Auf! Am Ende Auf!

Osterpredigt, Ostersonntag, 10.00 Uhr, Stadtkirche Heiligenhafen, P.C. Sauerberg (ev.)
Liebe Gemeinde;
Der HERR tötet und macht lebendig; er führt hinab ins Totenreich und wieder hinauf.
Ja. So ist das. Wir müssen sterben, alle. Wir werden – hoffentlich-als Geist oder Seele oder irgendwie auch immer auferweckt und landen bei Gott in Ewigkeit. Hoffentlich alle.
Ist, wie es ist. Und fertig ist die Osterpredigt. Mehr gibt’s nicht zu sagen. So würden das Opa Geerken und Herr Ahlers im Frühstück bei Stefanie auf den Punkt bringen. Norddeutsche Sachlichkeit. Ist wie es ist. Tiffy, machst mir noch n Mettbrötchen? Jaaa, abä muss ich erst schmieärn.
Oder hätte man auch in Steffis Kaffeebude ein wenig mehr zu sagen zu Ostern? Also: das Fest des Hasen und der Eier ist es in erster Linie eigentlich nicht. Das sind Frühlingssymbole: Hase, Eier. Das hat was mit Vermehrung, aufbrechendem Leben zu tun. Also schon ein Anklang an Ostern: der Herr macht lebendig. So ein wenig wie bei Goethe im Faust: Vom Eise befreit sind Bäche und Seen…usw. Aufbruch des Lebens eben.
Jerusalem. Grabeskirche. Sonntag früh um Acht. Die Touristenbusse sind noch nicht da. Noch ist es fast still in dem riesigen, verschachtelten Bauwerk. Die Kopten beginnen mit der Liturgie, seltsam fremde Gesänge dringen zu meinem Ort, irgendwie altaramäisch oder so ähnlich. Am Grab schon eine kleine Schlange. Aber noch kurz. Wartezeit vielleicht 10 Minuten. Es ist eine offenbar russische Pilgergruppe. Alle in weiß gekleidet. Die Männer ähneln durchweg Typen aus dem Bodybuildingmagazin, Glatze oder Stoppelhaare, Oberarme wie Baumstämme. Die Damen recht grell geschminkt. Der griechische Priester und Mönch, der das Grab mit Würde bewacht verzieht keine Miene. Immer zwei dürfen rein. Ich misch mich unter die gruppe und stehe neben einem 1,90 Kerl-er lächelt, ich auch, ich kann kein Russisch, er kein Deutsch. Er zeigt auf sich: Boris. Ich zeig auf mich: Carsten. Ich blick zum Grab und falte die Hände. Beten. Er nickt. Keine weiteren Worte.
Wir sind dran. Nun lässt uns der Grabwächter hinein. Durch eine niedrige Tür kommt man in einen kleinen Vorraum ein wenig tiefer. Warm ists da drin. Der Bauch der Erde ist warm. Und eng. Wie so eine Art Mutterschoß. Es riecht nach Weihrauch und Kerzen. Vor dem eigentlichen grab sitzt ein Mönch. Auch ein Grieche. Langer Bart. Kutte, stoischer Blick. Kurze Handbewegung zu uns beiden. Los, jetzt dürft ihr da rein. Durch eine ganz niedrige Tür müssen wir, noch zwei Stufen hinab, sich tief bücken, eng ist da drin, man kann kaum aufrecht stehen. Eine Felsengruft, eine kleine Höhlenkammer. Bauch der Erde. Geburtsort des Lebens. Eine Steinfläche, da, seht den Ort, wo er gelegen hat. Darauf Blumen und Ikonen, zwei große Kerzen brennen, ein Tuch ist darüber gebreitet, mit der griechischen Aufschrift: Christos anesti. Der Herr ist auferstanden. Boris ist ergriffen. Er weint, glaube ich. Dieser Schrank von Kerl weint und küsst die Steine. Mir werden auch die Augen feucht. Man kann hier nicht einfach besichtigen wie man eben Sehenswürdigkeiten besichtigt. Auf die Knie. Beten. Irgendwas beten. Vaterunser im Himmel….Zwei Minuten nur oder drei, dann gibt der Mönch von draußen Zeichen, die Nächsten wollen. Aufstehen, ins Licht gehen, hoch gehen, den Bauch der Erde verlassen, Zurück in die Kühle der Kirche, Abschied von Boris. Ich bin noch eine Zeitlang ganz verstört und benommen. Der Herr hat mich hinab geführt in den Bauch der Erde und mich die Geburt des Lebens fühlen, riechen und empfinden lassen. Und nun wieder hinauf.
Vom Eise befreit sind Bäche und Seen…Frühlingsfest. Hase, Eier. Das auch, aber es ist mehr. Aufbruch des Lebens ist mehr. Ich war im finsteren Tal, und da leuchtete die Kerze. Ich war in der Nacht, in des Todes Nacht, und da fühlte ich die Kraft zum Aufstehen. So ist Leben, ab und auf. Ab und auf. Nicht ewiger Frühling, nicht andauerndes Tauwetter, nicht niedlich wie das Häschen -aber am Ende immer „auf“. Vergesst das nie, liebe Christen. Am Ende immer „auf“. Egal was das Leben macht mit uns, der Herr führt hinab und wieder herauf. Am Ende „auf“.
Und noch was. Ich war da nicht allein. Er konnte meine Sprache nicht, ich nicht seine. Wir haben kaum geredet, aber uns verstanden. Wir haben gekniet, geweint, gebetet. Zwei große Kerle haben sich wie Frauen verhalten, und sich nicht geschämt. Denn ab und auf, das kennt jeder, auch Männer. Und „ich bin nicht allein.“ Das braucht jeder, auch Männer. Und am Ende „auf“. Das ist unser Glaube und davon leben wir und damit leben wir, Mann und Frau.
Zurück in Steffies Kaffeebude. Zu Herrn Ahlers und Opa Geerken. Versteht man das da auch? Sicher, so norddeutsch sachlich kann man gar nicht sein, um das nicht zu empfinden. Bauch der Erde, Geburt des Lebens, hinab und hinauf. Und am Ende hinauf. Es ist ja, wie es ist. Aber so ist es auch gut.
Frohe Ostern. Christos anesti. Am Ende auf. Hoffentlich geht’s Dir gut, Boris.

Amen

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