Paulus zu Besuch

Schon von weitem sah ich ihn. Die Sonne war im Begriff unterzugehen, und ich saß mit einer Schale Weintrauben auf dem Dach und döste vor mich hin. Natürlich hatte ich meine Augen auf die Straße nach Süden, von wo er kommen musste. Aber ich wusste nicht, wann er eintreffen würde. Die Strecke von Ephesus führte durchs Gebirge, und selbst ein geübter Wanderer brauchte wenigstens vier Tage. Er war ein geübter Wanderer.

Der Brief meines Freundes hatte mich heute vormittag erreicht; er kam über den Seeweg. Mein Freund unterrichtete mich, ich solle jemanden aufnehmen, der er empfehle. Es sei ein ungewöhnlicher Mensch, aber das werde ich schon merken. "Er sieht nicht auffällig aus", schrieb er, "aber schau dir seine Augen an – sie sind voller Feuer, und hör ihm einfach zu. Uns hier hat er alle in den Bann gezogen."

Während ich an den Brief dachte, schaute ich auf die Gestalt, die sich der Stadt näherte. Er sah anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte, aber ich wusste instinktiv: Er war es. An seinem Gürtel hing eine kleine Flasche und ein Beutel, vermutlich mit Brot und etwas Geld. Er sah älter aus als ich mit meinen sechzig Jahren, dabei musste er den Schilderungen nach etwa zehn Jahre jünger sein. Nur wenn man genau darauf achtete, hinkte er ein wenig.

Natürlich hatte ich einiges über ihn gehört; jeder von uns hatte das. Obwohl es bei uns in Pergamon nur eine winzige Gemeinde gab, versorgten uns die Brüder und Schwestern aus Ephesus und Smyrna gewissenhaft mit Neuigkeiten. Doch der Mann, der jetzt zwischen den ersten Häusern näher kam, sah nicht aus wie jemand, der unseres Glaubens wegen lange Zeit in Einzelhaft gesessen hatte, gefoltert worden war und zuletzt nur dank eines Verbündeten bei den Prätorianern als krank entlassen worden war, statt bei den wilden Tieren in der Arena draufzugehen.

Seine Miene schien sich aufzuhellen, weil er die Stadt erreicht hatte. Schließlich zuckte ich von meinen Gedanken auf und wischte mit der Hand vor meinem Gesicht herum, als wollte ich sie vertreiben wie lästige Fliegen. Er musste jeden Moment anklopfen. Ich eilte hinunter und öffnete. Er war noch einige Schritte entfernt. Unsicher ging ich auf ihn zu. "Du bist Paulus, nicht wahr?" "Und du bist Erastes?" Ich nickte, und Paulus umarmte mich mit seiner schmächtigen Gestalt und sagte: "Die Gnade unseres Herrn sei mit dir, mein Bruder!"

Nachdem er sich ohne viel Worte gewaschen und etwas gegessen hatte, nahm ich ihn mit aufs Dach; denn der Abend war warm. Obwohl er den ganzen Tag unterwegs war, sah ich kein Zeichen von Müdigkeit in seinem Blick. Er schien sich über meine Anwesenheit zu freuen, trotzdem er mich gar nicht kannte. "Wie viele Christen seid ihr hier in Pergamon?" Ich zählte sie in Gedanken zusammen und antwortete: "Zehn Familien und etwa doppelt so viel Einzelne. Letzte Woche sind drei Männer, die wir letztes Jahr getauft haben, wieder abgesprungen. Wir haben`s versucht, aber wir konnten sie nicht überzeugen, dabei zu bleiben. Sie wollten zu ihrem alten Glauben zurückkehren. Wir fragen uns, was wir wohl falsch gemacht haben."

Paulus legte die Stirn in Falten, von denen er reichlich hatte, und sagte leise: "Vielleicht ist es eine Prüfung, Erastes. Wir dürfen uns nicht dadurch entmutigen lassen. Wir sind ein Empfehlungsbrief Christi, und wer uns richtig liest, der wird schon dabei bleiben. Gottes Wege sind unerforschlich." Aus seinen Worten sprach viel Verständnis, obwohl von ihm erzählt wurde, er könne sehr aufbrausend und rechthaberisch sein.

