Singen kann Wunder vollbringen

Kantate ist der Sonntag vom Singen. Man kann dann denken an wohlklinge Kirchentage und Taize–Gesänge, sich erinnern an Fan-Gesänge oder das Horst-Wessel-Lied. Singen ist nicht einfach gut und anders als das Sprichwort kennen auch böse Menschen Lieder. Ein bisschen kritisch muss man wohl auch an dieses Thema herangehen. Bei einem guten Lied kommt es auch auf gute Inhalte an.

Solch ein gutes Lied steht im Mittelpunkt unserer Geschichte. Aber noch mehr steht im Zentrum dieser Erzählung von Mission und Gefangenschaft: In Philippi hatten Paulus und sein Weggefährte Silas einer Sklavin den Wahrsagegeist ausgetrieben und so deren Marktwert vermindert. Darum wurden sie vom Besitzer der Sklavin denunziert und von den Stadtoberen eingesperrt. Dort saßen sie im ganz tiefen Kerker, gefesselt an Armen und Beinen:

[TEXT]

Es ist eine doppelte Wundergeschichte: Befreiung und Bekehrung. Beides gehört zusammen – und Beides beginnt mit diesem einen Gesang.

Einem Gesang unter besonderen äußeren Umständen. Da sind zwei Opfer einer Christenverfolgung unter dem objektiven Tatbestand Störung der öffentlichen Ruhe, vielleicht verbunden mit geschäftsschädigendem Verhalten. Sie sitzen im Kerker. Vielleicht haben sie erst einmal Gott ihr Leid geklagt. Aber es geht ihnen wie Psalmbetern auch oft: Die Klage wechselt in das Lob Gottes. Aus Moll wird Dur. Es geht auch nicht darum ob sie wirklich singen und schon gar nicht, ob sie schön singen. Es geht um den Inhalt: sie loben Gott.

Und in diesem Lob Gottes erfahren sie Befreiung, die sie nicht wirklich befreit. Sie spüren, dass sie jetzt nicht einfach gehen dürfen. Ihre Flucht ginge zu Lasten des Gefängnisaufsehers und seiner Familie. Er haftete persönlich für seine Gefangenen. Darum will er seinem Leben ein Ende setzen. Die Freiheit der Apostel wäre erkauft durch die Zerstörung unschuldigen Lebens. Das können sie nicht zulassen. Darum bleiben sie. Ihr Bleiben bewirkt die Rettung.

Der Kerkermeister wird bekehrt nicht durch das Wunder der Befreiung, sondern durch die, die dieses Wunder nicht zur Flucht nutzen, sondern bei ihm bleiben, damit er am Leben bleibt.

Ich höre einen Anklang an ‚Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.‘ – Es ist eine Heiligenlegende aus der Apostelgeschichte und sie erläutert unsere Jahreslosung in diese Richtung: Gottes Kraft entfaltet sich dort, wo wir spüren, dass wir uns auf ihn verlassen dürfen und ihn deshalb auch in schwieriger Situation loben. Und Gottes Kraft schafft dann besondere Situationen.

Eindruck machen die Gefangenen nicht mit ihrem Gesang und auch nicht mit dem Wunder ihrer Befreiung, sondern mit dem, dass sie da bleiben, standhalten, nicht weglaufen, sondern das Leben des bedrohten Wärters retten. Diese Liebespraxis eröffnet den Zugang zu dem Gefängniswärter.

Alles wundersame Geschehen bewirkt wenig, das Erdbeben führt eher in die Katastrophe. Die Ansprache durch Paulus, die Verkündigung der Liebe, der Verzicht auf die eigene Befreiung auf Kosten des Wärters, die wirken.

Nicht das Singen an sich befreit. Aber es eröffnet den Weg zur Befreiung – des Anderen. Sie singen von Ostern und befreien einen Fremden. Ihr Gesang und das Handeln Gottes öffnen eine Situation, in der es möglich wird von der Liebe Gottes zu erzählen.

Es geht beim Singen weniger um den Gesang als vielmehr um das Lob Gottes. Und hier kommt der Kontrast dazu: gefangen und doch voll Lob Gottes. Das bewirkt Gottes Kraft in mir, die dort stark ist, wo ich schwach bin.

Das Ende weist dahin: Der Wärter deckt den Tisch und bewirtet seine ehemaligen Gefangenen. Aus dem Lob Gottes wird gemeinsames Sein. Und aus der Gemeinschaft entsteht mehr: Taufe. Darum kann übrigens in unserer Kirche Taufe nicht im stillen Kämmerlein stattfinden. Sie wird zwar durch eine Person vollzogen, aber von der ganzen Gemeinde getragen. So wie hier in der Hausgemeinschaft des Wärters mit Silas und Paulus. Und diese Taufe umfasst ganze Hausgemeinschaft – umfasst den ganzen Lebens- und Herrschaftsbereich der damaligen Zeit. Das sehen wir heute anders, da ist Taufe ein individueller Akt, aber ein Akt hinein in eine Gemeinschaft.

Kantate Singet: Das Singen kann Wunder bewirken – wenn es denn gute Gesänge mit guten Inhalten sind. Dem Lied, dem gemeinsam gesungenen Gebet wird Erstaunliches zugetraut.

drucken