dachte, die sind alle auf und davon. Ich wußte, was mir blüht. Ich nahm mein Schwert und wollte mich hineinstürzen. Da rief eine Stimme: Tu dir nichts an, wir sind noch alle hier.

Kaum zu glauben.

Genau, ich dachte: Was kann es für einen Gefangenen wichtigeres geben als die Freiheit? Die müßten doch froh sein, einen Widerling, der sie so behandelt hat, los zu sein. Ich fragte sie, warum sie mich trotzdem mögen. Da erzählten sie mir von Jesus. Der Glaube an ihn ließe sie alle Menschen mit andern Augen sehen, selbst so einen Fiesling wie mich. Ich dachte: Das, was die haben, will ich auch haben.

Und weiter?

Ich versuchte erst mal gut zu machen, was ich angerichtet hatte. Ich wusch ihnen die Striemen ab. Dann fragte ich: Wie kann ich zu euer Einstellung finden. Sie sagten: Glaube an den Herrn Jesus, dann wirst du und dein Haus selig. Das habe ich gemacht. Ich bin auf die Knie gefallen und habe gebetet: Herr Jesus, du siehst mein bisheriges Leben. Ich war gemein und habe viele verletzt. Meine Arbeit bedeutete mir alles. Vergib mir. Zeige mir, wo du mich sinnvoll gebrauchen willst in dieser Welt. Und beschütze bitte diese beiden Männer, die mir zu Freunden geworden sind.

Und dann?

Dann hab ich die beiden zu mir nach Hause eingeladen. Er hat ja gesagt: Du und dein Haus. Ich hab meiner Frau und meinen Kindern alles erzählt. Nicht nur von dem Erdbeben. Auch wie ich vorher mit den Gefangenen umgesprungen bin. Die hatten ja keine Ahnung. Ich habe gefragt: Wollt ihr auch Christ werden?

Und wie haben die reagiert?

Klar wollten sie. Alle. Da haben wir uns dann alle taufen lassen. Wir sagten das Glaubensbekenntnis.
Danach legte uns Paulus die Hände auf und sagte über jedem einen Bibelspruch. Und dann haben wir alle das Lied gesungen aus jener Nacht. Mal sehen, vielleicht gründe ich noch einen Gefängnis-Chor.

„Konzert im Knast“, so möchte ich den Bericht aus der Apostelgeschichte titeln. Musik im Gefängnis ist zwar nicht ganz unbekannt. Jailhous Rock sang einst Elvis. Jonny Cash gab ein Konzert in St. Quentin, mit Todeskandidaten im Publikum. Der dort mitgeschnittene Song „A boy named Sue“ wurde ein Welthit. Hier aber wird nicht für die Gefangenen gesungen, sondern von Gefangenen. Die beiden Tenöre, die da zur Nacht ihre Lieder anstimmten, verkörpern so recht das Motto des heutigen Sonntags: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“

Für die Apostel waren es vermutlich nicht neue, sondern altbekannte Choräle. Sie kannten die auswendig. Kein Gesangbuch gab den Text vor. Kein Kantor den Takt. Für die anderen, die zugehört haben, waren alle diese Lieder neu. So ist das ja immer. Die Lieder der Christen sind für Außenstehende abgesehen von „O du fröhliche“ und noch einige wenige Ausnahmen ganz unbekannt. Die Lieder der Christen, wenn sie ernsthaft gesungen werden, sind vor allem immer dann neu, wenn sie zur Lebensmelodie geworden sind. Sie handeln nämlich von der Gnade und Treue Gottes, die jeden Morgen neu ist. Sie handeln von der Liebe Jesu. Sie handeln von den Schmerzen, die wir in dieser Welt durchmachen müssen. Sie handeln von der Sünde, der wir viel zu oft nachgeben. Das beklagen sie und rufen auf zur Umkehr, zu mehr Glauben, zu neuer Hingabe an den Herrn.

Wer die Bibel nicht kennt, mag sich fragen, was die beiden Apostel Paulus und Silas denn Schlechtes getan haben, dass man sie gleich im finstersten Verlies einkerkert. Sie waren angeklagt wegen Geschäftsschädigung. Angeklagt ist schon zuviel gesagt. Mit den Menschenrechten war es damals nicht weit her. Die beiden wurden ohne Verhandlung verprügelt und eingesperrt. Dabei hatten sie nur Gutes getan. Einer Wahrsagerin, die von feinen, aber skrupellosen Herren ausgebeutet wurde, hatten sie geholfen. Ursache ihrer zweifelhaften Begabung waren okkulte Fähigkeiten, Kräfte des Bösen. Im Namen Jesu hatten die Apostel den Geistern geboten. Die Frau wurde frei, die Apostel festgenommen. Die Geschäftemacher waren sauer und zeigten Paulus und Silas an. Da sitzen sie nun und schmoren in der Zelle.
Und da passiert das erstaunliche: Sie schmollen nicht, sie jammern nicht. Sie sagen Gott ihre Not. Sie loben auch hier, wie sie es offenbar immer getan haben. An nächtliche Ruhezeiten halten sie sich keineswegs. Es schlägt Mitternacht. Für sie nicht Geisterstunde, sondern Gebetsstunde. Nicht die Not, sondern die geistliche Ordnung, die sie sich angewöhnt haben, lässt sie beten und singen.

