Ostern ist unfruchtbar!

Ostern ist unfruchtbar und dieser Makel ist nicht leicht abzuwischen. Es ist ein sonniger Frühlingstag, ein bisschen Wind weht. Die Zeitung hat einen Ostermarkt in der Umgebung angekündigt. Meine Frau und ich brechen auf. Voller Vorfreude und in beinahe kindlicher Erwartungshaltung fahren wir in den Sonntagnachmittag. Angekommen sind wir schnell ernüchtert: Menschen schieben und werden durch die Straßen geschoben. Überall der übliche Ramsch; es riecht nach Bier und Zigaretten. Aber nirgends nach Lämmern oder Hasen. Dafür finden wir aber überteuerte Küchenmaschinen, die kein Mensch braucht.
Unweigerlich muss ich an die Geschichte von der Reinigung des Tempels denken.

Ganz anders als es der Kirchenjahrestag erzählt, liegen hier auf dem Ostermarkt keine Palmzweige auf dem Boden. Dafür aber Kippen und Plastikbecher. Palmsonntag sieht anders aus. Auch den Beginn der Karwoche stelle ich mir anders vor. Nicht so laut und schrill. Eher besinnlich und ruhig. Sie sagen: Dann hätten wir nicht auf den Markt fahren sollen? Richtig. Da waren unsere Erwartungen wohl zu hoch. Als wir dann noch aus viel zu laut eingestellten Musikboxen erfahren, dass sie den DJ liebt brechen wir ab und auf.

Ostern ist unfruchtbar und dieser Makel ist nicht leicht abzuwischen. Wer in diesen Tagen einen Blick in die Presse riskiert, der wird sich die Augen reiben. Es geht nicht um das Fest der Auferstehung, es geht um das scheinbare Fest der Spritpreiserhöhung, das die Mineralölkonzerne ganz alleine feiern. Kein Wort über Jesus Christus. Aber davon, dass die Autofahrer ihr blaues Wunder an den Zapfsäulen erleben.
Und das können sie wahlweise dort (an den Zapfsäulen) oder eben im Fernsehprogramm. Auch hier verspricht ein Privatsender seinen Zuschauern ein blaues Wunder, vorausgesetzt, man schaltet an den Ostertagen das bestimmte Programm ein. Ostern ist unfruchtbar. Zumindest, was unsere Belange angeht. Von Auferstehung und Vergebung, vom Auf- und Ab des Lebens – kein Wort.

Ostern ist unfruchtbar und dieser Makel ist nicht leicht abzuwischen. Das die Osterbotschaft wenig austrägt und immer mehr verflacht, diese Annahme scheint auch der Predigttext zu unterstützen. Hauptdarstellerin der vorzulesenden Verse ist Hanna. Hart geprüft und hart gelandet. Hanna ist unfruchtbar. Diese Tatsache kommt im Leben des Stammes Israels dem sozialen Tod gleich. Hanna ist unfruchtbar und ich tue mich schwer, darüber an einem Freudentagwie dem Tag der Auferstehung des Herren zu predigen. Aber, passt es nicht gut ins Bild? Ostern ist unfruchtbar und dieser Makel ist nicht leicht abzuwischen.

Es ist beinahe schon zynisch, wie der heutige Predigttext sich in die Beobachtungen der Ausgestaltung des Osterfestes einfügt. Unfruchtbarkeit, das Fest trägt nichts aus. Es kommt nicht mehr an. Auch der Inhalt kann einem doch egal sein! Hauptsache, wir haben einen Namen für das Fest, die Ferien, das Fernsehprogramm.

Die Geschichte von Hanna ist bezeichnend: Sie ist die erste Frau von Elkana. Aber sie bekommt keine Kinder. Die zweite Frau, mit Namen Peninna, schon. Sie hatte Kinder. Damit ist es amtlich: Hanna ist schuld an der Misere. Elkana ist fruchtbar. Das ist das, was man gemeinhin den erfahrenen Tod im eigenen Leben nennen könnte. Beispiele dieser Art, in denen das Leben nichts mehr austrägt, gibt es zahlreiche. Angefangen von einem verkorksten Ostermarkt zu Beginn der Karwoche

Aber auch hier gibt es, mitten im Schmerz, mitten in der Dunkelheit, einen Lichtblick. Ist die Geschichte der unfruchtbaren Hanna doch nicht so hoffnungslos, wie befürchtet? Denn Elkana, ihr Mann, überrascht. Er hält sich nicht an die tolle zweite Frau, die allen Anforderungen gerecht wird und dabei alles überstrahlt. Er liebt seine Hanna – trotzdem oder gerade deshalb.

