Das zarte Pflänzchen Gemeinschaft

Zu Paulus Zeiten sah das so aus: Da lebten Menschen in der Gemeinde in Korinth, die trafen sich geschwisterlich abends zum gemeinsamen Mahl mit Gottesdienst. Jeder brachte etwas mit. Nun war klar: Die Reichen brachten viel mit, die Armen Hafenarbeiter und Sklaven weniger oder gar nichts und dann wurde geteilt. So weit – so gut. Schlecht: Schleichend bürgerte sich ein, dass wenn Einige da waren, auch gegessen wurde. So geschah es, dass wenn die Hafenarbeiter und Sklaven später kamen für sie nicht mehr viel da war. Außerdem waren die anderen satt und faul geworden und wohl auch schon ein wenig angetrunken. An Gottesdienst war so nicht zu denken. Gemeinschaft war zerstört. Die Hafenarbeiter und Sklaven mussten hungrig nach Hause gehen und man hatte noch nicht einmal ordentlich zusammen Gottesdienst gefeiert. Klar, dass das nicht lange gut gehen kann. In diese bedrohliche Situation hinein schreibt Paulus seinen Brief an die Korinther. In diesem Brief schreibt er Wesentliches zum Thema Abendmahl:

[TEXT]

Wenn in der orthodoxen Liturgie die Gaben bereitet werden, sagt der Diakon zum Presbyter: ‚Jetzt ist die Zeit für das Handelns des Herrn‘. Von diesem unverfügbaren Handeln des Herrn im Dienst der Kirche lebt Kirche, lebt Gemeinde.

Von diesem Handeln Gottes mitten unter uns redet auch Paulus zu der Gemeinde in Korinth. Und von diesem Handeln reden auch wir. Das ist das, was die katholische Liturgie meint, wenn sie vom Geheimnis des Glaubens redet. Und das, was wir als evangelische ChristInnen sagen wollen, wenn die eigentliche Feier des Mahls damit beginnt, dass unser Herr Jesus Christus spricht in der Nacht, da er verraten ward.

Aber genauso wichtig ist das Andere, was Paulus betont: reale Menschen gestalten dieses Mahl im hier und jetzt und sind auch Einladende. Natürlich können wir dieses Mahl nur feiern, wenn wir die Einladung Christ dahinter hören. Aber wir können es nicht feiern ohne die Schwestern und Brüder, die mit uns sind.

Gott ruft uns im Abendmahl in seine Gemeinschaft, eine ganz besondere Gemeinschaft. Hier geht es um eine Gemeinschaft von Menschen, die wissen, dass sie nicht perfekt sind. Und sie bekennen sich dazu, dass sie Gemeinschaft haben mit Judas und Petrus, mit denen, die weggelaufen sind vom Kreuz und denen, die weder die Botschaft Jesu komplett verstanden haben noch seine Auferstehung einfach so geglaubt haben. Sie sind eine Gemeinschaft von fehlerhaften Menschen, aber eine gesegnete Gemeinschaft, weil der Herr selbst sie eingeladen hat an seinen Tisch. Und darum dürfen wir aus diesem mahl Kraft schöpfen, die Kraft die wir brauchen um Gemeinschaft zu leben auch außerhalb dieser dicken Kirchenmauern, auch außerhalb der gemeinsamen Lieder und der gemeinsamen Gebete.

In seinem Mahl ist der Herr mit seinem Wort und in seinen Gaben bei uns. Wir erhalten Anteil an ihm. Wir erhalten seinen Geist, der uns in Bewegung versetzen kann. Aber bewegen müssen wir uns dann doch selber.

Gastgeber diesen Mahls ist Christus. Er lädt ein – und wir haben eine hohe Verantwortung, wen wir ein- oder ausladen mit Worten oder mit unserem Verhalten. Fühlen sich Menschen wohl in unserer Gemeinschaft, dann werden sie sich auch zutrauen mit uns ihren Platz zu finden am Tisch des Herrn. Wenn wir ihnen schroff begegnen, empfinden sie das womöglich als Ausladung vom Tisch des Herrn. Diese Verantwortung für die Schwestern und Brüder dürfen wir im Alltag nie vergessen.

Das in der katholischen Kirche übliche Wort ‚Kommunion‘ heißt Gemeinschaft. Jesus Christus hat Gemeinschaft mit uns. Wir dürfen diese Gemeinschaft feiern und dazu einladen. Wir dürfen Gemeinschaft leben.

Ich glaube Gemeinschaft wird immer wesentlicher in einer Welt, in der Gemeinschaften zerbrechen, in der sich Menschen immer mehr einigeln oder mit Mobbing und Zank und Streit einander den Spaß an der Gemeinschaft verleiden.

Das Leben ist unglaublich vielfältig, aber es ist immer Leben mit dem Ziel guter Gemeinschaft. Das Bild vom Leib Christi bietet die Vorstellung an: Ein Leben in der Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die den Geist Christi in Brot und Wein (oder Saft) beziehen und daraus neue Kraft für ihren Alltag gewinnen.

Am Gründonnerstag, am Ende der Passionszeit, kurz vor Kreuz und Grab dieses Mahl, das unser Text beschreibt als Gemeinschaftsereignis im tieferen Sinn. Als ein Erleben von Gemeinschaft, die trägt auch über den Tod hinaus.

Wir leben ja in vielen Gemeinschaften, erfreulichen und unerfreulichen. Diese Gemeinschaft am Tisch des Herrn ist aber etwas ganz Besonderes. Nur hier steht weder Pflicht noch Vergnügen im Vordergrund, sondern die freiwillige Teilnahme von Menschen, die wissen, dass sie Vergebung brauchen. Und glauben, dass nur der Herr dieses Mahles tiefgreifende Vergebung gewähren kann.

In diesem mahl steckt immer auch ein bisschen Erinnerung: Passahmahl. Das Mahl des Volkes Israel zum Auszug aus Ägypten ist die Grundlage unseres Abendmahles. Das Mahl ist auch Mahl der Befreiung. Dank an Gott und Feier mit dem Gott, der Befreiung will, der nicht duldet, dass Menschen als Knechte und Mägde leben.

Dieses Mahl ist aber vor Allem immer auch eine Bewegung. Da geschieht etwas für mich, da darf ich mitmachen in Bewegung auf Gott und auf meine Mitmenschen, denen ich die Hand reiche und denen ich neu in die Augen sehen kann. Ich darf es genießen und daraus Kraft empfangen hinaus zu gehen und mein Leben zu gestalten als Mensch, der Gast am Tisch des Herrn war.

Dieses Mahl ist etwas Anderes, als wenn ich mit Menschen Essen gehe. Es ist weder fast-food noch Gourmet-Tempel. Es hat nichts zu tun mit Übergewicht oder Bulimie und auch nichts mit Vegan oder Bio. Es ist einfach ein Essen, das ein wenig Gemeinschaft stiften kann.

Aber dieses zarte Pflänzchen Gemeinschaft darf nicht zerstört werden. Darum schafft der Apostel eine Ordnung. Solche Ordnungen sind ja meist Konfliktregelungsmechanismen. Dort wo Menschen nicht von sich aus friedlich zusammenleben können, brauchen sie Ordnung, die hilft. Solch eine Ordnungsform stellt unser Abendmahl dar. Wir können miteinander feiern, was wesentlich ist, die Gemeinschaft unseres Herrn Jesus Christus mit uns und die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern an dem einen Tisch.

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