Kennen wir das noch? Pflegen wir das noch? In einer der Nachfolgeveranstaltungen der Spur 8 Abende geht es um solche gute Übung. Das Projekt nennt sich „ökumenische Exerzitien“, also Übungen. Es geht schlicht darum, sich zweimal am Tag Zeit zu nehmen für Stille werden vor Gott, Sich vertiefen in seine Wort, Beten. Und das Ziel ist ja wohl, wenn diese Reihe vorbei ist in 8 Tagen, das etliche der Teilnehmer weiterhin für sich diese gute Gewohnheit fortsetzen auch ohne wöchentliches Zusammenkommen der Beteiligten.

Zurück zur Musik. Was für Lieder die Apostel gesungen haben, wissen wir nicht. Aber wie sie gesungen haben. Nämlich laut. Es heißt nämlich: „Und die Gefangenen hörten sie.“ Gefängnismauern sind bekanntlich dick. Trotzdem waren die beiden gut zu hören. Also haben sie laut und deutlich gesungen. Nur wer überzeugt ist, von dem was er singt, stimmt laute Töne an. Deshalb ist es ein gutes Zeugnis, wenn eine Gemeinde kräftig singt. Bevor die Freikirche unserer holländischen Freundin in Rotterdam ihr eigenes Gemeindezentrum gebaut hat, waren sie gastweise in der Landeskirche. Evangelisch-reformiert. Am späten Vormittag, wenn die Hausgemeinde fertig war waren sie dran mit ihrem Gottesdienst. Bald sprach sich in der Nachbarschaft herum, dass sich in dem alten Kirchengebäude etwas geändert hatte. Der Grund: Der Gesang war bis auf die Straße zu hören. Die Nachbarn haben sich den Namen der neuen Freikirche, sie heißt Kirche des Nazareners, nicht gemerkt. Sie nannten sie einfach: Die singende Kirche.

Ein zaghafter, matter Gesang ist für Christen eine Schande. Lieber falsch oder gar nicht als leise. Die Welt gibt uns ein Beispiel. Zehntausende Norweger haben vorige Woche vor dem Gerichtsgebäude gesungen, wo der Prozess gegen den Massenmörder Anders Breivik läuft. Genau jenes Lied, über das er sich verächtlich geäußert hatte. Möglichst viele sollten es laut genug singen, damit er es anhören müsse.
Also Singen kann geradezu ein Bekenntnis sein. Aus der Grafschaft Lippe wird berichtet, wie der Landesherr Simon V. die neue evangelische Lehre streng ablehnte. Er mühte sich, sie in seinem Herrschaftsgebiet zu unterdrücken. Dies forderte er auch vom Rat der Stadt Lemgo. Die Stadt lag in seinem Territorium. Der Bürgermeister von Lemgo sollte den Beschluss umsetzen. Also schickte der Bürgermeister im Jahr 1533 seine Ratsdiener in die Kirchen. Sie sollten die Abtrünnigen, also die, die sangen, feststellen und zur Ordnung rufen. Die Diener kamen zurück. Und, konntet ihr herausfinden, wer abgefallen ist, fragt der Bürgermeister. Die Diener meldeten: „Ei, es ist alles verloren, sie singen alle!“

Sie singen alle, das können wir programmatisch nehmen. Der rechte Gesang darf sich nicht beschränken auf wenige Könner, die Noten lesen können, oder gar vom Blatt singen ohne Einweisung. Auf Ausnahmetalente, die ein Instrument spielen können in CD-Qualität. Die Kantate Losung steht im Plural, singet. Nicht, höret oder kauft, was die Musikbranche euch vorsetzt, singt selbst. Das ist ein klares Gegenprogramm zu unserer Zeit, wo das gemeinsame Singen abstirbt, nicht ausstirbt, aber abstirbt. Chöre gehen ein, die Jugendlichen konsumieren die Musik aus dem smartphone oder den Lautsprechern in der Disco. Trotzdem ist immer wieder erstaunlich, wenn bei Konzerten Tausende textsicher alle Hits der Solisten laut mitsingen auch ohne Karaoke-Leinwand.

