So lebt Gemeinde

Manchmal könnte man müde werden. In diesen Zeiten in denen immer nur vom schrumpfen die Rede ist. Manchmal verkleistert durch den schönen Begriff ‚Gesundschrumpfen‘. Oder schön geredet als demografischer Wandel. Dabei ist es doch deutlich: Immer weniger Menschen leben in unseren Orten, Landstrichen. Manche diskutieren schon, ob es im ländlichen Raum nicht sinnvoll wäre, zwei Dörfer plattzumachen, um das Dritte zu erhalten. Und in der Kirche erleben wir Beides: demografischen Wandel und Bedeutungsverlust. Nicht nur, dass die Gemeindegliederzahl sinkt, auch die Bereitschaft uns zu vertrauen und mitzuarbeiten lässt nach. Das hat zum Teil gute Gründe. Die alten Strukturen, die Ehrenamtlichkeit befördert haben, gibt es so nicht mehr. Viele Menschen sind so auf Beruf und Freizeit orientiert, dass diese dritte Säule entfällt und damit auch viele kirchliche Möglichkeiten entfallen.

Und dann heißt dieser Sonntag Jubilate, freuet euch. Mal sehen, was der Apostel Paulus davon hält:

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Also – schon der Apostel Paulus ist von Müdigkeit bedroht. Er muss sich selber und andere wachrütteln, nicht müde zu werden. Er benutzt eine zu damaliger Zeit recht beliebte Unterscheidung in inneren und äußeren Menschen. Und noch heute kämpfen wir gegen innere Schweinehunde, als wäre unsere Faulheit etwas, das aus dem verborgenen unbekannten Inneren kommt.

Der äußere und der innere Mensch. Wir können das auch so übersetzen: Schein und Sein. Der äußere Mensch ist das, was wir gerne darstellen würden. Der innere Mensch das, was wir wirklich sind. Und in Stresssituationen kommt manchmal etwas zum Vorschein von unserem wirklichen Sein, dann werden wir manchmal wirklich wach und entdecken Jähzorn und Ungerechtigkeit, die wir nie in unserem Inneren vermutet hätten.

‚So sehn Sieger aus‘ singen die Massen im Stadion euphorisch. Paulus könnte mitsingen. Aber meinen sie auch das Gleiche? Für Fans ist Sieg Ausdruck von Überlegenheit, von größerer mentaler oder körperlicher Stärke. Für Fans ist Sieg Ausdruck der eigenen Stärke. Für Paulus ist der Sieg vor allem ein geschenkter Sieg, nicht durch die Gunst eines Schiedsrichters, sondern durch die Liebe Gottes und seines Sohnes Jesus Christus. Da ist der entscheidende Unterschied Paulus weiß sich als Sieger trotz der alltäglichen Niederlagen, die er einstecken muss.

Und da gibt es tatsächlich einiges: Nicht nur, dass die Mächtigen ihm immer wieder ans Leder wollen, auch eigene Glaubensbrüder bedrängen und bekämpfen ihn. Dazu hat er Probleme mit der Gesundheit – und trotzdem, so betont er, wird er nicht müde.

Vielleicht liegt das auch daran, dass er ein ganz anders Spiel spielt als die ‚So sehn Sieger aus‘ -Sängerinnen und -Sänger. Sein Spiel heißt eher: Ich sehe was, was du nicht siehst. Und er sieht Überraschendes in den Menschen, Qualitäten, die sie selber nicht sehen. Und das ist sein Sieger-Gen; dass er in den Menschen mehr sehen kann – die Gnade Gottes.

Dieses Sieger-Gen versucht er den Menschen in Korinth zu vermitteln, versucht er uns heute zu vermitteln. Im Sinne der Lesung von vorhin: Wir haben alle Anlagen viel Frucht zu bringen. Der Vater hat uns zu guten Weinreben gemacht. Wir sind Jüngerinnen und Jünger dieses einen Herrn. Uns nennt er seine Kinder.

So wie Paulus müssen wir nicht müde werden, auch wenn wir viele Misserfolge erleben, auch wenn wir manche Niederlage einstecken müssen, auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, nur noch Mangel und Abbau zu verwalten. Es ist nicht unsere Kirche, in der wir leben, sondern die Kirche Gottes und darum dürfen wir getrost in dieser Kirche leben, das Unsere tun, dass sie offen und einladend bleibt und das Andere in Gottes Hand legen.

Und nicht müde werden, mehr in den Schwestern und Brüdern sehen als vor Augen ist. Wenn ich nur das sehe, was vor Augen ist, dann sehe ich Menschen, die sich selbst der Nächste sind, Menschen, denen das Evangelium gleichgültig ist und Menschen, die immer nur Spaß haben wollen.

Wenn ich mit den Augen des Apostels schaue, schaue ich hinter die Fassade. Dann erkenne ich in denselben Menschen Suchende, fragende. Menschen, die verzweifelt Sinn im Leben suchen, nach ihrem Platz fragen. Dieses Hinsehen auf die Menschen kann mir helfen, froh mein Leben zu gestalten in einer schrumpfenden Gemeinde von Schwestern und Brüdern, Entscheidungen zu treffen, die auch einmal weh tun, weil ich weiß: Im Mittelpunkt steht nicht das, was ich sehe und erkenne, auch nicht das, was ich tu und lasse, sondern allein das Handeln Gottes mit den Menschen. Und dieses Tun Gottes kann ich zulassen. Dazu will mir auch unser Wochenspruch Mut machen, zu erkennen, dass Christus es ist, der aus Menschen neue Kreaturen macht, neue Wesen, die einen neuen Sinn in ihrem Leben erkennen können. Der Tod – er wird Teil unseres Lebens bleiben, genauso wie niederschmetternde Erfahrungen, Erlebnisse, die mich zermürben. Aber all das ist nicht das letzte Wort in meinem Leben. Das letzte Wort hat Gott, das ewige Wort von dem der Apostel Paulus spricht und dieses letzte Wort ist ein Wort volle Liebe und Einfühlungsvermögen, das Wort mit dem er Ja zu mir sagt, auch dort wo ich müde oder gereizt bin. Und wenn er dieses Ja spricht schaut er mich an voller Liebe und richtet mich auf.

So lebt Gemeinde – durch das Wort Gottes und nicht durch immer größere Erfolge.

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