Gottes Liebe ist stärker als der Hass der Welt

Liebe Gemeinde!

Karfreitag ist ein Feiertag, dessen Bedeutung gern ausgewichen wird. Weihnachten – die Geburt eines Kindes – das feiert man gern.
Ostern – dank Ostereiersuche (und wenn´s im Schnee ist) macht Spaß und Auferstehung ist zwar etwas Unvorstellbares, aber immerhin etwas Gutes. Allerdings Karfreitag?! Tod und Sterben und Trauer – wie kann man das einen Feiertag nennen? Davon wollen die meisten Menschen nichts hören. Auf den ersten Blick sieht es nach Einem Bild von Gewalt aus und so fragen sich immer wieder Menschen, was ist das für ein Gott, der seinen eigenen Sohn opfert?

Doch damit fängt es schon an: Wer ist hier eigentlich die Handelnde Person, wer wendet Gewalt an? Das sind zunächst nach den Schilderungen der 4 Evangelien Menschen:

Die römische Besatzungsregierung opfert einen jüdischen Prediger ohne den Fall genau zu untersuchen, weil er in Palästina für Unruhe sorgt, viele im Volk wollen ihn zum Herrscher machen, was den römischen Staat gefährden könnte und man da jeden Widerstand im Keim ersticken muss. Da riskiert man auch kaltblütig einen Unschuldigen zu töten, für die Ordnung im Staat und die eigene Macht muss man eben Opfer bringen.

Die Priester und Schriftgelehrten wollen nicht selbst zum Opfern einer Reformation des jüdischen Glaubens werden. Was dieser Wanderprediger aus Nazareth über den Gott Israels verkündigt ist so anders, das kann nur Häresie und Sektierertum sein. Den Ketzer muss man opfern um die Religion vor Veränderungen und Irrlehre zu schützen. Lieber er als wir!

Judas opfert seinen Freund, weil er das Heil in einem Aufstand gegen die Römer sieht. Diesem gewaltsamen Aufstand verweigert sich Jesus. Die Befreiung Israels fordert eben Opfer, da ist jedes Mittel recht, der Zweck heiligt die Mittel. Vielleicht ruft Jesus ja dann endlich zum bewaffneten Widerstand auf, um seine eigene Haut zu retten.

Die Soldaten sehen Jesus als ziviles Kriegsopfer an: Rom hat Palästina besetzt um sein Reich auszudehnen und Geld aus dem besetzten Land herauszupressen und seine Grenzen zu sichern. Das geht eben nicht ohne Gewalt und Blutvergießen, Jesus ist ein Kollateralschaden. Befehle muss man befolgen. Und man kann ja noch eins drauf setzen, der ist ja ein wehrloses Opfer, dass man quälen kann.

Das Volk macht Jesus zum Mobbingopfer. In einer beispiellosen Hetzjagd wird Jesus vom Superkönig zum Hexer oder Terrorist, so sicher ist man sich da nicht, aber egal Verdacht hin oder her: der wird schon schuldig sein. Ist das Gerücht erst mal gestreut ist es nicht mehr aufzuhalten und verbreitet sich in Windeseile. Und da lässt man doch eher einen ganz gewöhnlichen Verbrecher über die Feiertage aus dem Gefängnis entlassen als so einen Typen, den sowohl die Römer als auch die Priester für schuldig halten. Die werden schon recht haben.

Eine endlose Schleife von Gewalt steht hier im Hintergrund. Motive sind häufig Machtstreben, Machterhalt, Gewinnmaximierung, Geltungsdrang, Ignoranz oder Angst. Es geht einher mit Gefühllosigkeit, Hass, Rücksichtslosigkeit und Sensationslust. Es ist ein Akt der Aggression, der meist eine Eskalation der Situation zur Folge hat.
Das ist so, wenn man andere dem eigenen Vorteil opfert.

