Risus paschalis

Liebe Gemeinde,

1. Risus paschalis

Zwei Stationen führen uns zurück in ferne Zeiten. Bei Station eins legen wir einen kurzen Halt ein in der gottesdienstlichen Liturgie des ausgehenden Mittelalters. Am Ostermorgen nähern wir uns einem gotischen Dom und trauen unseren Ohren nicht. Schallendes Gelächter halt uns entgegen. Was ist da los? Im Dom zelebriert die Gemeinde eine liturgische Übung mit lateinischem Namen risus paschalis, auf Deutsch "das Ostergelächter".

Ich weiß nicht, ob sie von dieser Sitte schon einmal gehört haben? Beim risus paschalis geht es darum, dass die ganze Gemeinde zusammen von Herzen lacht.

Endlich einmal wieder so richtig von Herzen lachen. Kirche und Gelächter aber will für manchen wohl auch unter uns nicht zusammen passen. In der Kirche lacht man nicht. Auch wenn einem dazu zu Mute wäre.
In der Kirche lacht man nicht, oder? Ein unerbittlicher Gegner des Lachens wird uns nachher noch begegnen.

Das Ostergelächter hatte einen dogmatisch-seelsorgerlichen Grund. Es sollte die Gemeinde in den fröhlichen Sieg des Auferstandenen über den Tod hinein führen. "Tod, wo ist dein Sieg? Tod wo ist dein Stachel?" spottet Paulus im 1. Korintherbrief und er fügt den Jubelruf hinzu: Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass auch solche fröhlichen Sätze vom Sieg des Lebens im Tonfall der Beerdigungspredigt ernst und gefasst gesprochen werden.

Bis ins 19. Jahrhundert gab es die Sitte des Ostergelächters, ehe sie dann aus zwei Gründen immer mehr in Verruf geriert. Die Predigt zum Ostergelächter wurde nämlich nicht selten dazu benutzt, Kritik an der Obrigkeit zu üben und zum andern gelang es den Predigern oft nur noch mit Derbheit, die Gemeinde zum Lachen zu bringen.

2. Endlich, endlich!

Weiter geht es, noch weiter zurück in eine ferne Zeit. Station zwei führt uns zu unserem Predigttext, führt uns zu Hanna. Sie kann ich mir nur lachend vorstellen. Als ich den Predigttext gelesen hatte, fiel mir die Erzieherin wieder ein, die ich vor Jahren angerufen hatte. "Im Namen des Kirchenvorstands darf ich ihnen mitteilen, dass wir sie einstellen", lautete meine Botschaft. Sie war eine von fünf Bewerberinnen. Sehr gefasst nahm sie meine Mitteilung entgegen und wollte das Gespräch ganz schnell beenden. Aber wie das bei Handys manchmal so ist, man denkt, man hätte die Verbindung getrennt. Und so wurde ich unfreiwillig Zeuge ihres Jubelgesangs und ich hörte sie durch das Zimmer tanzen. "Endlich, endlich..," jubelte sie immer wieder und sang und schrie vor Freude. Ich hab dann sofort aufgelegt, um nicht indiskret zu sein.

Jene Hanna stelle ich mir genauso vor: Sehnsüchtig erhoffte und erflehte und erbat sie den Augenblick, ein Kind gebären zu dürfen. Jahr um Jahr war ihr dieses Glück verwehrt. Viel Schmach musste sie erleiden und sie wurde oftmals verspottet und ausgelacht. Alles versprach sie Gott, wenn sie doch endlich Mutter werden dürfte. Bis es dann soweit war. Sie bekam ihren ersten Sohn, den sie Samuel nannte. Der Name bedeutet: Von Gott erfleht. Nach ihrem Sohn benennen wir noch heute die Bücher Samuel im 1.Testament.

Hören wir ihren Jubelgesang, ihr österlich frohes Lachen über das Leben:

(Text)

3. Endlich wieder lachen können

"Nun lach doch mal", ermuntern wir diejenigen, die vor uns sitzen in düsterem Kummer zusammengerollt. Meist schaut diejenige dann zu einem rüber und zieht die Mundwinkel grimassenhaft nach oben. Nein, das ist es noch nicht. Lachen, herzhaftes Lachen kommt von innen her. Es muss mehr da sein, es muss sich etwas ganz anderes ereignen, dass wir wieder lachen können. Befohlenes Lachen klingt immer so absurd wie die Lachbänder der amerikanischen Fernsehserien.

Die ersten Worte aus Hannas Jubellied besingen einen Kreislauf, den der Fromme halt so hinnimmt:
Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. 7 Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

Geübten Bibellesern/innen kommt Hiob in den Sinn: Der Herr hat´s gegeben, der hat´s genommen. Gelobt sei der Name des Herrn.
Was da so fromm und christlich klingt, kennt auch der Islam. Dort heißt es: Inschallah, was so viel bedeutet wie: Ohne den Willen Gottes vermag der Mensch nichts. Also füge dich. Kneife die Lippen zusammen und bleibe gehorsam.

