Schlangen fangen: Verantwortung lernen

Liebe Gemeinde,

heute wollen wir über das Thema Freiheit und Verantwortung nachdenken. Wann ist man frei? Fragen wir gleich direkt und ohne Umschweife: Ist die Menschheit erst dann frei, wenn sie keine Religion mehr kennt? Freiheit und Religion sehen manche Zeitgenossen als unvereinbar an.

I. Austreten um frei zu sein?

Diese Tage hat mir ein Ehepaar auf meinen "Austrittsbrief" geantwortet. Diesen Brief, der mein Bedauern über den Kirchenaustritt zum Ausdruck bringt und darum bittet, den Grund zu nennen, sende ich an alle, die unsere Kirche verlassen.

Beide sind wohl so um die siebzig. Ein ungewöhnliches Alter, die Kirche zu verlassen. Das Ehepaar hat 12 Gründe aufgeführt, die sie zum Austritt bewogen haben. Sie stehen letztlich alle unter der Überschrift: Wo Religion ist, da ist keine Freiheit. Die Kirche, so einer der Vorwürfe, erziehe zur geistigen Unfreiheit und zur Intoleranz. Ihr religiöses Vokabular wird abgelehnt: Jüngstes Gericht, Verdammnis, ewiges Leben, Erbsünde etc.. Ein ehrlicher, wenn auch wütender Brief. Glaube und Vernunft seien unvereinbar, so die beiden, Religion sei ein "Meisterstück der Abrichtung." Religion und Freiheit? Nein, das will nicht zusammen passen.

Als Predigttext ist uns heute eine sehr tiefsinnige Erzählung aus der Wüstenwanderzeit des Gottesvolkes aufgegeben. Diese eigenartige Story handelt von Freiheit und Verantwortung. Damit sich uns das erschließt, übertragen wir diese Geschichte in unsere Zeit.
Freiheit und Verantwortung. Das ist das Thena.

Freiheit beginnt, wo Menschen aufbegehren, sich gegen die überkommenen Mächte stellen. Freiheit beginnt im Protest. Wenn man so will, dann beginnt unsere Geschichte mit dem Austritt eines ganzen Volkes aus seiner Religion.

II. Manna macht nicht satt

Gott, lass uns in Ruhe! So könnte man die Stimmung wiedergeben, die sich im wandernden Gottesvolk weiland in der Wüste Raum verschuf. Das Volk wurde verdrossen auf dem Weg, der sich zudem noch als Umweg darstellte. Man sollte zurück ans Schilfmeer, den Ort der Rettung. Auf dem Weg ins "gelobte Land" im Rückwärtsgang. Das war zu viel! Es reicht uns, klagte man damals und es heißt weiter: Uns ekelt vor der mageren Speise – „Religion“.

Brot und Wasser wollte man haben und nicht andauernd das fromme Brot vom Himmel, jenes Manna, das Gott seinem Volk täglich servierte. Modern könnten wir interpretieren, man habe "gefühlten Hunger" empfunden, nicht einen tatsächlichen. Denn immerhin musste niemand tatsächlich darben. Aber satt war man dennoch nicht. „Satt“ hatte man die Angewiesenheit auf Gott.

"Gott beschützt dich". "Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand." "Jesus rettet dich". "Glaube und du wirst leben". Immer das Gleiche, was man hört: Gott sieht alles, fügt alles, lenkt alles. Du musst nur vertrauen haben. In unzähligen, meist vor verbalem Kitsch nur so triefenden Segensformeln predigt man uns Rundum-Behütung an, Schutz vor allem Argen und Bösen. Gott, nur Gott allein…

Nicht wenige Menschen empfinden in unseren Gottesdiensten diesen "gefühlten Hunger". Fromme Formeln umgarnen die Seele und nebeln ein. Mancher fühlt sich nicht ernst genommen. Das Leben ist anders, ist härter. Des "himmlischen Mannas" frommer Worte ist man überdrüssig. Gott, lass uns in Ruhe. Wir wollen frei sein. Brot und Wasser langen uns. Manna macht nicht satt. Fromme Sprüche sind allzu oft Flucht vor der Lebenshärte.

III. Die Schlangen wieder einfangen: Verantwortung lernen.

Und dann ließ Gott die Schlangen los. So müsste man besser übersetzen. Gott hat die Schlangen nicht geschickt, wie Luther übersetzte, weil er wohl gleich Gottes Strafe zum Ausdruck bringen wollte. Das Symbol der Schlangen verstehe ich als Symbol für gefährdetes Leben, für ein Leben, um das kein Schutz mehr gelegt ist. Ein Leben ohne Religion, ohne Bindung, ohne Barmherzigkeit und ohne Verantwortung. Ein Leben in Freiheit. Dem, der sich nach Freiheit sehnt, erschreckt das nicht. Im Gegenteil: Jetzt fängt Leben an, Abenteuer zu werden.