Ich meinte: "Ach, Paulus, ich bin sechzig. In meinem Alter lasse ich mich nicht mehr entmutigen. Der Herr wird uns andere Menschen schicken. Aber die jungen Leute in unserer Gemeinde sorgen sich. Bis letzte Woche dachten sie, es gehe immer nur aufwärts mit der Gemeindearbeit. Mein Neffe unterrichtet die Neuen, die getauft werden wollen. Wie ein Kind freut er sich über die wachsende Zahl. Er ist total stolz."

Paulus lächelte. "Ich kenne das. Ich bin genauso. Aber Gott macht uns immer wieder deutlich, dass all unser Erfolg, all unsere überschwängliche Kraft allein von ihm ist und nicht von uns, damit uns der bisherige Erfolg nicht überheblich macht." Ich nickte. "In meinem Leben habe ich genug Erfahrungen gesammelt. Alles entspringt aus der Gnade des Herrn. Was wären wir ohne seine Kraft? Ich habe gelernt, auch das Schwere aus seiner Hand zu nehmen – aber wem sage ich das!" Paulus schwieg. Er schien sich zu erinnern an alles, was er für seinen Glauben durchgemacht hatte.

Schließlich seufzte er: "Weiß Gott, ich wäre auch lieber jetzt schon bei meinem Herrn, aber was bleibt mir anderes übrig? Solange ich lebe, versuche ich, so viele Menschen wie möglich für ihn zu gewinnen. Auch ich habe Anfechtungen und Zweifel, wenn es Rückschläge in den Gemeinden gibt, wenn ich das Gefühl habe, es läuft nicht so, wie ich es von Gott erbitte. Willst du wissen, was mich tröstet?"

"Ich nehme an, die Fürbitte deiner Gemeindeglieder." Paulus beugte sich vor und zog sich das Gewand vom Rücken. "Du hast natürlich recht", entgegnete er, "aber wenn ich alleine unterwegs bin oder wenn ich von vielen Glaubensbrüdern verleumdet oder angefeindet werde, dann denke ich daran, dass wir immer das Sterben Jesu an unserem Körper tragen, damit auch sein Leben an uns sichtbar wird." Entsetzt schaute ich auf seinen Rücken und seine schmächtigen Oberarme. Alles war verunstaltet von älteren und auch neueren Narben von Wunden, die man nur unzureichend behandelt hatte. Ich wagte nicht, mir vorzustellen, wie man ihm das zugefügt hatte. Und das alles nur, weil er nicht aufhören konnte, von Jesus zu reden. Ich sah mir sein faltiges Gesicht an und bekam Wut auf seine Widersacher in den Gemeinden, die er selbst gegründet hatte. Wie konnten sie nur so Schlechtes von ihm behaupten?

"Gut, dass ich meinen Rücken selbst nicht sehen kann", fuhr er fort und zog sein Gewand wieder über. "Mir reicht es, was ich bei jedem Wetterumschwung merke. Ich leide nämlich auch noch unter Gicht, wahrscheinlich vom vielen Übernachten unterwegs oder in den kalten Gefängniszellen. Aber das alles macht mich sicher, dass Christus immer bei mir ist. Und ich höre ihn, wie er sagt: ´Paulus, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.` Also mache ich weiter."

Ich bewunderte diesen Menschen. Daraus, woran andere verzweifeln, zog er noch Kraft und Mut. Er kam mir irgendwie vor wie ein junger Mann in einer alten, halb geplatzten Hülle. "Wollen wir noch beten, Erastes", unterbrach er meine Gedanken. Ich nickte und faltete meine Hände. Paulus sprach ein langes und sehr persönliches Dankgebet, das mich und meine Gemeinde einschloss. Danach saßen wir noch eine Weile schweigend nebeneinander, jeder in seine Gedanken vertieft.

Am nächsten Vormittag gingen wir durch die Stadt und besuchten alle Schwestern und Brüder im Herrn. Abends nach der Arbeit wollten wir wie gewohnt einen Gottesdienst feiern. Weil das Wetter angenehm war, versammelten wir uns unten in der Nähe des Flusses. Diesmal kamen alle. Wir sangen die vertrauten Lieder und lauschten den Worten von Paulus, der von den anderen Gemeinden berichtete und auf unsere Situation in Pergamon einging. Er gab den jungen Leuten neuen Mut, unermüdlich immer wieder Menschen für Christus zu gewinnen.

Dann nahm er das mitgebrachte Brot und den Weinkelch, dankte Gott und sprach mit fester Stimme: "Der Kelch, den wir segnen, ist die Gemeinschaft des Blutes Christi. Das Brot, das wir brechen, ist die Gemeinschaft des Leibes Christi. Denn ein Brot ist es, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben."

