Sing, damit die Ketten gesprengt werden!

Liebe Brüder und Schwestern:
Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Kantate!
Singt!

Singt dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder!

Singt,
denn ihr seid frei!

Lobt Gott!
Denn Jesus Christus trägt Eure Mühsal,
Eure Last.
Und Ihr nur sein sanftes Joch,
eine leichte Last.

Wie leicht ist das zu sagen,
wenn wir fröhlich sind,
wenn es uns gut geht.
Uns die Sonne lacht
und keine Sorgen uns quälen.

Wie unbeschwert können wir Gott Loblieder singen,
an Tagen,
an denen wir uns frei fühlen.

Doch wie ist das an den anderen Tagen?
An Tagen,
an denen Wolken aufziehen?

Wie geht es uns,
wenn es dunkel ist?
Um uns herum
oder in uns?

Wenn wir festsitzen?
Wenn wir blockiert sind.
Und denken:
Nichts bewegt sich.
Unser Leben geht nicht voran.

Ist einem dann nach Lobliedern zumute?

Die Erzählung aus der Heiligen Schrift für die heutige Predigt handelt von Paulus und Silas.

Sie sind gerade nach Europa gekommen,
zum ersten Mal sind sie hier.

Und sie gehen in die Stadt Philippi.
Sie laufen durch die Straße,
sind unterwegs,
um den Menschen Gottes befreiendes Wort zu bringen.

Das ist ihr Plan,
ihr Vorhaben.

Und das Wort erreicht die Menschen.

Gerade eben haben sie eine einflussreiche Frau getauft.

Doch da geschieht etwas,
dass ihre Pläne durchkreuzt.

Sie treffen auf eine Magd,
die einen Wahrsagegeist in sich hat.
Und ihre Herren nutzen das,
nutzen das aus.
Sie lassen die Magd für Geld wahrsagen.

Paulus missfällt diese Geldmacherei
und er gebietet dem Geist,
aus der Frau auszufahren.

Und so geschieht´s.
Der Geist fährt aus.
Die Frau wird frei.

Man kann sich sicherlich vorstellen,
dass das den Herren nicht gefiel.
Kein Wahrsagegeist –
kein Geld.

Und wie kann es anders sein:
Sie,
die Herren der Magd,
greifen sich Paulus und Silas
und zerren sie vor die Oberen der Stadt.
Und klagen sie an.

Nicht jedoch wegen des ausgetriebene Geistes –
sondern unter dem Vorwand,
die beiden verkünden als Juden Ordnungen,
die sie, die Römer,
weder annehmen,
noch einhalten könnten.

Kurz:
wegen ihres Glaubens stehen Paulus und Silas plötzlich vor Gericht.

Die Stadtrichter verurteilen die beiden.

Sie lassen ihnen die Kleider herunterreißen,
und sie werden mit Stöcken geschlagen.

Hier beginnt der Predigttext.
Er steht geschrieben im 16. Kapitel der Apostelgeschichte:

„Nachdem man sie hart geschlagen hatte,
warf man sie ins Gefängnis
und befahl dem Aufseher,
sie gut zu bewachen.

Als er diesen Befehl empfangen hatte,
warf er sie in das innerste Gefängnis
und legte ihre Füße in den hölzernen Block.

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas
und lobten Gott.
Und die Gefangenen hörten ihnen zu.

Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben,
sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten.
Und sofort öffneten sich alle Türen
und von allen fielen die Fesseln ab.

Als aber der Aufseher aus seinem Schlaf auffuhr
und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen,
zog er das Schwert
und wollte sich selbst töten,
denn er meinte,
die Gefangenen wären entflohen.

Paulus aber rief laut:
Tu dir nichts an!
Denn wir sind alle hier!

Da forderte der Aufseher ein Licht
und stürzte hinein
und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.

Und er führte sie hinaus
und sprach:
Liebe Herren,
was muss ich tun,
dass ich gerettet werde?
Sie sprachen:
Glaube an den Herrn Jesus,
so wirst du und dein Haus gerettet werden!

Und sie sagten ihm das Wort des Herrn
und allen,
die in seinem Hause waren.
Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht
und wusch ihnen die Striemen.
Und er ließ sich und alle die Seinen sofort taufen
und führte sie in sein Haus
und deckte ihnen den Tisch
und jubelte mit seinem ganzen Hause,
dass er zum Glauben an Gott gekommen war.“

Was für eine wunderbare Geschichte!
Was für eine Befreiung!

Kantate!
Singt dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder!

Nach all dem, was in dieser Nacht geschehen ist,
hätten Paulus und Silas allen Grund gehabt,
Gott zu loben.

Frei sind sie geworden,
auf ganz unvorhergesehene Art und Weise.