Versuchen wir, das Bild in unsere Gegenwart zu übertragen:

Wir leben in aller Gefährdung mit den Schlangen unter uns. Ein beliebtes Beispiel: Kapital- und Aktienmärkte wehren sich heftig gegen jede Form von Regulierung. Es gilt als vernünftig, dem Geld nachzujagen, Gewinne anzuhäufen weit über das hinaus, was man eigentlich braucht. Den Agenten dieser unverantworteten Marktfreiheit zahlt man unvorstellbar hohe Summen als Gehalt und Bonus.

Vielen Menschen ist heute eigentlich alles egal. Sie gehen nicht wählen. Beklagen das geringe Niveau der Politik. Man regt sich lieber über alles auf, hält sich aber fein raus. Grenzen kann kaum jemand ertragen. Schuld aber sind die anderen: Der Kunde will es so, heißt es.

Bindungen hätte man gerne, aber nicht die damit verbundenen Aufgaben. Was keinen Spaß macht, ist schlecht. Alles muss unterhaltsam sein. Respekt – wozu? Mühsal – warum?

Was wir aber auch merken ist, dass wir die Gefährdungen unseres Lebens in den Blick nehmen müssen. Wir spüren, wir ahnen, dass diese absolute, nicht mehr zur Verantwortung bereite Freiheit Unterdrückung, Armut und Elend hervorruft. Geringe Löhne, Zeitarbeit, eine hemmungslose Presse, die bereit ist, für Schlagzeilen jeden Menschen zu vernichten u.v.a.m. empfinden wir zusehends als Bedrohung. Das müssen wir anschauen.

So verstehe ich diese eigenartige Erhöhung der Schlange, ihre Formung als Zeichen, auf das man blicken muss, um gerettet zu werden. Die „eherne Schlange“, die Moses als Zeichen erhöht, deute ich als die Wiederkehr der Verantwortung, die Reflexion der hemmungslosen Freiheit. Schaut, heißt dieses Zeichen, schaut auf das, was euch gefährdet. Macht es euch bewusst. Prüft und verantwortet, wie ihr lebt.

In unserer Geschichte heißt das so: Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk.

Es lassen sich dafür viele Beispiele aufzeigen, wie wir immer mehr lernen, das, was wir tun, zu verantworten: Es gibt kaum noch ein Unternehmen, dass sich vorwerfen lassen möchte, mit Kinderarbeit Geld zu verdienen. Wenig bekannt aber ist dies: Gut 30% aller Kopfsteinpflaster, mit denen wir unsere alten Städte so gerne schmücken, werden unter grausamsten Bedingungen von indischen Kindern hergestellt. Auch das ist man gewohnt, dass die Kirche gerne den moralischen Zeigefinger erhebt. Hat sie mehr zu bieten als Empörungsrhetorik?

Das eingangs erwähnte Ehepaar lehnt alles Reden von Sünde oder gar Erbsünde ab. Zur Freiheit aber kommen wir nur dann, wenn wir mutig das aussprechen, was ihr entgegensteht. Zur Freiheit kommen wir nur dann, wenn wir lernen, uns zu verantworten. Verantwortung ist der Alltag eines freien Lebens. Ich könnte auch sagen: Buße ist der erste Schritt, dass Freiheit werden kann. Buße ist eingelöster Protest gegen die Sünde. In der Bildwelt unseres Bibelzitats gesprochen heißt das: Wir müssen die Schlangen wieder einfangen und Verantwortung lernen.

Muss Religion zurückkehren? Zurück ins Mittelalter, wo alles seinen Platz und seine Ordnung hatte, bewacht von Papst und Kaiser, Priestern und Beamten? Nicht wenige Menschen sehnen sich nach starrer Ordnung, nach Herren, die alles regeln, nach starker Hand zurück. Es ist mühselig, in der Freiheit zu leben. Sehr bequem hingegen ist die Freiheit der Sklaven und der Kinder, denn sie haben eines nicht: Sie müssen sich für nichts verantworten, weil sie stets sagen können: Ich mache das, was der Herr, was die Eltern mir befohlen haben. Ich habe den Verdacht; dass sich viele Menschen nach dieser Sklavenfreiheit sehen.

IV. Christus als Symbol der Freiheit

Diese mehr oder weniger seltsame Geschichte mit der Schlangenplage ist wegen des Johannes-Evangeliums ins Licht der evangelischen Predigttexte gerückt. Dort steht eine kleine Notiz: "Wie Moses die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Joh 3,14).

Wir wollen ergründen, was Freiheit und Verantwortung sind. Bislang haben wir zweierlei erkannt. Erstens die grenzenlose, schutzlose Freiheit, die uns ausliefert an die Härte des Lebens, an den Existenzkampf, in den die ganze Menschheit verwickelt scheint. Wir haben zweitens gesehen, dass Freiheit der Verantwortung bedarf. Wir müssen es lernen, Freiheit zu zügeln, ohne dass wir sie abschaffen oder in falscher Weise eingrenzen. Wir haben eventuell gesehen, dass es hilfreich wäre, aufzuschauen, das anzuschauen, was hemmungslose Freiheit bewirkt.

Indem wir nun aufschauen und dem Hinweis des Johanes folgen und auf Christus blicken, schlagen wir ein neues Kapitel zum Thema Freiheit und Verantwortung auf. In diesem Kapitel lernen wir, dass Freiheit und Liebe zusammen gehören.