Da stehen drei Menschen in einem Lokal. Jesus kommt herein. "Ich bin wieder da", sagt er "und heute heile ich euch."Meine Augen werden immer schlechter", klagt der erste. Jeus berührt seine Augen. Fortan braucht der Geheilte keine Brille mehr. "Mein Herz ist so schwach", jammert der nächste. Jesus legt seine Hand auf seine Brust. Geheilt. Jesu wendet sich dem Dritten zu. Der aber schreit: "Fass mich bloß nicht an. Ich bin noch für drei Wochen krankgeschrieben".

Manchmal halten wir es für sehr fromm, unser Schicksal zu ertragen und sind dabei ziemlich eigensüchtig.

Dann aber, mit den nächsten Worten, bricht Hanna in ihrem Gebet diese fromme Fessel auf: Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, jubelt sie lachend. Nein, es folgt kein: Und dann stürzt er ihn wieder in den Dreck. Es folgen weder wenn noch aber.

Gott hebt aus dem Staub auf. Er erhöht. Neues bricht hervor. Das Leben hört auf, ein Kreislauf zu sein. Es weitet sich unerwartet. Wie ein Witz, dessen Pointe uns überrascht, dass wir lachen müssen. Ein Kind wird geboren. Weihnachten und Ostern an einem Tag. Neues Leben. Endlich, endlich eine Wendung. Es heißt nicht mehr: Ich bewerbe mich und ich werde abgelehnt. Es heißt nicht mehr. Ich hoffe und ich werde enttäuscht. Auf einmal, unerwartet, erbeten, erhofft, erfleht darf mein Ohr hören: Ich werde angenommen. Ich habe eine Stelle. Und Hanna spürt in ihrem Leib: Ich bekomme einen Sohn. Das Leben hört auf, Kreislauf zu sein, in den man sich demütig eingebetet hat, weil man das für fromm hielt.

Erst noch spricht sie Gott vornehm an. Dann duzt sie ihn. Das ist Glaube an die Auferstehung: Ich bin mit dem Leben, mit Gott auf Du und Du.
Auferstehung heißt: Leben wird zur Straße, die der Zukunft entgegen führt.

Ohne den Herrn vermag der Mensch nichts. Mit dem Islam teilen wir Christen den Glauben an die Auferstehung. Gott stößt das Tor zur Zukunft auf. Das ist der wahre Gott, das ist Ostern: Jesu bleibt nicht im Tod. Jesus lebt. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Endlich, endlich kann man wieder lachen, teilnehmen am Leben, teilhaben an der Freude.

4. Vom Lachen

Wenn ich mit ihnen nun im nächsten Kapitel unserer Predigt über das Lachen nachdenke, liebe Gemeinde, habe ich dabei eine nun naheliegende Frage im Hinterkopf: Kann jemand tausend Jahre vor Christus Zeugin der Auferstehung werden?

Über das Lachen ließe sich nun viel erzählen. Ich fasse zusammen, was mir wichtig geworden ist:

Lächeln, so habe ich gelesen, ist Ausdruck unseres Gesichtes, an dem ein anderer Mensch erkennt, dass wir mit ihm sprechen, reden, kommunizieren wollen. Ein lächelndes Gesicht wendet sich dem Leben zu. Das Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen. Freilich, das Lächeln wird auch kommerziell genutzt, wird befohlen in Hotels und anderswo. Wir wollen das Lachen ja auch nicht für heilig erklären. Es ist wie alles Menschliche zweideutig. Wer je einmal ausgelacht wurde, weiß, wie unvergesslich schmerzhaft das Gelächter der anderen sich in die Seele eingebrannt hat.

Im Lachen, so hieß es weiter in meiner Literatur, können wir von uns selbst Abstand nehmen. Im Lachen ist Freiheit geborgen. Manchmal erst im Rückblick, wenn sich ein Paar erinnert: "Weißt du noch, wie du damals vor Wut auf den Boden getreten hast und dabei dein Stöckelschuh zerbrach und wie du dann wütend weggehumpelt bist und die Türen zugeschlagen hast. Ich hätte ja brüllen können vor Lachen."

Lachen befreit uns von uns selbst und von all den todernsten Situationen. Ein Witz führt uns unsere eigen Beschränktheit vor Augen. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen die DDR und andere kleinbürgerliche Terrorregime nur mit Humor innerlich auszuhalten vermochten, wohl wissend, dass politische Witze öffentlich erzählt ins Gefängnis führen konnten. Erwachsene sind oft entsetzt, wie scheinbar herzlos Jugendliche auf tragische Situationen reagieren. Sie machen Witze. Sie machen Witze, weil das ihre Seele befreit.

Am liebsten sind uns doch meistens die Menschen, die über sich selber lachen können. Da wissen wir: Ihnen ist das Menschliche nicht fremd!