Was können wir tun, damit das Singen bei uns auch in Zukunft den Raum einnimmt, der unserer Kirche gemäß ist? Der unseren Glauben stärkt und mitreißt? Es braucht zum einen die richtigen Lieder. Keine Kunstprodukt, entstanden aus der gemeindefernen Idee eines Komponisten. Das womöglich einen Preis erringt, aber auf dem Heimweg von der Kirche wird’s keiner summen, weil zu schwierig. In den wachsenden Kirchen außerhalb Europas entstehen ständig neue Lieder. In Gemeinden, die warten nicht auf eine Gesangbuchrevision. Das Kleben am Alten trägt die Gefahr in sich, daß man sich festlegt auf nur einen Stil, eben einen getragenen, betulichen, sakralen, lahmen. Vorhersagbar langweilig. Da muß frischer Wind rein, mit einer Begeisterung, wie sie am Palmsonntag Wochenende vom Adonia-Projekt zu sehen und zu hören war.

Aber wie gesagt: Das neue muss nicht brandneu sein. Für die vielen, die das Singen verlernt haben oder meinen, das sei uncool oder peinlich, braucht es Christen, die sie mitreißen. Die sie an die Hand nehmen. Deshalb freue ich mich immer, wenn die Kantorei hier ist. Nicht nur wegen der Stücke, die sie vorsingt. Auch, weil sie den Gemeindegesang so wunderbar verstärkt. Ich vermisse die Kantorei bei den Konfirmationen. Ist kein Vorwurf! Ich weiß ja, wie soll das gehen, die Kerngemeinde bleibt schon weg, damit die Konfirmandenfamilien Platz genug haben. Aber es ist schlecht, wenn da die Kerngemeinde fehlt und auch die Kantorei. Denn die Konfirmationsgesellschaften singen kaum. Vielleicht finden wir da noch eine Lösung, lasst uns das im Blick behalten.

Wo ebenfalls Hilfestellung beim Singen nötig ist, ist im Altersheim. Da gibt es zwar Nachmittage, wo Volkslieder gesungen werden. Aber das geistliche Lied erklingt selten, und die Mitarbeiter kennen es noch weniger als die Bewohner. Erfreulicherweise hat das Team eines Heimes jetzt eine Sonntagsandacht eingeführt ohne ohne dass ein Pastor einfliegen muss. Das gestalten die Mitarbeiter. Ich wurde um Hilfestellung gebeten und habe dafür ein Andachtsbuch erstellt. Als Arbeitshilfe für den, der jeweils dran ist, mit Andachten, Geschichten, Wochenlied. Das Buch ist jetzt in Gebrauch. Mit dem Singen klappt es nicht so recht. Die Lieder sind teils unbekannt, und Vorsänger fehlen. Die Lösung wäre ein vereinfachtes Andachtsbuch mit zwei Dutzend evangelischen Kernliedern. Dazu am besten eine CD, wo die Lieder drauf sind. Das klickt der Mitarbeiter an und schon ist ein satter Sound da, in den kann sich die Runde bei der Morgenandacht einklinken. Also das wäre meine Bitte an die Kantorei, und wer aus Posaunenchor oder von Ihnen hier mitmachen will, mag dazukommen. Wir machen einen Termin nach Pfingsten, da spielen wir die Stücke ein a capella, brennen sie auf CD. Und dann bringen wir die ins Heim. Stellt euch vor, am Sonntag drauf kommt ein Gebrause aus dem Andachtsraum, dass der Putzfrau der Besen aus der Hand fällt.

Und so wird des im Himmel einmal sein. Man hört die Freude schon von ferne. Konzerte am laufenden Band, ohne jeglichen Konkurrenzneid der Beteiligten. Alles wird alles live sein. Engel leiten uns an. Selbst wer hier nur brummen kann oder keinen Ton halten, der wird dort garantiert seinen Beitrag geben. Auf welche Weise auch immer.

Und mancher wird dort in sich gehen und sagen: „Hätte ich auf Erden gewusst, wie schön die Musik zum Lob Gottes ist. Dann hätte ich damals ein Instrument gelernt oder wäre regelmäßig in einen Chor gegangen. Ich hätte weniger kritisiert und mehr mitgemacht.“

Als Istanbul noch Byzanz hieß, und die Hagia Sophia dort noch eine Kirche, kam eine Delegation aus Rom. Die Gäste waren kritisch. Es gab Meinungsverschiedenheiten zwischen den Christen in West und Ost. Aber als sie die Gesänge in der gewaltigen Kirche hörten, waren sie hin und weg. Sie vergaßen die Zeit. Hinterher sagten sie: „Wir wussten nicht, ob wir auf Erden oder im Himmel waren.“

Sie hatten erlebt, was Peter Rosegger einmal so ausgedrückt hat:
„Es steigt ein ewig Klingen zu Gottes Himmel an.
Das Höchste muss man singen, weil man´s nicht sagen kann.“ Amen.

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