Wie neugeborene Kinder

Quasimodogeniti, der Sonntag heißt ‚Wie die neugeborenen Kinder’. Die (erwachsenen) Täuflinge der Osternacht haben ihre weißen Taufkleider bis zu diesem Tag anbehalten und erschienen so zu Gottesdienst der Gemeinde. Sie waren neugeboren, ein neuer Mensch geworden in Christus. Was das bedeuten kann, davon erzählt ein kurzer Text aus dem Kolosserbrief:

[TEXT]

‚Damals ist etwas in mir gestorben‘ diesen Satz sprechen wir in der Regel negativ. Die Hoffnung oder das Vertrauen oder die Liebe sind gestorben. Aber es kann auch anders sein. Da kann auch der Ärger in mir nicht verrauchen, sondern sterben, der Hass und mein Egoismus können in mir sterben. Das kann befreiend wirken. Ich werde ein neuer Mensch: Quasimodogeniti – wie neugeboren.

Genau das ist schon geschehen in unserer Taufe: ‚Es ist vollbracht’. Vollbracht für die Welt und für alle Zeiten. In uns ist Schlechtes gestorben und Gutes entstanden. Wir sind bereit zum Guten. Tun müssen wir es allerdings selber.

Da kann die Erinnerung an die eigene Taufe helfen. Tauferinnerung ist nicht rückwärts gewandt, sondern sie blickt vorwärts. In dem Bewusstsein, dass das Wesentliche bereits geschehen ist, fragt sie mich: Wer kann ich werden? Wie kann ich mich weiter entwickeln zum Guten?

Der Schreiber unseres Briefes unternimmt den Versuch mit der Auferstehung Jesu Christi zu argumentieren. Die Auferstehung ist keine Rückkehr ins Leben, sie ist etwas Neues, Unvorstellbares. Etwas, das ich nicht beschreiben kann, nur glauben kann und mit dem ich darum schwer argumentieren kann bei Menschen, die diesen Glauben nicht haben.

Aber für die die glauben können wird deutlich: In der Auferstehung haben wir vor unserem Tod schon Anteil an der Wirklichkeit Gottes. Gegen alle Philosophie, die uns gern als kleines Rädchen in irgendwelchen getrieben darstellt, sind wir hier und heute schon ein ganz großes Rad. Die Kraft Gottes wirkt in uns und mit uns. Gott macht uns nicht einfach neu. Er nimmt uns liebevoll mit in ein neues Leben, ein heiles Leben, ein Leben in Liebe und voller Hilfe für Menschen, die mich brauchen.

Die vielen Bilder unseres Textes wollen gedeutet werden. Wenn der Schuldbrief mit seinen Forderungen getilgt ist, dann geht ein tiefes Aufatmen durchs Haus in einer Zeit, als es keinen Schutz des Existenzminimums gab, als ganze Familien in die Sklaverei verkauft werden konnten, um Schulden auszugleichen. Die Menschen in Kolossä konnten dieses Gefühl nachvollziehen. Sie wussten um das Elend, das entsteht, wenn Schuldscheine bleiben. Sie kennen die Angst davor, dass solch ein Schuldschein eingelöst werden soll.

Darum kann sie der Schreiber mit diesem Bild daran erinnern, was es bedeutet frei zu sein, wie wertvoll das ist, befreit zu sein. Nur mit diesem Bild gewinnt das Bild von der Erlösung im Kreuz seinen Sinn. Ich muss das wohl noch begreifen, dass ich zu den Menschen gehöre, die befreit werden von der Angst, weil Christus lebt und will, dass die Menschen auch leben und ihnen darum Freiheit zuspricht.

Von dem gefährdeten Leben schreibt der Schreiber. Er möchte seinen Schwestern und Brüdern deutlich machen, wer sie sind. Ihnen sagen, dass sie mit ihrer eigenen Schuld leben dürfen, auch mit den Fehlern, die sie haben. Sie müssen keine Angst mehr haben, weil Mächte und Gewalten entkleidet und öffentlich zur Schau gestellt werden. Ihnen geht es wie dem ‚König mit den neuen Kleidern‘. Lächerlich. Sie sind all ihrer scheinbaren Macht entledigt und stehen da als das, was sie wirklich sind Popanze.

Ich darf leben aus dem Bewusstsein, dass all die, die mir immer neue Anforderungen stellen, die mich unter Druck setzen doch nur arme Würstchen sind, weil ich getauft bin. Mächte und Gewalten können mich nicht mehr kaputt machen, weil er mich befreit. Ich muss nur lernen, mir keinen Druck mehr zu machen.

Ostern ist Auferstehung und Auferstehung ist nicht einfach ein Geschehen in der Zukunft nach dem Tod. Es ist Geschehen von heute mitten in unserem Leben, wenn das, was an Gutem in uns gestorben ist, wieder aufersteht, weil wir spüren wie wichtig Glaube, Hoffnung, Liebe sind.

Seit Ostern ist alles anders. So sind wir, die wir auf den Namen Jesu Christi getauft sind, im Glauben an den Auferstandenen zwar dieselben Personen, aber nicht mehr dieselben Menschen, die wir vorher waren. Wir haben Leben und Geist aus Gott bekommen, um so Tag für Tag in diesem Geiste zu leben. Unser Leben im Hier und Jetzt ist auferstanden, weil es befreit wurde von den Lasten, die wir mit uns rumschleppen, befreit zu einem neuen Leben aus dem Geist der Freiheit der Kinder Gottes. An dieses Geheimnis werden wir an jedem Osterfest und ebenso in jedem Taufgottesdienst erinnert.

Es gibt sie, die Mächte und Gewalten, die mich in Beschlag nehmen. Ich lass mich immer wieder niedermachen von Angst und Sorge genauso wie von Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis. Sie alle sind Teil meiner selbst. Sie sind in der Taufe besiegt. Das bekenne ich, auch wenn von diesem Sieg nicht immer viel an meinem Auftreten zu erkennen ist. Vielleicht muss ich lernen diesen Sieg in mir selber zum Zuge kommen lassen.

Schimmel hatte die Gemeinde in Kolossä befallen. Schimmel befällt immer wieder neu Gemeinden. Gegen Schimmel hilft kein flüchtiger Neu-Anstrich. Auch nicht in der Gemeinde Jesu Christi. In der Substanz hat sich etwas verändert. Wir müssen auf die Suche gehen, was das sein kann, dass unser Leben seit Ostern neu macht, damit wir das Bewusstsein bekommen: Quasimodogeniti: wir sind wie neugeborene Kinder.

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