Manchmal stehen wir auf …

Manchmal stehen wir auf

stehen wir zur Auferstehung auf

Mitten am Tage

Mit unserem lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut.


Nur das Gewohnte ist um uns.

Keine Fata Morgana von Palmen

Mit weidenden Löwen
und sanften Wölfen.


Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken

Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.


Und dennoch leicht

Und dennoch unverwundbar

Geordnet in geheimnisvolle Ordnung

Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Irgendwie komme ich Jahr für Jahr Ostern, inmitten all der wunderbaren biblischen Zeugen von der Auferstehung Jesu, vom Sieg des Lebens über den Tod, vom offenen Himmel inmitten des trüben Alltags meines Lebens, zurück auf dieses Gedicht von Maria Luise Kaschnitz.
Selten nur wird so eindringlich meiner Sehnsucht Gehör und Ausdruck verschafft, dass doch das alles, was wir in diesen Tagen so sinnträchtig feiern auch etwas mit mir und meinem Leben, mit meinen Alltagsängsten und meinen Alltagshoffnungen zu tun haben möge. Mir geht auf, dass ich genau diese Erfahrung doch auch aus meinem Leben kenne:
An manchen Tagen fühle ich mich wie neugeboren und könnte die ganze Welt umarmen.
An manchen Tagen strotze ich nur so vor Lebenskraft, selbst wenn gerade eben noch mein Akku wie leer schien, ich ausgelaugt und am Ende war.
Manchmal gehört mir die ganze Welt und ich kann alles um herum vergessen.
Dann stehe ich aufrecht, mit erhobenem Haupt und mit beiden Beinen mitten im Leben.
Dieses Lebensgefühl – Gott sei dafür gedankt – ist die Kehrseite jener Medaille, die auch mein Leben ist.
Ich bin am Ende meiner Kräfte angekommen,
ich weiß keinen Ausweg, keinen Rat mehr.
Von allen Freunden verlassen, hoffentlich nicht auch noch von allen guten Geistern, ist es, als wäre ich nur noch Luft: keiner da, der mich bemerkt, keiner da, der nach mir fragt. Kein Ausweg aus der Einsamkeit, kein Ausweg aus der übermächtig erscheinenden und diagnostizierten Krankheit, keine Hoffnung inmitten der beruflichen oder persönlich-privaten Perspektivlosigkeit
Tot mitten im Leben, jeder Atemzug, jeder Herzschlag scheint nur äußerlich noch Leben zu sein, innerlich ist alles längst abgestorben.
Wäre das alles, wäre dies schon das ganze Leben – dann wäre der Tod am Ende wirklich ein guter Freund, dessen Kommen ich nicht schnell genug erwarten könnte.
„Aber manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unsere atmenden Haut.“

