Ich freue mich des Heils

Liebe Gemeinde:

„Gelobt sei Gott im höchsten Thron, der für uns heut hat genug getan. Er hat überwunden alle Not. Verleihe, was uns selig ist. Halleluja!“ – so haben wir eben gesungen und es gibt vielleicht keinen schöneren Vergleich, um auszudrücken, dass man fröhlich ist, als den Gesang: Das Herz mag vor Glück schier zerspringen und seine Freude in die Welt hinausposaunen! In diesem Sinne, liebe Gemeinde, kann jeder Mensch singen, egal, ob er die Töne richtig trifft, oder sich Melodien merken kann: Dieser Gesang des Lobes und des Dankens, der Freude und des Glücks kommt von Herzen und ist daher niemals „falsch gesungen“. Und genau so einen Gesang finden wir heute, am größten Festtag der Christenheit als Predigtwort wieder. Er steht im ersten Samuelbuch im zweiten Kapitel, aus den Versen eins bis sechs und stammt von einer Frau mit Namen Hanna: Wir lesen dort:

[TEXT]

Dass gerade Hanna, die Frau, die so lange keine Kinder bekommen konnte und deswegen in ihrer Umwelt als von Gott bestraft gehandelt wurde; dass gerade eine „Hanna“ dieses Lied anstimmt, ist sehr verständlich, denn der Name „Hanna“ leitet sich aus dem hebräischen Wort von Gnade ab, denn an Hanna wurde durch ihr Kinderkriegen gegen alle weltliche Logik sichtbar gemacht, was Gottes Gnade bedeutet: Gott schenkt neues Leben ohne Gegenleistung und er schenkt es jenen, die alle Hoffnung bereits aufgegeben haben. Auch der Name Johannes übrigens lässt sich von daher deuten und so mag vielleicht der eine oder andere eine Erklärung darin finden, dass eben ein „Johannes“ der „Lieblingsjünger“ des Herrn genannt wird. Jesus Christus – Gott selbst – ist am Kreuz gestorben und gegen alle menschliche Vernunft wieder auferstanden zu neuer Herrlichkeit, den Tod und das Sterben und ihre Verursacher die Sünde dabei grandios besiegt habend. Gottes Gnade mit den Menschen, die aus ihrem Leiden und Sterben, aus ihrer hoffnungslosen Existenz alleine nicht heraus können, wird daran sichtbar. Hier ist sie greifbar, hier ist sie ansehnlich – diese Liebe Gottes zu uns Menschen. Neues Leben ist möglich durch Gottes Liebe – das ist die Botschaft Jesu, wenn er vom „Reich Gottes“ spricht. „Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“ Deswegen ist dieser alttestamentliche Text als Lesung für das christlichste aller Feste ausgewählt worden. Und obwohl in diesem Text von Christus mit keinem Wort die Rede ist, wird doch sofort verständlich, wieso er sich für Christi Wirken so gut eignet. Denn bevor wir am eigenen Leibe unser Sterben und Auferstehen werden erleben dürfen, zeigt doch der Text von Hanna, was Ausbreitung des Reiches Gottes bis dahin unter uns Menschen bedeuten kann. Wo Christen leben und sie das Evangelium unseres Herrn ausbreiten, dort wird auch der soziale Tod, den Hanna erleiden musste, überwunden. Hanna selbst sieht diesen Umstand und führt deswegen weitere Beispiele an, die wir Heutigen ohne Bruch in unsere Zeit übernehmen dürfen: „Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thorn der Ehre erben lasse.“ Denn in der Welt, liebe Gemeinde, in der wir zu leben haben, wird es immer Arme und Reiche geben und jeder hat seinen Stand, den er nur bedingt verändern kann. Viele Faktoren können wir gar nicht mehr beeinflussen: Z.B. ein gutes oder schlechtes Elternhaus gehabt zu haben. Mit Behinderung oder mit zusätzlichen Begabungen geboren zu sein. In einer reichen oder in einer armen Familie aufgewachsen zu sein (was heute leider immer mehr an Bedeutung gewinnt). Das wird alles weiter bleiben und Gleichheit, echte Gerechtigkeit unter den Menschen wird mit menschlichen Konzepten niemals vollständig gelingen. Aber in Hannas Freudenlied liegt ein Schlüssel zum Verstehen: Obwohl es all diese Unterschiede gibt, liegt doch alles Leben, aller Erfolg, alles Sterben und alles Vergehen allein in Gottes Hand. Keiner fühle sich mächtiger oder erhabener oder sichererer, als der, der sich in Gott geborgen weiß. Weil Gott gerecht macht am Ende der Zeiten, darf es jetzt schon als Zeichen gedeutet werden, wenn auf den Benachteiligten, den Dürftigen und den Armen eine besondere Fürsorge Gottes liegt. Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, dienen diese dem Erweis seiner Macht.

In diesem Zusammenhang, liebe Gemeinde, steht unsere Freude an Ostern. Sie ist niemals allein, exklusiv oder individuell. Nein, sie ist immer Gemeinschaft, sie ist immer Teilhabe, sie ist immer Geschenk – unverdient und unbezahlbar.

Hanna Lied ruft dies vollmundig aus: „Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.“ Dass dieser Jesus von Nazareth Christus war – der Sohn Gottes und damit Gott selbst, zeigt die unglaubliche Tatsache der Auferstehung. Aus dem Tod des Sündlosen zur Freude aller Feinde und der Macht der Welt wurde die Überwindung alles Sterbens und allen Widergöttlichen. Jesus Christus war als der Auferstandene nicht zu halten: keine Wache am Grab, keine ausgeklügelte Lüge der Frommen und Wichtigen konnte es verhindern, dass sich diese Botschaft unter den Menschen ausgebreitet hat und weiter ausbreitet.

