Spiel ohne Grenzen

Liebe Gemeinde!

Kennen Sie noch »Spiel ohne Grenzen«, die beliebte Spielshow aus dem Fernsehen in den 70er und 80er Jahren? 1965 – ein Jahr vor meiner Geburt – war die erste Sendung, moderiert von Camillo Felgen und später – als ich Kind war – führte dann Erhard Keller, der ehemalige Eislauf-Olympia-Sieger, durch die Show. Im Sommer wetteiferten damals am Samstag Nachmittag, Teams aus verschiedenen Städten darum, wer am Besten den Kräften von Wasser, Schmierseife und Schwerkraft wiederstehen konnte.

Doch der Höhepunkt war dann im Herbst das Finale. Dort spielten international Teams aus fünf bis acht Ländern diese feucht-fröhlichen Spiele.
Was daran so besonders war? 1965 – 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs – begegneten sich Menschen in einem fröhlichen Treiben, deren Eltern noch aufeinander geschossen hatten. Dass Frankreich, England und Deutschland – die angeblichen »Erbfeinde« – jetzt so unbekümmert miteinander umgingen, war ermutigend und wirklich ein »Spiel ohne Grenzen«!

Bis daraus eine »Leben ohne Grenzen« wurde, dauerte es noch viele viele Jahre: über EG und EU, bis schließlich 1995 durch das Schengener Abkommen die Grenzen in Europa fielen – 30 Jahre nach der ersten Spielshow – 50 Jahre nach dem Krieg!

Ein »Leben ohne Grenzen«! – Die Jüngeren unter uns halten das heute für selbstverständlich. Und dank Internet, Facebook & Co. scheinen die Grenzen weltweit überwunden. Aber ist das so?

Sicher, soziale Medien haben die Kraft, Grenzen zu sprengen. Die Revolutionen in Nordafrika und im Nahen Osten zeigen das. Aber sozialen Medien können auch ganz neue Grenzen aufrichten mit einer bisher nicht gekannten Vehemenz: Es wird eifrig geflamet und gedisst, gemobbt und gelästert. Und Menschen werden ausgegrenzt wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder sonstiger Kleinigkeiten, ausgegrenzt, mit einem Mausklick in Sekundenschnelle, weltweit! Von wegen »Spiel ohne Grenzen!« Der 17-Jährige aus Emden, der unter falschen Mordverdacht verhaftet wurde, musste das letzte Woche am eigenen Leib erfahren – eine Hatz über Facebook, die ihn, den Unschuldigen, aus der Stadt trieb.

»Sozial« wird ein Medium, »sozial« wird eine Versammlung – übrigens auch die Kirche – nicht dadurch, dass man zusammenkommt oder möglichst schnell alle erreichen kann.
Sozial wird eine Ansammlung von Menschen erst, wenn sie die Grenzen im Kopf und im Herzen überwindet, wenn sie einen Sinn für die Gemeinschaft entwickelt.

So mahnte Paulus damals auch seine zerstrittene Gemeinde in Korinth, Menschen, die sich wöchentlich zum Gottesdienst und zum gemeinsamen Abendmahl trafen. Anfangs war es fast schon revolutionär und begeisterte alle: Knechte und Arbeiter saßen mit ihren Dienstherren an einem Tisch. Sie teilten gemeinsam das Essen und fühlten sich verbunden durch die Zusage Jesu, dass er, in Brot und Wein, fast schon greifbar präsent ist, Kraft und Hoffnung gibt und Grenzen überwindet.

Doch dann kamen die ersten Zwistigkeiten: die Reichen begannen schon vorher das Essen, sodass die Armen kaum noch was abbekamen. Die Nächsten brachten Fleisch mit, was wieder andere als nicht dem Glauben gemäß ablehnten. – Die junge Gemeinde drohte zu zerbrechen.

Und so mahnte Paulus in einem Brief an sie an:

[16] Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? [17] Denn ein Brot ist‘s: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.

Paulus erinnert an die Gemeinschaft wie Jesus sie lebte:
»Spiel ohne Grenzen!« »Leben ohne Grenzenen!« Jesus setzte da noch eins drauf, nämlich »Lieben ohne Grenzen!«

An seinem Tisch, am letzten Abend seines Lebens, saßen sie alle besisammen – alle! Keiner wurde von Jesus ausgegrenzt.

