Leid und Liebe

Liebe Schwestern und Brüder!
Der biblische Kontext und der weltberühmte Hintergrund für den heutigen Palmsonntag, an dem an Jesu grandiosen Einzug in Jerusalem auf einem Eselsrücken, von der Menschenmenge mit Palmwedeln und frenetischen Jubel begrüßt, gedacht wird, und welcher die Karwoche, die Leidenswoche Jesu einleitet und in einem Bericht über seinen gewaltsamen Tod durch Kreuzigung mündet, steht bei Johannes 12,12-19.

Anfänglich also ein mit Jubel umtoster Einzug Jesu in Jerusalem mit rühmenden „Hosianna!“-Geschrei, also „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn“ und noch allgemeines Raunen über die wunderbaren Taten des Gottessohnes, und dann schreit die wankelmütige und „wendehälsische“ Menge ein paar Tage später eiskalt vor Pilatus: „Kreuzige ihn!“. Später dann: Die Menschenmasse mutiert zum mordlüsternen Mob.

Dies geschah nach biblischem Bericht etwa um das Jahr 30.

Ca. ein halbes Jahrtausend davor, am Ende des sog. babylonischen Exils der Israeliten, schreibt der Prophet Jesaja über den leidenden Gottesknecht, der nach der christlichen Tradition als Jesus Christus interpretiert wird, folgendes über das Leid dieses alltypischen Gottesknechtes:

Der Knecht Gottes im Leiden
4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Diese prophetischen Worte des exemplarisch leidenden Gottesknechtes geben zu allen Zeiten die Möglichkeit und den Raum als von Gott beauftragter und auserwählter Mensch den Weg Gottes zu gehen, im guten und im schlechten, auch den Weg des Leids, der Ohnmacht, der Unschuld und der gottverlassenen Einsamkeit.

Auch der Mensch, charismatische Wanderprediger und bestaunte Wundertäter Jesus von Nazareth ahnte und wusste, was er für einen von Gott vorherbestimmten Weg ins Leid und durchs Leid (er) gehen musste. Das Leid des Gottesknechtes wurde auch auf den Gottes Sohn Jesus Christus hin gedeutet.
Eben riefen sie alle noch „Hosianna“ und jubelten und dann schrie der Mob: „Kreuzigt Ihn!
Die Menschenmasse mutierte zum mordlüsternen Mob.

Da wurde Jesus zum Held auf einem Esel, in einer atl. Prophezeiung beschrieben: als König, als der von Gott über alles gesetzte Herr und Erlöser.
Und dieser Held, Jesus Christus, wird nicht nur für seine Größe gelobt, verherrlicht und mit Hosianna und Palmwedeln empfangen, sondern im Gegenteil auch später für seine Erniedrigung und Entäußerung jeglicher Macht und weltlicher Herrlichkeit, also für seine menschliche Leidensfähigkeit und Ohnmacht gekreuzigt. Erst himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt.
So war die Situation vor dem Passahfest in Jerusalem. Wir nennen es die Karwoche.
Nochmals: Jesus wird erst erhöht und zum König gemacht. Er wurde gepriesen und die Menschenmassen säumten seinen Weg. Am Karfreitag, am Sabbat wurde er dann klein gemacht, verspottet und ohnmächtig, um uns Menschen in dieser und mit dieser Ohnmacht zu begegnen. So die Heilsgeschichte wie sie bei den Evangelisten überliefert wird.

Und somit lautet die Botschaft von Palmsonntag und für die beginnende Karwoche:
Gott geht mit uns auf dem Weg in unser Leid!
Wir haben einen sym-pathischen, einen mit-leidenden Gott. Einen Gott, der weiß, was Menschen für Leid auf sich nehmen müssen, um dieses Leben zu fristen.

Wie kann diese Gemeinschaft in dieser allzu oft ungerechten und vor allem unerlösten Welt aussehen, fragt man sich leider viel zu häufig bei genauer Betrachtung der Wirklichkeit?

Spannungen, Streit aus sachlichen oder persönlichen Gründen, Auseinandersetzungen, die vom Verlangen nach Einfluss, Macht und Ansehen bestimmt sind, bestimmen häufig die Tagesordnung.
-Mangel an Gemeinschaft und keine Verantwortung füreinander sind doch Tiefpunkte im Leben der Gemeinschaft.
Solche Erfahrungen werden zum Nährboden für Hoffnungslosigkeit und Resignation!

Und dann fragt man sich:
wozu ist das Christsein gut, wenn Menschen nicht viel anders miteinander umgehen als Menschen anderswo?
Sind wir dann nicht die Heuchler und Pharisäer, von denen die Kirchenfernen immer reden?

Aber auch Tiefpunkte im persönlichen Leben wecken ähnliche Fragen:
-die Verletzung durch den nahen und geliebten Menschen,
die zerbrochene und zerrüttete Beziehung,
aber auch schwere körperliche und krankheitsbedingte Leidenserfahrungen
oder eigenes Versagen in einer wichtigen Lebenssituation, in der man Rücksicht und Liebe schuldig geblieben ist.

Ebenso belasten und ärgern einen Tiefpunkte im öffentlichen Leben,
Mangelnde Liebe und Fürsorge von Eltern für die eigenen Kinder, die zum Tod führen
Kälte und Gewalt im sozialen Zusammenleben,
Gewalt und Zerstörung, die durch die Medien täglich transportiert werden.

Gott und seine Macht der Liebe scheinen in diesen Situationen unsichtbar und ohnmächtig zu sein?!
Der Prophet Jesaja schreibt:
Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
Dann sprechen der leidende Gottesknecht und der leidende Christus mit mir und mit uns. Es spricht zu uns die Gnade und wärmenden Liebe dessen, der das Leid kennt und der es auf sich nimmt, als der Erlöser der Menschheit. Im und durch den Glauben geschieht die Erlösung vom Bösen und vom Leid. Der Schmerz wird verwandelt in Erlösung und Befreiung vom Übel.

Liebe Schwestern und Brüder, gegen solche Leides-Erfahrungen der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit stehen die Botschaft vom Kreuz und der Auferstehung Jesu Christi. Es schildert die Erhöhung des am Kreuz Geschundenen. Gott ist mit Jesus nicht in der Ohnmacht verharrt; und Gott bleibt auch mit uns im Glauben nicht am tiefsten Punkt des Lebens. Gott hat uns seine Liebe im und durch den Glauben geschenkt.

Manchmal scheint diese Liebe verborgen zu sein und nicht sichtbar, aber ebenso häufig ist sie im eigenen Leben zu erfahren.
Zu erfahren als die Liebe, die mir durch meine Nächsten zuteil wird und die mein Leid teilen und mit-leiden. In der liebevollen Pflege durch die Angehörigen beispielsweise. Viele Beispiele ließen sich hier aufzählen.
Nichts ist nutzlos oder ohne Bedeutung im Leben eines Christenmenschen. Vieles ist getragen durch die wärmende Liebe und Gnade Gottes, auch das Leid und der Schmerz.
Unser Gott kommt nicht mit lautem Getöse und himmlischen „Geprotze“, sondern heimlich, still und leise und als Leidender daher.
Der Gekreuzigte ist der Erlöser.

Und die Herrn und Stars dieser Welt kommen und gehen.
Unser Herr Jesus Christus kommt täglich mit seiner Gnade an unser Ohr und spricht mit uns wie mit Jünger/innen.

Amen.

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