Heute, liebe Gemeinde, sind Sie herzlich – von ganzem Herzen und mit ganzer Seele – eingeladen, dieser Botschaft neu zu glauben. Neu darauf zu vertrauen, liebe Gemeinde, dass Jesus Christus auch der Herr eures Lebens ist und immer sein will.

Denn Hanna zeigt uns ja, wie es in unserem Leben zugehen kann. Obwohl ihr Name von der Geburt her mit „Gnade“ in Verbindung gebracht worden ist, hat sie doch viel erdulden müssen. Unser Leben in dieser Welt ist nicht frei von den Sorgen, die auch schon Hanna hatte. Es ist auch nicht freier von diesen Sorgen geworden seit der Auferstehung, werden manche von Ihnen mit Recht bemerken. Nein, wir müssen weiter in der Welt leben, die sich ja immer weniger von den Inhalten darum schert, ob wir Weihnachten, Sylvester, Halloween oder Ostern feiern, Hauptsache der Blick wird auf uns selbst zurück gelenkt, der Verkauf angekurbelt und das Nachdenken und Innehalten unterbunden. Es ist schon beachtlich, dass anscheinend nur die Feste bleiben, die geschickt vermarktet wurde, also die geschickt verkauft werden konnten. So hat sich z.B. der Osterhase durchgesetzt: Weil er sich so gut damals in Schokoladenform bringen ließ. Eine ehemals kleine, bürgerlich-protestantische Idee wurde erst so zum Verkaufsschlager! Die Inhalte bleiben oft auf der Strecke, so dass manches Kind heute mehr den Osterhasen im Blick hat, als die Botschaft der Auferstehung Jesu.

Hannas Loblied aber befreit sich für Augenblicke der Erkenntnis aber aus diesem Zwang der Sünde, so dürfen wir das ruhig nennen, liebe Gemeinde. Ihr gehen die Augen auf und sie sieht den Himmel offen – im Augenblick, da sie gewahr wird, dass sie doch noch Kinder kriegen kann. Es wird nicht weiter berichtet, wie es Hanna dann im Leben widerfährt. Dass sie ihr Loblied beständig auf den Lippen hatte, ist nicht anzunehmen. Aber sie ruft im Augenblick dieses Glücks diese wichtige Erkenntnis aus: Gott allein ist Herrscher, Gott allein ist heilig. Und sie ruft es uns zu über alle Zeiten hinweg – gerade auch dann, wenn wir selber kein Loblied auf die Lippen bringen können, weil wir zu sehr unter der Last leiden, die uns gerade auferlegt ist.

Ostern, liebe Gemeinde, will uns hier – einmal im Jahreskreis –erinnern und einen festen Anker setzen: Gott ist für uns da – außer ihm ist keiner. Wir dürfen uns festhalten an dieser Freude Hannas und wir dürfen sie lesen und spüren in all den Symbolen, die uns zu Ostern gegeben sind: die Eier, aus denen neues Leben hervorkommen kann. Das Licht, das unsere Finsternis erhellen mag. Das unschuldige Lamm, das in der Tradition des jüdischen Glaubens steht für die Befreiung aus der Sklaverei. All das, liebe Gemeinde, wird uns heute und in der Osterzeit überhaupt neu geschenkt und gereicht als eine Erinnerung, die in die Zukunft führen kann. „Denn ich freue mich des Heils“, singt Hanna – „mein Haupt ist erhöht in dem Herrn!“ Es ist, liebe Gemeinde, wie für uns gesungen – zum Einstimmen in den Jubel der befreiten Gotteskinder. Ich bete zu Gott, dass wir alle zu den Zeiten, in denen wir es nötig haben, weil wir mehr Finsternis um uns empfinden als Licht, – dass wir zu diesen Zeiten uns erinnern lassen an die Freude, die uns in Gott geschenkt worden ist und dass uns diese Freude anstecken mag – immer wieder aufs Neue, bis wir schließlich selbst vom Tode in das neue Leben, das uns allen versprochen ist, hinüber kommen.

(Ralf Johnen:)
„Ein Fürst in China – ein Mandarin – gibt ein großes Fest. Viele angesehene Bürger sind eingeladen. Die meisten Gäste kommen mit vornehmen Kutschen. Es beginnt zu regnen. Vor der Toreinfahrt bildet sich eine große Pfütze. Ein Wagen halt direkt neben der Pfütze. Ein vornehm gekleideter, älterer Herr steigt aus, bleibt am Trittbrett hängen und fällt der Länge nach in die Pfütze. Mühsam erhebt er sich wieder. Er ist von oben bis unten beschmutzt und sehr traurig. Denn so kann er sich auf dem Fest ja nicht mehr sehen lassen. Ein paar andere Gäste machen spöttische Bemerkungen. Ein Diener, der den Vorfall beobachtet hat, meldet ihn seinem Herrn, dem Mandarin. Dieser eilt sofort hinaus und kann den beschmutzten Gast gerade noch erreichen, als dieser zurückfahren will. Der Mandarin bittet den Gast, doch zu bleiben, ihm würde der Schmutz an seinen Kleidern nichts ausmachen. Doch der Gast hat Angst vor den Blicken und dem Getuschel der Leute und lehnt ab. Da lässt sich der Mandarin mit seinen schönen Gewändern in dieselbe Pfütze fallen, so dass auch er von oben bis unten voller Dreck ist. Er nimmt den Gast an der Hand und zieht ihn mit sich. Sie gehen beide, beschmutzt wie sie sind, in den festlich geschmückten Saal.
Keiner wagt es, etwas über den schmutzigen Gast zu sagen!“

Und der Friede Gottes, der so kräftig ist, das er alles besiegen kann, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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