Tag für Tag neu

Erinnerungen werden wach liebe Gemeinde.

1981 oder 1982, ich weiß es nicht mehr so ganz genau, waren wir zu einer liturgischen Nacht in unsere kleine neugebaute Kirche eingeladen. Wir sollten wachen, singen, beten, aber auch erzählen und schlafen. Und das alles in einer Kirche !

Ich konnte es mir zunächst nicht richtig vorstellen – obwohl mit einem Teppich ausgelegt der Kirchraum durchaus dazu einlud, sich auch auf dem Boden niederzulassen. Erwartungsvoll gingen wir in den Abend und in die aufkommende Nacht. Kerzen brannten im Kirchenschiff und ließen alles – vielleicht ein bisschen wie in der Osternacht – in einem besonderen Licht erscheinen.

Im Laufe des Abends fand dann eine Beichtfeier statt. In die Stille und in das Dunkel de r Kirche hinein wurde jeder aufgefordert nach einem Augenblick der Besinnung etwas aufzuschreiben, was das Gewissen schon längere Zeit belastete, was auf Vergebung, Entschuldigung wartete.

Die Gewissensprüfung war gar nicht so leicht.

Was habe ich denn falsch gemacht in letzter Zeit?

Manchmal Freunden gegenüber eine Ausrede benutzt, wenn ich keine Lust hatte, mich zu treffen und so tat, als hätte ich keine Zeit…?

Eine kleine Notlüge zu Hause, um nicht ganz als der Depp dazustehen…?

Das Kleingeld, das mir die Kassiererin zu viel herausgegeben hatte und das ich bewusst eingesteckt habe…?

Solche Vergehen fielen mir schon ein…!

Vielleicht wurde dann auch Kolosser 2 gelesen: Ihr wart tot in den Sünden (oder sind wir es gar immer noch?). Schweres Geschütz für doch eigentlich kleine Vergehen, harmlose Schwindeleien, an der die Welt doch nun wirklich nicht zu Grunde gehen wird, wo doch ganz anderes um mich herum geschieht.

Ich wusste, dass da durchaus Dinge geschehen sind, die hätten nicht geschehen müssen, vielleicht aber auch nicht hätten geschehen dürfen, aber waren sie todeswürdig…?

Wir prüften unser Gewissen, oder besser wir grübelten und forschten nach belastbarem, beichtbarem Material: „Herr, prüfe mich und erkenne mich, wie ich´s meine; und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege“ (Psalm 139, 23.24)

Darum ging es doch eigentlich: wohin bin ich unterwegs auf meinem Lebensweg, was für Ziele habe ich, woran orientiere ich mich und ist mir Gott Kompass, Richtschnur, Licht und Quelle meines Lebens?

Lebenswege können ja schnell und zunächst unbemerkt ins Abseits führen…

Am Ende schrieben wir alle etwas auf und falteten unsere Zettel zusammen. Wir beteten und dann durfte jeder seinen Zettel als Zeichen der wahrhaften und wirklichen Sündenvergebung in der Flamme der großen Kerze in der Mitte der Kirche verbrennen: Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war.

Das habe ich buchstäblich erlebt und begriffen, war ergriffen: war erleichtert und es war aus dem Weg geschafft, auch wenn die Ernsthaftigkeit, die die Reformatoren gegen das mittelalterliche Ablasswesen die „Herzensreue“ nannten, vielleicht unter uns Jugendlichen noch etwas schwer fiel.

Aber, das wurde klar, Vergeben und Verzeihen, auch wenn denn Vergessen nicht immer möglich ist, gelingen im Lichte ernsthafter und aufrichtiger Reue, ansonsten nützen ja keine Geständnisse vor irgendwelchen irdischen oder gar dem himmlischem Gericht – es muss schon aus dem Herzen kommen. Augenscheinliche Zeichenhandlungen, erinnerbare Wegstationen, die ich vor meinem inneren Auge wachrufen kann, um mein Herz daran zu erinnern, hat es dafür und dabei ähnlich wie bei meinem handgeschriebenem Schuldbrief immer gegeben.

Die symbolträchtigste, die weitreichendste und verheißungsvollste Zeichenhandlung ist wahrscheinlich die Taufe, die wir nicht umsonst als Sakrament, als sichtbares Zeichen für eine unsichtbare Wirklichkeit und Wirkungsweise Gottes feiern: wir dürfen leben als Gottes Kinder, Tag für Tag wie neugeboren, immer wieder erneuert und bestärkt in einer lebendigen Hoffnung.

Die ersten Christen scheinen das auf besondere Weise verinnerlicht zu haben: mit Worten eines Bekenntnisses, eines Gebetes, einer wiederholbaren, abrufbaren Formel, haben sie sich daran erinnert, so wie wir uns unseres Glaubens Sonntag für Sonntag mit einem alten Bekenntnisses vergewissern, ohne es immer neu rechtfertigen oder in andere Worte kleiden zu müssen.