Und da sind wir im Machtbereich der Sünde: Was ist denn eigentlich Sünde?
Kurz und knapp: Sünde ist es, wenn Menschen wie Gott sein wollen, sich selbst an die Stelle Gottes setzen und nur noch ihren eigenen Regeln folgen. Das führt dazu, dass Menschen handeln ohne Rücksicht auf Verluste. Sünde ist jede Handlung die anderen Menschen Schaden zufügt. Das ist gegen Gottes Willen. Wer sich von anderen verletzt, übervorteilt oder niedergemacht fühlt, sinnt auf Rache, zahlt vielfach gleiches mit gleichem heim.
In diese Spirale von Sünde macht Menschen zu Opfern, opfert andere und löst damit noch mehr Gewalt aus. Es müssen immer mehr Opfer gebracht werden.

Jesus opfert niemanden. Jesus ruft nicht zur Gewalt auf. Jesus fügt keinem Schaden zu. Er greift nicht selbst zu Mitteln der Gewalt.
Er hätte Grund genug und auch gute Gründe: Selbstverteidigung, sich wehren gegen Verrat und Justizirrtum, Widerstand gegen die römischen Besatzer. Rache an den Anklägern, den Verleumdern und Gewalttätern. Aber die Folge wäre Bürgerkrieg, Verfolgung sämtlicher gläubigen Juden durch die Römer, Verhaftung und Tod der Jünger.
Das würde allem widersprechen wofür er gelebt hat, würde alles ins Gegenteil verkehren was er gepredigt hat. Dann wäre sein ganzes Leben und Handeln sinnlos gewesen. Und er würde damit sogar viele andere mit ins Verderben ziehen. Nichts würde sich ändern. Dafür hätte es keinen Sohn Gottes gebraucht – dass alles beim Alten bleibt.
Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. [27] Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: [28] so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen;

Stattdessen: Jesus opfert sich selbst um die anderen zu schützen. Er opfert sein Leben um das Leben der anderen zu erhalten. ER könnte anders handeln, aber er wählt diesen Weg!
Es gibt kein göttliches Donnerwetter, keinen Blitzeinschlag der alle Widersacher vernichten würde.
Die Menschen sollen nicht mit Gewalt zum Glauben an Gott gebracht werden, sondern aus Überzeugung.

Warum tut Jesus das?
Weil er das Wohl vieler über sein eigenes Wohl setzt. Weil er nur so die Spirale von Sünde, Hass und Gewalt durchbrechen kann. Weil er nur so einen Weg der Liebe und Nächstenliebe und Selbstlosigkeit bis zum Ende konsequent gehen kann.
Nur so bleibt er sündlos. Er will nicht sein wie Gott und er schadet niemandem.
Es geht an diesem Karfreitag nicht um die Gewalt der anderen, sondern um die Motive Jesu.

ER bringt das größte Opfer das es gibt: ER gibt sein Leben für die anderen aus Liebe zu ihnen und um ihre Leben zu schützen. Das ist das einzig wirksame Mittel gegen das Böse: Eine Handlung, die den Regeln der Welt, der Sünde, des Teufels völlig zuwiderläuft. Damit kann das Böse nicht umgehen. Das zwingt den Satan in die Knie. Da ist er sprachlos und machtlos. Gegen solch eine Liebe kann er nichts ausrichten!
Seine Macht zerfällt zu Staub.

So schenkt Jesus Leben und Zukunft, so gibt er Hoffnung und ist bei allen, die in dieser Welt Leid tragen müssen. An diesem Tag und der Zeit bis zum Ostermorgen durchwandert der Sohn Gottes die tiefsten Abgründe und Einsamkeiten, die es gibt. Dadurch kann uns nichts und niemand von Gott trennen, weil er allgegenwärtig ist. Seine Liebe fürchtet nicht Tod noch Teufel. Gottes Liebe ist stärker als der Hass der Welt. Gott fordert keine Vergeltung, sondern er gibt sich selbst für uns.

Amen

[Anmerkung: Sehr hilfreich zum Thema Opfer ist ein Aufsatz von Werner H. Ritter Dt. Pfarrerblatt 3/2004 „Opfert ein liebender Gott seinen Sohn?“]

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