Dank dafür, dass ich wachgerüttelt werde:
Ja, ich lebe, ich atme, ich spüre den Boden unter meinen Füssen, bin geblendet vom Licht dieses Tages, spüre den Regen im Gesicht oder die Sonne auf meiner Haut.
Heute lebe ich, heute spüre ich Traurigkeit und Freude, Angst und Hoffnung, Einsamkeit und Zweisamkeit, heute atme ich.
Feiern wir doch das Leben in uns und um uns in diesem turbulenten Auf und Ab der Gefühle.
Leben ist ja mehr als nur meine, diese eine Existenz, ist mehr als meine Gefühle und meine Befindlichkeit allein. Leben ist die aufblühende Lebendigkeit um mich herum, ist die Neugeburt, wo Altes dem Leben gestorben ist, ist das Ankommen, wo ich noch den Gegangenen nachtrauere, sind die Kinder, die ich den Großeltern gerne noch gezeigt hätte, die aber leben: heute und morgen…
Hanna hat genau davon gerade noch etwas mit ihren Händen zu greifen bekommen, spürt wieder das Leben in sich.
Ohne Nachkommen stand sie da, verlacht, verhöhnt, verspottet, abgeschrieben und aufgegeben sah sie auf die Trümmer ihres vermeintlich vergeblichen Lebens, wenn sie dieses nicht weitergeben konnte an eine nachwachsende Generation. Sie hat geklagt, sie hat geweint, sie hat gebetet und gehofft, sie hat resigniert und sich zum Sterben hingelegt. Aber dann hat Gott Leben in ihr erweckt: das Leben eines Kindes hat er sie spüren lassen, vor allem aber ihr Leben ganz neu angesehen.
Manchmal stehen wir auf – zur Auferstehung mitten im Leben.
Und dann erklingen Lieder in uns, dann möchten wir singen, tanzen, spielen, alle fröhlich umarmen und mit unserer Lebensfreude andere anstecken.
Das ist Osterfreude.
Und die ist nicht nur jenseitig-gottbezogen, vertröstend-tröstend, träumerisch- illusionär, sondern praktisch, konkret und lebensnah.
Gott ist mein Fels, ich habe festen Grund unter meinen Füssen, ich spüre Boden, Widerstand und Standfestigkeit, stürze nicht ins Bodenlose, sondern gehe meine Wege durch Täler und über Höhen: Gott sei Dank !
Die Schwachgewordenen oder für schwach Gehaltenen bleiben nicht am Boden liegen, sondern treffen auf Menschen, die hilfreich zur Seite stehen und unter die Arme greifen.
Mir wachsen ungeahnte Kräfte zu, ich kann bis an die Grenzen meiner Möglichkeiten, und darüber hinaus, gehen, wenn ich es nur wage. Denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!
Die Spötter werden nicht Recht behalten, sondern ihnen wird das Lachen vergehen, nicht weil ich mich über sie erhebe, sondern weil Gott sie in ihrem Spott bloß stellen wird.
Hungernde halten duftendes Brot in ihren Händen und können den Hunger stillen, weil die Erde genug aufwachsen lässt, dass alle satt werden können, wenn Menschen lernen die Gottesgeschenke zu teilen.
Kranke erleben Heilung an Leib und Seele, weil uns ungeahnte Möglichkeiten zuwachsen oder weil bei Gott viele Dinge möglich sind, die uns unmöglich erscheinen.
Von all dem sind wir Tag für Tag umgeben, pralles Leben mitten in einer Welt, die mehr als nur den Tod kennt.
Hannas Worte klingen in mir nach: Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Hanna versucht hier keine Antwort auf die oft so lauten Fragen in uns nach Schuld und Ursache des Leides, das gerade mir hier und jetzt widerfährt: warum ich, was ist meine Schuld, mein Versagen? Wo ist Gott in dieser Welt?
Die Klage und der Schrei der Verzweiflung, die wir noch vom Karfreitag her kennen, „ mein Gott, mein Gott warum/wozu hast du mich verlassen“ sind verstummt, nein vielmehr einem grenzenlosen Osterjubel inmitten der Todeswelt gewichen. Hanna singt das Lied des Lebens aus vollem Herzen, weil sie die Stimme des Todes kennt.
Da ist sie gefühlt ganz nah bei den Jüngern am Ostermorgen, die zum Teil noch gefangen in der Angst und Verzweiflung der zurückliegenden Tage nur zögernd dem neuen Lied um sich herum Raum geben.
Den Tod kennen sie. Seine Zeichen mitten im Alltag der Welt sind so wenig zu übersehen wie das Kreuz auf dem Hügel von Golgatha vor den Toren der Stadt, wohin auch damals der übermächtige Tod gerne abgeschoben wurde, so als ob ihn das schon entmächtigen könnte
Aber können sie auch dem Leben, so wie sie es doch eigentlich gerne möchten, wirklich trauen?
Dieses österliche Wagnis bleibt bis heute.
Ob wir dem Leben trauen, liegt auch an uns.
Ob wir einstimmen in den Osterjubel, liegt bei uns.
Ob wir das Klagelied des Todes übertönen mit dem Jubel dieses Tages, entscheidet sich in unseren Herzen.
Trauen wir der Lebenserfahrung mancher schon österlicher Tage oder beugen wir uns vorschnell der nur scheinbar übermächtigen Todesmacht?
Daran entscheidet sich auch unsere Haltung zum Leben und daran wächst oder zerbricht unsere Hoffnung.
Denn am Ende sind alle österlichen Alltagserfahrungen ein wunderbar mächtiges Gleichnis darauf, wie Gott am Ende dem Leben zu seinem Recht verhilft und den Tod endgültig verstummen lässt.
Ostern vertröstet nicht, sondern tröstet weil es hier zum Leben und zu Taten des Lebens verhilft und zugleich Gottes Welt ohne Tod vor Augen stellt.
Ostern träumt einen realistischen Traum, der nicht wie eine Seifenblase zerplatzen wird, denn Christus ist auferstanden von den Toten. Aus Gottes Welt ist ein Lichtstrahl auf unser Dunkel gefallen und lässt den Alltag heute schon in einem anderen Licht erstrahlen.
Die Angst und Verzweiflung der Jünger sind verwandelt in Freude und Zuversicht. Deshalb werden auch unsere Klage und unsere Trauer sich wandeln in Dankbarkeit und Freude.
Stimmen wir also wieder und wieder ein in das alte Lied und die immer junge Erfahrung des Glaubens: man siegt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten. Ich werde nicht sterben, sondern leben (Psalm 118)
Der HERR ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!
Amen

drucken