Einen Wachmann haben sie vor dem Suizid bewahrt,
sind von ihm gepflegt und versorgt worden
und haben ihn und alle,
die mit ihm lebten,
sogar taufen können.

Denn zum Glauben kam er in dieser wundersamen Nacht.

Wunder über Wunder.

Doch das seltsamste Wunder,
das eigentlich Wunderliche,
Verwundernde an diesem Geschehen passiert meines Erachtens ganz zu Beginn.
Und darauf möchte ich unsere Gedanken lenken.

Es ist ein Wunder,
das alle anderen Wunder auslöst.

Paulus und Silas.
Halbnackt.
Ihre Rücken übersät mit blutigen Striemen.
Ins Gefängnis geworfen,
ja ins innerste Gefängnis,
ins tiefste
und dunkelste Loch.

Eingeschlossen.
Eingeengt.

Ihre Füße sicher verwahrt in einen Block.

Blockiert.
Bewegungsfähigkeit gleich Null.

Sie sitzen fest.

Ihr Plan,
den Menschen Gottes Wort zu bringen –
ins Stocken geraden.

Stillstand.
Dunkelheit.

Mitternacht ist´s.
Die finsterste Stunde.

Und da,
da beginnt das eigentlich Wunderbare:

Sie klagen nicht,
sie flehen nicht,
sie schreien nicht zu Gott um Hilfe,
sondern –
sie singen Loblieder.
Sie preisen Gott.

Ich finde das ausgesprochen verwunderlich,
ja sogar bewundernswert.

Und ich frage mich:
Wäre mir danach zumute,
Gott zu preisen,
in einer so dunklen Stunde?

Wie geht es Ihnen,
wie geht es Euch bei diesem Gedanken?

Könnten Sie sich,
kannst Du Dir vorstellen,
Gott Loblieder zu singen,
wenn Sie,
wenn Du spürst,
du sitzt fest,
Stillstand,
Dein Leben geht nicht voran?

Sich in die konkrete Situation des Paulus und des Silas hineinzufühlen,
fällt sicher nicht leicht.

Wir sind nicht wie sie,
sind keine Menschen,
die wegen ihres Glaubens im Gefängnis sitzen.

Aber finsteren Stunden,
lieber Brüder und Schwestern,
finstere Stunden kennen auch wir.

Stunden
oder sogar Tage
oder Wochen,
in denen wir fühlen:
Ich bin blockiert.
Bin gefesselt,
bewegungsunfrei.
Für manch einen besteht sogar das ganze Leben aus solchen Gefühlen,
ist ein Lebensgrundgefühl.

Was sind unsere Gefängnisse?
Lasst uns einen Moment darüber nachdenken.

Wo sagen wir,
für uns selbst:
Es bewegt sich nichts mehr?

Kommen Ihnen solche Gedanken,
wenn Sie an Ihre Arbeit denken?

Vielleicht,
weil sie nur noch so vor sich hin plätschert?
Tagein, tagaus derselbe Trott,
die alte Leier.
Doch eigentlich wollten Sie einmal,
dass es anders ist?

Oder weil Sie auf der Suche nach Arbeit sind,
doch nur auf verschlossene Türen treffen?

Fühlst Du den Stillstand,
wenn Du an die Schule denkst?
Immer nur dasselbe,
lernen, lernen,
aber nichts bleibt richtig hängen,
nichts scheint wirklich wichtig?

Fühlen Sie Stillstand,
wenn zu an Ihren Partner denken?

Erscheint Ihnen die Liebe zu ihm oder ihr eingefroren?
Kein prasselndes Feuer,
keine sich ausbreitende Wärme,
sondern nur stehende Kälte?

Und Sie unter uns,
die Sie schon viele Jahre zählen?
Schon lange im Ruhestand sind?

Haben Sie vielleicht an manchen Tagen das Gefühl:
Ihr Leben stagniert,
steht still,
weil nichts Neues passiert?

Oder weil Ihre Gesundheit wie ein schwerer Block sie umgibt. Sie hindert,
vorwärts zu gehen?

Wo sind unsere Gefängnisse,
liebe Brüder und Schwestern?

Wo sind wir in Ketten gelegt?
Können nicht entrinnen aus den Mauern?

Wo sind wir unfrei?

Doch was,
möchte ich fragen,
was raubt uns unsere Freiheit eigentlich mehr?

Was blockiert uns mehr?

Sind es die tatsächlichen Gegebenheiten
oder ist es nicht vielmehr der Umstand,
dass wir uns mit den Tatsachen meist irgendwann abfinden, dass wir resignieren?
Uns nicht mehr wehren?
Innerlich unfrei werden?

Unfreiheit.
Stillstand.

Wenn wir das fühlen.
Wenn wir blockiert sind,
ist uns dann nach Lobliedern zumute?

Wie geht das:
Gott loben,
wenn unsere Pläne stocken,
wir gefesselt sind?