Wir können nämlich unseren Predigttext durchaus als Glaubensbekenntnis hören, verstehen und beten.

Da hat der Briefautor seine Gemeinde einfach an ihren doch gut auswendig gelernten Katechismus erinnert. Und ähnlich wie die Alten unter uns immer noch gut auf die Frage: was ist das? mit Luthers Worten antworten können, so konnten damals alle einstimmen:

„Mit ihm, Christus, sind wir begraben durch die Taufe, auferweckt und lebendig gemacht, die wir tot in den Sünden waren. Er hat den Schuldbrief getilgt.“

Wer jetzt mit den Schultern zuckt und glaubt, dass nicht verstehen zu können, den würde ich einladen einmal bei unseren baptistischen Geschwistern einen Taufgottesdienst zu besuchen, weil sie gerade die Erinnerung an das Begraben werden und Auferstehen in ihrer Praxis besonders lebendig halten. Der Täufling wird dreimal ganz unter Wasser getaucht und in seinen weißen Taufgewändern, symbolisch auferstanden, aus der Taufe gehoben zu einem neuen Leben. Deshalb, wenn auch so nicht praktiziert, kann Luther sich daran erbauen und festhalten, täglich seinen alten Adam, die in ihm ungeliebten Seiten und Züge seines Wesens, zu ersäufen.

Ostern, so die Botschaft dieses Bekenntnisses, wirkt nicht erst am Ende im Angesicht des Todes: Ostern heißt heute schon anders und vor allem neu und zwar aus der Vergebung zu leben.

Für solche Symbolik auf dem Lebensweg ist keiner zu alt, aber auch keiner zu jung. Natürlich muss kein neugeborenes Kind sein erst langsam auf dem Lebensweg erwachendes Gewissen erforschen, keinem Kind muss mit einem strafenden oder alles beobachtendem Gott gedroht werden, aber jedem und jeder von uns tut es ein Leben lang gut, immer wieder auf Gottes zum Leben führenden Wege gewiesen und von Anfang an dazu eingeladen zu werden Irrwege aufzugeben oder um Orientierung unterwegs zu bitten. Gottes Kinder dürfen und sollen wir von Anfang an sein!

Die Wirklichkeit des Bösen, auch seine Macht im Alltag der Welt und in den Geschicken von Menschen, die Faszination der Verführung und Betäubung, die Oberflächlichkeit verschiedenster Lebensentwürfe sind ja nicht Einbildung, sondern konkrete Gefährdung. Jeder kann sich in seinem Leben verlieren und jeder hat sich schon einmal verloren. Und dann ist es gut, wenn mich jemand daran erinnert, oder wenn ein Zeichen oder ein Datum mir wieder vor Augen stellt: das Alte, das Irreführende, auch das Böse hat keine wirkliche Macht mehr über dich: es ist begraben und du bist neugeboren als Kind Gottes und auf seinem Weg hin zu ihm.

Ja auch die altüberkommene Absage an das Böse im Vollzug der Taufe ist keine Dämonisierung und Verteufelung des Menschen, sondern schlichtweg christliche Nüchternheit und christlicher Realitätssinn: „Wir befehlen dieses Kind der Macht des dreieinigen Gottes. In Tod und Auferstehung Jesu Christi hat er die Macht des Bösen und des Todes überwunden. Er will, das wir uns im Glauben an seine Macht den bösen Mächten versagen und ihnen widerstehen…“ formuliert das Taufformular unserer Kirche oder fragt einen Erwachsenen: „Willst du von der Macht des Bösen frei werden und dich durch Jesu Wort und Geist bestimmen lassen?“

Ja, ich will nicht von Gedanken oder Taten des Bösen, der Lebens- und Menschenfeindlichkeit beherrscht werden, sondern wissen, was dem Gelingen des Lebens, und zwar nicht nur meines Lebens, dient und es befördert.

Wir sind noch auf dem Weg.

Wir können uns durchaus verirren unterwegs, das Leben und das Ziel aus den Augen verlieren.

Allein sind wir überfordert. Die Versuchung, die Bedrohung durch Egoismus oder auch oberflächlichem Materialismus, die Verblendung durch religiösen Fanatismus oder weltanschaulicher Ideologie sind allgegenwärtig und groß.

Darum ist es befreiend und ermutigend sich von Ostern her in Erinnerung rufen zu lassen: „mit ihm seid ihr begraben durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“ (Kol. 2, 12)

Zu ihm gehören wir heute und an jedem Tag neu, neugeboren, neu auferstanden und auferweckt, aufgestanden und mit wachen Sinnen und ermutigtem Vertrauen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen!

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