Wirkliches, herzerfrischendes Lachen können wir nicht hervorrufen, es bricht in uns aus. Lachen befreit. Nur Menschen können lachen. Das, was wir in tierischen Gesichtern als Lachen vermeinen zu erkennen, ist ein Trugschluss. Wird ein Bär gequält, meinen wir, er lache.

Wir lachen dann, wir lachen herzhaft dann, wenn sich eine unerwartete Wendung einstellt. Jeder Witz lebt davon. Und Hanna, deren lachendendes Dankgebet uns in österliche Freude führen will, hat diese Lebenswendung am eigenen Leib erfahren.
Kann man Zeugin sein der Auferstehung tausend Jahre vorweg? Noch haben wir keine Antwort.

5. Der Feind des Lachens

Die zeitgenössische Literatur kennt einen ernsthaften Feind jeden Lachens. Wissen sie, wen ich meine? Kennen sie den Roman "Der Name der Rose"? Dort spielt der verknöcherte Mönch Jorge eine tragende Rolle. Er ist derjenige, der eine mysteriöse Mordfolge in Gang gesetzt hat. Sein Ziel, so erfährt der Leser am Ende des Romans, war es, eine alte Handschrift des Philosophen Aristoteles zu verbergen. Sie handelte vom Lachen. Jorge begründet auf den letzten Seiten des Romans seine Mordwut:

"Aristoteles sieht in der Bereitschaft zum Lachen eine Gutes bewirkende Kraft. Lachen aber ist etwas Gemeines, ein Schutz für das einfache Volk. Lachen befreit den Bauern vor seiner Angst vor dem Teufel. Aus dem Buch des Aristoteles könnte das neue Trachten nach Überwindung des Todes entstehen. Der lachende Bauer fürchtet sich nicht vor dem Tod" Und jener Jorge fürchtet, dass es der kirchlichen Liturgie nicht mehr gelänge, den Menschen nach "göttlichem Plan wieder die Angst vor dem Tod aufzuerlegen."

Etliche Philosophen haben sich mit dem Thema Lachen befasst. Den meisten dieser Kopfmenschen ist es suspekt. Nur wenigen ist das Lachen ein Zeichen, eine Vorahnung neuen Lebens.

Kann man tausend Jahre vor Christus Zeugin der Auferstehung sein wie es doch erst von Maria Magdalena und den anderen Frauen berichtet wird? Diese Frage ist in etwa so logisch wie die Frage danach, ob es Bakterien gab, ehe sie im Mikroskop entdeckt wurden.

6. Risus paschalis heute

Heute feiern wir die Auferstehung Jesu. Indem wir das tun, wenden wir unsere Seele ihrer Quelle zu. Im Psalm 115 heißt es: Die Toten werden dich, HERR, nicht loben, keiner, der hinunterfährt in die Stille; aber "wir" loben den HERRN von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja!

Wir, die wir glauben, glauben an das Leben. Wir sind fröhlich in dieser Zeit, trauen auf Gott und wissen uns erhoben aus der Asche. Wie sind fröhlich. Wir lachen.

Das wird all denen schwer fallen, die in Trauer leben. Noch steht man ganz im Schatten des Todes. Lachen, nein, lachen kann man und will man nicht. Und mancher mag denken: Wie kann man an Ostern nur so eine Predigt halten und darin auch Witze erzählen?

Meine Antwort heißt: Inmitten der Zeit ist uns das Leben offenbar geworden in Christus Jesus. Von ferne haben wir das frohe Lachen der Hanna gehört. Sie hat es uns nicht dogmatisch begründet, warum sie auf Gott und das Leben trauen konnte. Uns aber ist In Jesu Auferstehung das Leben erschienen. In seiner Auferstehung ist uns eine der göttlichen Schöpfung innewohnende Wahrheit offenbar geworden. Hanna hat es geahnt. Wir glauben es. Glauben wir es? Glaube ich es? Mein persönliches Glaubensbekenntnis zur Auferstehung hieße: Ich weiß nicht, ob ich es glaube. Ich weiß nur, dass ich davon lebe. Darum kann ich lachen. Das Lachen, das Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen. Es ist ebenso ein kurzer Weg zu Gott. Ich glaube, was Lukas schreibt: Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. (Lk 6,21).

Hanna hat es an ihrem eigenen Leib gespürt: Erbetenes, erflehtes Leben wird. Sie hat so herzhaft vor Freude lachen können. Ihr Lachen möge uns anstecken: Gott ist lebendig. Jeus lebt. Der Herr ist auferstanden.

(Diese Predigt wude inspiriert durch:
Der verborgene Sinn. Religiöse Dimensionen des Alttags; Dietrich Korsch/Lars Charbonnier (Hg.) S. 48 ff Lächeln/Glück E. Gräb-Schmidt u.a.); Göttingen 2008)

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