Nicht Levi, der Zöllner. Einer, der mit den Römern, der Besatzungsmacht zusammengearbeitet und viele Menschen schamlos betrogen hatte.
Neben ihm am Tisch saß Petrus. Stolz und selbstsicher trat er gerne auf. Wie Jesus wollte er übers Wasser gehen – und ist doch versunken. Nie will er seinen Herrn im Stich lassen – das versicherte er allen anderen lautstark. Wir wissen, dass er im entscheidenden Moment dann doch leugnete, Jesus überhaupt zu kennen.
Ein weiterer Gast war Thomas. Ein Mann mit einem messerscharfen Verstand, der gerne kritischen Fragen stellt. Aber er glaubte nur das, was er sehen, anfassen und beweisen konnte. – Kein großes Vorbild im Glauben.

Und schließlich saß da noch jemand am Tisch, den wir mit Sicherheit ausgegrenzt und ausgeladen hätten. Es war Judas. In ihm brannte ein zerstörerischer Eifer, der schließlich zum Verrat führte.
Und was macht Jesus: er bittet sie alle zu Tisch, Judas eingeschlossen. Er teilt mit ihnen allen das Brot, reicht jedem den Kelch. Nein, würdig war diese Gesellschaft sicher nicht. Und doch sind sie eingeladen – alle!

Dieser letzte Abend mit Jesus, diese Gemeinschaft ohne Vorbedingungen, diese »Liebe ohne Grenzen« war der Beginn für den weiteren Weg der Jüngerinnen und Jünger Jesu: von nun an trafen sie sich regelmäßig in seinem Namen versammelt an einem Tisch zu einer Gemeinschaft.
Zunächst war das eine Gemeinschaft der Trauer wie in Emmaus; ja sogar eine Gemeinschaft der Angst, als sich die Jünger nach dem Tode Jesu verkrochen hatten.
Doch dann – nach Ostern wurden sie alle zu einer Gemeinschaft der Freude, denn sie spürten, dass von nun an der lebendige Jesus unter ihnen ist, sie miteinander verbindet und jeden Einzelnen stärkt, auf seinem persönlichen Lebensweg.

Das Spezifikum des Christentums ist die Nächstenliebe – ja sogar die Feindesliebe – »Liebe ohne Grenzen«. Dies hat Jesus gefordert und selbst gelebt, als er Judas das Brot beim Abendmahl reichte. Jesus gibt niemanden auf – bis zum Schluss nicht!
Das christliche Abendmahl ist das Symbol gegen Ausgrenzung und Ablehnung, das Symbol für versöhnte Gemeinschaft – die den Einzelnen aber bestehen lässt und ihn nicht – im Gegensatz zu vielen Sekten – gleichschaltet und bis zur Unkenntlichkeit gleich macht. Sondern das Abendmahl lässt dich als Individuum und Persönlichkeit bestehen und lädt dich trotzdem ein in diese Gemeinschaft des Heils.

So ist es gut, dass der Kirchenvorstand unserer Gemeinde in seiner letzten Sitzung beschlossen hat, die Ausgrenzung der Kinder vom Abendmahl aufzuheben. Ab Mai dürfen also alle Getauften – unabhängig von ihrem Alter – ihrer Intelligenz und ihrer Person am Tisch des Herrn die Gaben des Heils empfangen. Denn durch die Taufe sind wir alle Gottes Kinder, und unsere Kinder sind Mitglieder der Gemeinde Jesu Christi. Nicht wir laden zum Tisch des Herrn, sonder Jesus selber lädt ein: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.“, sagt er – das ist eben »Liebe ohne Grenzen«.

Und so hoffe ich, dass auch die römisch-katholische Kirche die schmerzhafte Praxis der Ausgrenzung überwindet und das Abendmal als Sakrament der »Liebe ohne Grenzen« feiert.

Heute Abend lädt Jesus auch uns an seinen Tisch, als die, die wir sind: Menschen, mit unseren Stärken und Eigenarten, mit unseren Fehlern und Schwächen.
Wir dürfen Platz nehmen, um zu erleben, dass unser Herr uns freundlich ansieht, barmherzig und gnädig. Dass er für uns alles einsetzt, alles mit uns teilt – und sei es sein Leben.
Heilsame Gegenwart, in der Jesus uns Trost schenkt und Stärkung in Zeiten der Ungewissheit und seine vollmächtige Kraft, die uns zurüstet für unseren Weg als Christinnen und Christen.

Und dann dürfen wir Aufstehen von diesem Tisch und uns die Hände reichen. Weil Jesus uns an seinem Tisch verbunden hat. Weil Jesus uns verändert und aus einem Häuflein von Einzelmenschen eine Gemeinschaft schaffen kann.
Eine Gemeinschaft die seinen Namen und seine Botschaft trägt.
Möge Jesus auch uns jetzt nahe sein, uns stärken und verändern.

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