Was hat Paulus und Silas bewegt,
Gott zu loben,
als sie sich an diesem absoluten Tiefpunkt befanden,
als gar kein Schritt mehr möglich schien,
als tiefste Finsternis sie umgab,
ja nicht einmal mehr Mondlicht in ihr dunkles Verließ fiel?

Warum preisen sie Gott?

Sie waren blockiert,
ja. –
Doch nur äußerlich –

innerlich,
so glaube ich,
innerlich machten sie sich frei,
ließen sich nicht fesseln.
Resignierten nicht.
Sondern leisteten Widerstand.

Sie sangen.
Sangen Gott Loblieder.

Sie gaben ihrer inneren Freiheit Raum.

Denn sie wussten:
Egal, welches Joch man uns auflegt,
wir tragen es nicht,
sondern Christus.

Er nimmt uns unsere Last,
die uns Mühsal bereitet.

Wir tragen allein sein Joch.

Doch das ist sanft,
das ist leicht.
Es macht frei.
Frei zum Lob.

So sangen sie.

Und damit änderte sich ihre Situation.

Ihre Lieder –
wie Mutmachlieder.

Die Kraft der Musik,
liebe Brüder und Schwestern.

Die Kraft,
die Gott uns durch die Musik schenkt. –

Musik,
sie macht gewiss,
sie macht stark.

Vielleicht kennen Sie,
kennt Ihr das selbst:
Wenn man Angst hatten im Leben,
haben Sie,
hast Du vielleicht auch ein Lied gesummt oder gesungen.

Die Kraft der Musik.

Und nicht nur ihre Situation,
also die Lage von Paulus und Silas,
änderte sich durch ihren Gesang,
sondern auch die der anderen.

Denn wie mag das geklungen haben an diesem finsteren Ort, diesem Kerker,
in dem sie saßen?

Die Gefangenen hörten ihnen zu,
weiß die Apostelgeschichte zu berichten.

Wie das Licht einer Kerze wird der Lobgesang ihre Herzen erhellt haben.

Er öffnete ihre Seelen.
Er machte ihnen Mut,
machte sie frei.
Innerlich frei.

Und dann die anderen Wunder,
die folgen.
Die Wunder,
die dieses Lob auslöst.

Sie sind so groß,
dass wir sie fasst nicht glauben können.

Ein Erdbeben öffnet alle Türen und Fesseln.
Doch keiner flieht.

Und das nächste Wunder:
Der Aufseher erkennt:
Hier ist eine große Macht am Werk.

Und obwohl er eigentlich gerettet ist,
da niemand entflohen ist,
weiß er plötzlich:
Ich bin nicht gerettet!
Ich bin nicht frei.
Ich bin der,
der gefangen ist.
Innerlich gefangen.
Innerlich unfrei.

Und er fragt:
Was muss ich tun,
um gerettet zu werden?

Und die befreiende,
entfesselnde Botschaft erreicht auch ihn:
Glaube an den Herrn Jesus Christus.
Er allein kann dich retten.
Er allein macht dich frei.
Wirklich frei.

Liebe Brüder und Schwestern,
diese innerliche Freiheit,
die Paulus und Silas uns durch ihren Gesang vorleben,
die ist es,
die so beeindruckt,
die verwundernd
und bewundernswert ist.

Frei sein,
frei sein,
Gott zu loben und zu danken,
egal wie viele Mauern einen umgeben.

Ihm allein zu vertrauen.
Nicht aufgeben,
nicht resignieren,
sondern Widerstand leisten.
Widerstand der Seele gegen das innere Eingesperrtsein.

Das Wunder,
das Ketten sprengt,
kann ganz unscheinbar beginnen:
Mit einem Lied,
einem Lob Gottes.

Doch wo dieses Lob erklingt,
setzt sich die befreiende Macht Gottes durch,
bringt Licht ins Dunkel,
öffnet fest verschlossene Türen.

Wo Gotteslob erklingt,
da finden auch wir die Tür heraus aus unseren dunklen Verließen.
Da scheint auch uns das Licht,
und Finsternis ist nicht finster
und die Nacht leuchtet wie der Tag.

Kantate,
liebe Brüder und Schwestern!
Kantate!
Singet dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder!

Singe,
wer kann, liebe Brüder und Schwestern.

Leistet Widerstand gegen die Mauern,
die Euch umgeben.

Singe, wer kann,
damit alle,
die sich gefangen fühlen,
es hören.

Damit alle,
die sich blockiert fühlen,
Mut bekommen
und einstimmen in diesen Lobgesang.

Singe, wer kann,
damit die Dunkelheit erleuchtet werde.

Singe, wer kann,
das Lob Gottes,
der allein uns frei macht,
der alle unsere Ketten sprengt.

Singt, denn Ihr seid frei!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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