Gott – mit seiner Gnade im Recht

(Vor der Predigt wird der Predigttext nur bis Vers 31 gelesen.)

Liebe Gemeinde,

bis hier her und nicht weiter, hat Jesus wahrscheinlich dieses Gleichnis erzählt. Und wenn wir uns bis hier her auf diese Geschichte eingelassen haben, dann haben wir bereits zweimal nicht schlecht gestaunt. Das erste Wunder ist, dass der König in so außerordentlich großzügiger Weise Gnade vor Recht ergehen lässt und den astronomisch verschuldeten Knecht schuldenfrei nach Hause schickt. Das zweite Wunder ist, dass derselbe Knecht gleich darauf in so außerordentlich kleinlicher Weise Recht vor Gnade ergehen lässt und einen Mitknecht wegen einer lächerlichen Schuld seiner Freiheit beraubt, bis er auch den letzten Groschen bezahlt hat.

Jede Konfirmandin, jeder Konfirmand weiß, wie die Geschichte ausgeht. Jeder weiß, was der König jetzt tun muss. Und so haben wahrscheinlich andere zu Ende erzählt:

32 Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast;
33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?
34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.

Was der König am Ende dieses Gleichnisses tut, ist kein Wunder. Bleibt ihm denn eine andere Wahl? Auch wenn Jesus diese Geschichte nicht zu Ende erzählt haben sollte, wie Bibelforscher mit gutem Grund vermuten, es gibt keinen anderen Schluss.

Dabei hat diese Geschichte so gut angefangen. Ein Mensch verschuldet bis über alle Ohren, die seiner Frau und Kinder eingeschlossen, ein Mensch der seine eigene Zukunft und die seiner Familie verspielt hat, wirft sich auf sein Angesicht und bittet um Geduld und Stundung. Und bekommt mehr, als selbst ein Optimist in seiner Lage hoffen darf: Nicht Stundung, nicht Umschuldung, nicht einen günstigen Zinssatz, nicht den modernen Rettungsschirm. Der König entschuldet ihn zu 100 Prozent und lässt ihn gehen als freien Mann.

Was für eine grandiose Zusammenfassung des Evangeliums. Wie weit macht Jesus die Tür zum Himmelreich auf. Da passt unsere ganze verdammte Welt durch ohne Anzustoßen. Ohne Bedingungen, ohne Verrenkungen, ohne ihre Schuld klein machen oder selbst ein bisschen abtragen zu müssen. Der Christus macht die Tür zum Himmelreich für jeden von uns weit genug auf. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Das ist Evangelium ohne wenn und aber.

Davon leben wir alle – oder wir gehen irgendwann zugrunde. Wer über das Wort von der Sündenvergebung und über die christliche Beichte die Nase rümpft, sollte einmal zur Kenntnis nehmen, was Psychologen sagen. Die machen uns darauf aufmerksam, dass wir modernen Menschen nicht nur ein Problem mit dem Wohlstandsmüll, sondern ein noch viel größeres mit dem Müll in unseren Seelen haben. Wir erfahren immer weniger Vergebung, und dass das Vergebene dann auch irgendwann einmal vergessen wird. Ohne beides gibt es keinen wirklichen Neuanfang im Leben. So lassen sich heute scheiternde Beziehungen immer trefflicher durch den Begriff vom „nicht mehr ausgleichbaren Verrechnungsnotstand“ beschreiben. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Hinaus geht ein entschuldeter, freier, aufatmender Mensch. Es war ein schlechter Gottesdienst, eine schlechte kirchliche Veranstaltung, aus der wir anders hinausgehen, als jener Knecht.

Aber dann bekommen wir es, wie dieser Knecht, mit der Welt zu tun. Und Jesus wählt mit Bedacht, worauf der den Finger legt und worauf nicht. Das ist es nicht, dass jener Knecht vielleicht wieder Schulden gemacht hätte, und es bei allen guten Vorsätzen wieder nicht geschafft hätte ein guter Knecht seines Königs und den anderen ein Vorbild zu werden. Das ist es nicht, dass Christen, die Gottes Güte erfahren haben, dann bei allen guten Vorsätzen doch wieder Schuld auf sich laden: Den Namen ihres Gottes missbrauchen, den Feiertag nicht heiligen, Vater und Mutter im Alter allein lassen, dem anderen die Luft und den Platz zum Leben nehmen, die Ehe brechen, sich an fremdem Eigentum vergreifen, die Unwahrheit sagen und lieber das hätten, was der andere hat. Da wird der Knecht, da werden wir wohl wieder auf dem Angesicht vor unserem Herrn liegen, unsere Schuld beim Namen nennen und auf seine Güte hoffen müssen. Und hoffentlich haben wir dabei, wie der Knecht im Gleichnis, die rechte innere und äußere Haltung zu unserem Tun, Reden und Denken gefunden.