Ich will das im Fortgang gar nicht theoretisch erklären. Wir üben uns ein in christliche Freiheit.

Wir könnten das gleich hier in der Kirche machen.

Ein Satz vorweg. Freiheit ist ein Ziel, kein Zustand. Unsere Freiheit ist ja stets eingegrenzt durch wirtschaftliche und politische Gegebenheiten, durch Bildung und Erziehung. Menschen sind unterschiedlich und daran wird auch die Kirche nichts ändern,

Bei Paulus heißt es im Blick auf Christus: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus (Gal 3,38).

Das ist das Ziel, das hier beschrieben wird: Nicht, dass alle gleich werden, wohl aber dass im Glauben Unterschiede aufgehoben werden, weil sie keine Rolle mehr spielen. Glaube stellt das Individuum, den Menschen in den Mittelpunkt.

Aber nun machen wir unsere Übung: Wir schauen auf Christus. Dazu stellen wir uns nun vor, es käme jemand in die Kirche schuldbeladen und eingesperrt in sein belastetes Gewissen in unseren Gottesdienstraum.

Unsere Zeitungen würden ihn an den Pranger stellen. Viele zeigten mit dem Finger auf ihn. Und wir, die wir auf Christus schauen, was würden wir tun?

Das Beispiel mag dick aufgetragen wirken, aber es soll uns ja etwas vor Augen führen. Freiheit gäben wir diesem Menschen, indem wir ihm vergeben. Dazu mögen sich Forderungen gesellen, Schaden gut zu machen. Im Kern aber entsteht Freiheit dort, wo wir vergeben.

Lassen wir noch jemanden kommen. Vielleicht jemand, über den eine ganze Schulklasse lästert und ihn ablehnt. Schauen wir auf Christus und versuchen wir das, wie uns dieser Blick verändert, zu spüren. Er ruft etwas in uns wach, nämlich unser Gewissen, den inneren Ort, an dem wir entscheiden, wie wir sein wollen. Freiheit entsteht dort, wo wir einen Menschen nicht zurückweisen, wo wir ihn leben lassen und ihn akzeptieren, wie er ist. Freiheit wird dort geboren, wo Heilung geschieht, soziale Heilung.

Freiheit beginnt dort, wo wir den Menschen sehen können als ein einmaliges, unwiederbringliches Individuum. Alle, die Freiheit zerstören wollen, zerstören als erstes die Würde eines Menschen, degradieren ihn zum Objekt, das ausgenutzt wird, sich unterwerfen und fügen muss. Zu Recht macht man auch den Kirchen den Vorwurf, im Laufe ihrer Geschichte so düster gehandelt zu haben.

Und trotzdem sage ich gerne, mein Glaube an Christus macht frei, er macht mich so frei, dass ich keinen Menschen ablehnen muss, weil er anders denkt oder anders lebt. Diese durch Glauben geborene Freiheit schließt nicht aus, dass ich dann in ein Gespräch eintrete, in dem ich mein Befremden über andere Lebensformen Ausdruck gebe.

Freiheit ist kein Zustand. Sie ist ein hohes Ziel, ein menschenwürdiges, in Gott gründendes Ziel. Religion, christliche Religion, christlicher Glaube macht frei. Ist es ihnen aufgefallen: In unseren Übungen ging es nicht um „meine Freiheit“, sondern um die Freiheit, die ich einem anderen gebe. Das mag das Geheimnis der Freiheit sein: Sie atmet dort auf, wo sie gegeben wird. Gott gibt sie uns, gibt sie dir. Und wem gibst du?
Ist das jetzt doch wieder ein so süßlicher, christlicher Spruch, deren wir oft so überdrüssig sind? Ich hoffe nicht.

Freiheit ist stets bedroht durch uns selbst, durch unsere Gier, durch Machtbestreben, durch Herrschaftswillen, andere Menschen zu bezwingen. Der Blick auf Christus allein macht es noch nicht. Das ist die Quelle, um deren Strom, um derer Lebenswasser wir uns ständig mühen müssen. Heil wird uns geschenkt. Unsere Mühe aber ist es, dieses Geschenk zu bewahren. Freiheit beginnt im Protest, in der Anklage, in der Wahrnehmung von Unfreiheit. Christliche Freiheit und Verantwortung blühen dort, wo ich lerne, im Menschen Gottes Ebenbild zu sehen.

Freiheit ist dort beständig, wo Werte in Geltung stehen. Das ist kein Zaun, der am Ende alles beschränken und wieder eng machen soll. Darauf will ich nur noch kurz eingehen. Unser Gewissen formt sich durch das, was wir an Werten aufnehmen, lernen und schätzen. Fehlen diese Werte, dann geben wir den Schlangen Raum, dass sie unser Zusammenleben und am Ende uns selbst zerstören. Fehlen uns gute Werte, dann wuchern die Werte der Schlangen: Beißen, vergiften, sich durch das Leben schlängeln. Davor bewahre uns Gott.

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