Und trotz dieser verkorksten Lebensgeschichte, mit allen dazugehörenden Erniedrigungen, den kleinen Toden im Alltag, den Blicken, dem Getuschel, wird an Hanna ein Exempel statuiert. An ihr erweist der Herr seine Macht und lässt die Frau ihr persönliches Osterfest erleben und Hanna singt darüber dieses Lied:

[TEXT]

Hanna ist von dem Makel der Unfruchtbarkeit geheilt. Ostern ist also doch fruchtbar Aber was hat das mit dem Ostermarkt, den Benzinpreisen und dem Fernsehprogramm zu tun? Nichts, absolut nichts. Ostern ist kein Konsumgut, keine billige Verpackung für ein lieblos veranstaltetes Volksfest. Ostern ist auch nicht der Hasenbraten oder das Osterlamm. Ostern – das ist meine Geschichte mit Gott.

Hanna erzählt in ihrem Lied ihre Geschichte und beschreibt einen mächtigen Herrn, der alle Macht- und Rangverhältnisse ins Gegenteil verkehren kann, den Stein vor dem Grab wegrollt und einen Engel oder wahlweise ein Kind schickt. Wie wahr! Und wie nötig ist diese Schilderung.

Mein Mund hat sich weit aufgetan, so singt Hanna nachdem was sie erlebt hat. Sie hat ihn erlebt, den einzigen Herren dieser Welt. Er hat sie aus dem dunklen Tal der sozialen Isolation hinausgeführt und ihr einen Platz inmitten der Gesellschaft gegeben. Hanna ist auferstanden von den Toten. Wie der Phönix aus der Asche. Erhobenen Hauptes geht sie von da an weiter. Der Stein vor der Höhle ist weg, Licht bricht sich Bahn. Hanna hat einen Sohn bekommen. Die Unfruchtbare, geächtete Frau, hat Leben hervorgebracht.

Ostern ist fruchtbar, denn Gott tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Was hier so furchtbar nach Schicksalsergebenheit klingt, ist die Wahrheit über Gott in ganz kurzen Sätzen.

Und wer kann davon kein Lied singen. Wir haben Hanna gehört. Hören wir noch auf einen zweiten, gewichtigen Zeugen aus der Passionsgeschichte. Darf ich vorstellen: Petrus. Gott tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Auch der ehemalige Fischer hat es verdient, hier erwähnt zu werden. Er ist es doch, auf den der Heiland seine Kirche baut, aber Petrus geht tief hinab, er versinkt im Wasser und ertrinkt beinahe in seinem Versagen.

Geschichte wiederholt sich. Eine Kirche erbaut auf einem Felsen, der in sich instabil ist. Wofür ist das gut? Nun, es erinnert uns daran, dass die Kirche irdisch ist. Fehlbar, nicht frei vom Irrtum. Eben durch und durch menschlich. Und Petrus ist eben das Sinnbild dafür. Ein brüchiger Felsen. Ohne Karfreitag kein Ostern. Ohne Vergebung keine Freiheit. Ohne den Abgrund keine Höhen.

Das letzte Abendmahl, der Verrat des Judas, der verschlafene Augenblick, der Petrus, der seinen Freund verleugnet, dei unfruchtbare Hanna: Die Passionsgeschichte ist weiß Gott kein Werbehochglanzprospekt – aber dabei unvorstellbar ehrlich. Das ist das große Plus dieser Erzählung. Es sind keine Helden, von denen uns da berichtet wird. Hanna nicht, Petrus nicht ich erst recht nicht! Die, die die da mit Jesus durch Galiläa gezogen sind, sind Menschen. Fehlbar, erschüttert, ängstlich.
Und damit das Kontrastprogramm zur vorherrschenden Meinung, das Christentum müsste eine Ansammlung von absolut frommen und rechtschaffenen Menschen sein. Glauben Sie mir, wäre das der Standard, der Maßstab an dem wir uns messen lassen müssten, unsere Kirchen wären noch leerer als sie es gemeinhin eh schon sind.

Hanna und Petrus machen das besonders deutlich. Gott sei Dank sind da keine Übermenschen am Werk. Wäre dem so, ich hätte keinen Platz hier. Ich bin froh darüber, dass die Passionsgeschichte, das das Osterereignis bekannte Realität ablichtet. Und uns so die Möglichkeit gibt, uns mit den handelnden Figuren zu identifizieren.

Mit all der gefühlten Überforderung, die ich empfinde, wenn ich mitunter an das Leben denke, bin ich nicht alleine. Ich stehe vor diesen Geschichten und erkenne mich wieder. Ich bin bisweilen Hanna, ich bin Petrus, ich bin Judas, ich bin der schlafende Jünger. Hoffentlich niemals alles auf einmal, aber sicher ab und an jeder von diesen. Gut für uns dann zu hören und zu wissen, dass Gott auf solche Typen trotzdem gesetzt hat.

drucken