Aber es ist ein Skandal, wenn jener Knecht, der einzig und allein aufgrund der Barmherzigkeit seines Herrn leben und ein freier Mann sein kann, hingeht und sich weigert selbst ein barmherziger Mensch zu werden. Es ist ein Skandal, wenn Christen, die allein davon leben, dass Gott alle Morgen neu Gnade vor Recht ergehen lässt, hingehen und sich weigern selbst barmherzige Menschen zu werden. Und statt dessen die Ordnung einer Welt in ihren Herzen festschreiben in der alles was Recht ist, vor allem aber „mein gutes Recht“ ganz oben am Altare steht.

Alles was Recht ist! Wenn die Heiden bei uns und irgendwo auf der Welt so denken und handeln, dann ist das kein Wunder. Man kann dankbar sein, dass wir in einem Land leben, in dem jeder Bürger wenigstens sein gutes Recht hat. Das ist ja nicht überall auf der Welt der Fall. Wenn wir aber als Menschen von Gottes Gnaden dabei stehen bleiben, dann ist das ein Skandal. Das muss nicht nur der Apostel Petrus lernen, der ja immerhin seinem Bruder siebenmal barmherzig sein will, bevor sein gutes Recht wieder an erster Stelle kommt. Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Gottes Güte ist vollkommen maßlos.

Mit Petrus, der bekanntlich ein frommer Mann war, müssen auch wir das immer wieder lernen. Gerne lernen! Denn es ist ja eine erfreuliche Lektion für uns selbst und es soll durch uns auch eine erfreuliche Lektion für unsere Mitmenschen werden.

Freilich: Zu allen Zeiten und auch heute gibt es unter uns solche, die laut oder leise das Fehlen von Wertmaßstäbe bejammern, und deshalb sympathisieren mit allem was durchgreift und klare Verhältnisse schafft. Mitarbeiter, die sich etwas zuschulden kommen ließen, dies auch einsehen und eingestehen, sollen aus dem kirchlichen Dienst entfernt werden, um der Glaubwürdigkeit der Kirche willen. Politiker, die in ihrer Vergangenheit dunkle Flecken haben, dies auch einsehen und eingestehen, sollen aus ihren Ämtern verjagt werden, um der Glaubwürdigkeit des Staates willen. Werte müssten wieder kompromisslos vertreten werden. Die Bösen raus, dann bleiben die Guten übrig? Ach wirklich? Fragt euch selbst, ob es nicht oft genug nichts als Hartherzigkeit und Unbarmherzigkeit ist, die da im Gewand des kompromisslosen Gerechtigkeitssinns daherkommt. Und oft genug ist es mehr als offensichtlich, dass bei den Fingerzeigern die Allermeisten zu denen gehören, die die Splitter im Auge des anderen gnadenlos verurteilen, während sich bei ihnen selbst die Balken biegen.

Mag schon sein, dass solche Hardliner der Gefahr entgehen, dass man Barmherzigkeit für Schwäche und Gottes Gnade für billig hält. Viel schwerer wiegt die Gefahr, dass man um solche Missverständnisse auszuschließen, das Evangelium preisgibt. Und das liegt in dem, was der König im Gleichnis tut. Er tut, was Recht ist. Gott will mit seiner Gnade im Recht sein. So predigt es Jesus in seinem Gleichnis.

Es geht deshalb nicht, dass der so ganz und gar entschuldete Knecht seiner Welt ein anderes Gesicht zeigt, als das barmherzige Gesicht seines Königs. Es geht es nicht, dass wir als Christen der Welt ein anderes Gesicht zeigen, als das Gesicht des Gottes, dessen Barmherzigkeit alle Morgen neu ist. Im andern Fall muss der König seinem Knecht vergeben, wie der seinen Schuldigern vergibt. Nämlich gar nicht.

Aber diese Schlussfolgerung hat Jesus nicht gezogen. So weit hat er gar nicht erzählt. Weil er hofft, dass wir barmherzige Menschen werden. Und eigentlich bleibt uns gar nichts anderes übrig. Eigentlich bleibt uns gar nichts anderes übrig, weil wir ja selbst von der Güte Gottes leben, von seinem Wort und Sakrament. Wenn wir bei diesem Gott bleiben, der es für sein gutes Recht hält, uns gnädig zu sein, dann dürfen wir erfahren, wie er uns jeden Tag aufs Neue in die Freiheit der Kinder Gottes entlässt. Damit wir aufatmen, aufrecht gehen und leben können.

Und dazu sagen wir: Amen.

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