Als die Sonne unterging, waren wir wieder zuhause. Wir hatten uns gerade hingesetzt, da klopfte es. Ein junger Mann, etwa halb so alt wie ich, stand draußen und schaute mich unsicher an. Doch bevor ich etwas sagen konnte, rief Paulus hinter mir mit spürbarer Erleichterung: "Timotheus, mein Bruder! Bist du schon hier?" Ich gab ihm die Hand und stellte mich vor. Dann umarmte Paulus ihn und zog ihn ins Haus. "Wie ist es dir in Korinth ergangen? Was machen Apollos und Fortunatos? Hast du etwas wegen der Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde erreicht?" Dann lachte er: "Entschuldige. Timotheus, wie unhöflich von mir! Du hast noch gar nichts gegessen."

Ich holte eine Schüssel zum Waschen und etwas zu essen. Timotheus machte die ganze Zeit ein ernstes Gesicht, obwohl er sich sichtlich freute, Paulus wohlauf zu sehen nach all den Strapazen. Dann erzählte er mit bewegter Stimme, dass die Korinther undankbar seien. Die Stimmung habe sich gegen Paulus gekehrt, weil einige an seinem Apostelamt Zweifel hätten. Timotheus berichtete, immer wieder unterbrochen von Paulus` aufgeregtem Nachfragen, bis spät in die Nacht.

Ich konnte schlecht schlafen und stand deshalb früher auf als sonst. Aber nicht früher als Paulus; denn der saß bereits am Tisch und diktierte Timotheus einen Brief an die Gemeinde in Korinth. Während ich das Frühstück vorbereitete, hörte ich ihm zu. Manchmal wurde seine Stimme aggressiv, dann wieder versöhnlich. Der junge Mann konnte längst nicht so schnell schreiben, wie Paulus redete. Man merkte seinem Gesicht an, dass die Ideen nur so aus ihm heraussprudelten. Seine Augen leuchteten. Absatzweise, damit Timotheus überhaupt mit kam, sprach er: "In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: als die Sterbenden, doch siehe: wir leben; als die Gefolterten und doch nicht tot; als die Traurigen und doch allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen."

Ich dachte an seine Einzelhaft in Ephesus und an die Narben auf seinem Rücken. Und mir kam Jesus, der Gefolterte am Kreuz, in den Sinn. Ich sah die Augen von Paulus und wusste: Er war mit seinen Gedanken ganz in Korinth. Voller Leidenschaft diktierte er, tröstete und mahnte, ermutigte und schimpfte, als stünde die korinthische Gemeinde vor ihm.

Dann ging ich einkaufen, und als ich zurückkam, standen die beiden auf dem Dach und schmiedeten offensichtlich Pläne für die Weiterreise. Neugierig warf ich einen Blick auf den Tisch. Der Brief war noch nicht fertig. Aus dem, was ich las, sprach die überwältigende Kraft, die Christus diesem schmächtigen Menschen eingeflößt hatte. Ich war mir sicher: Für jede Gemeinde, die Paulus gegründet hatte, standen eine Narbe auf seinem Körper, eine Falte in seinem zerfurchten Gesicht und ein Gichtanfall. Trotzdem gab er nicht auf, überließ die Verkündigung unseres Glaubens nicht den jungen, unverbrauchten Aposteln. Ich las: "Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Beschwernis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit."

Und ich spürte: Trotzdem ich nicht mehr viele Jahre zu erwarten hatte, machte ich mir keine Sorgen. Paulus hatte mich angesteckt. Was war schon die eigene Schwäche, wenn man an die Kraft des Auferstandenen glaubte! Was bedeutete es schon, wenn Menschen versuchten, mit Folter den Glauben klein zu kriegen, mit Verleumdungen zu erschweren oder die Apostel sogar beseitigen wollten – solange man sich nicht entmutigen ließ und von der Hoffnung lebte, weil man sie längst als Gewissheit erfahren hatte! Was war schon diese Welt gegen das, was uns bei Christus erwartete! Mir kam der alte Psalm wieder in den Sinn: "Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zur Quelle… Sie gehen von einer Kraft zur anderen und schauen den wahren Gott in Zion." Mit einem Mal schien alles Beschwerliche von mir abzufallen, und ich fühlte mich wieder jung.

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