Stärke in der Ohnmacht

Liebe Gemeinde,

schon etwas eigenartig, dieses Lied heute an Palmsonntag zu singen.

Das gehört doch in die Adventszeit! Da gehört diese Freude hin – wenn wir die Ankunft des Gottessohnes erwarten, der uns die „Tür zum schönen Paradies“ aufschließt, und uns den Zugang zu einer Welt ermöglicht, in der kein Leid, kein Geschrei, kein Klagen mehr sein wird.

Aber doch nicht am Anfang der Karwoche, wo wir doch schon das furchtbare Ende, dort an diesem Folterbalgen auf Golgatha, vor Augen haben! Dort, wo alle Hoffnungen zunichte gemacht wurden.

Trotzdem – wie die Menschen damals in Jerusalem – , lasse auch ich mich gern von den Hosiannarufen und dem Halleluja-Gesang mitreißen. Befriedigen sie doch viel mehr meine Wunschvorstellung vom Leben als die Lieder vom großen Schmerzensmann. Wie sehr wünsche ich mir doch, dass Glück und Liebe auch ohne Tränen zu haben sind, dass sich Erfolg auch ohne zähes Ringen und Rückschläge einstellt, dass die Idealfigur auch ohne mühsames Verzichten auf das Stück Schokolade oder andere Köstlichkeiten zu erreichen ist, dass mir schon noch weitere 40 Jahre gegönnt sind, aber ohne Abnehmen der Kräfte und ohne Krankheiten. Im Bild gesprochen: dass der majestätische Berggipfel der mich über alle Niederungen des Lebens hinausträgt, ohne schmerzende Muskeln und Blasen an den Füßen zu erklimmen wäre.

Und wenn ich dann ein Stück davon erlebe – und das tue ich – Gott sei Dank! – immer wieder, übersehe ich gern – wie auch die Massen damals in Jerusalem – vor lauter Begeisterung die Zeichen, die auch jetzt noch auf die andere, die dunkle, Seite des Lebens verweisen. Wer von den Jubelnden damals hat ihn denn bewusst wahr-genommen, den für einen König völlig unangemessenen Esel? Wer von ihnen hatte seine Antennen für die sich da schon ankündigende – im wahrsten Sinne des Wortes – Durch-kreuzung ihrer Hoffnungen und Erwartungen, die sie mit diesem Jesus von Nazareth verbanden.

Und auch ich – in Zeiten des Glücks, in Zeiten der Kraft, in Zeiten der Liebe, verschließe mich so oft vor der anderen Wirklichkeit des Lebens, will sie einfach nicht wahrhaben – nein, Krankheit, Unrecht, Arbeitsverlust und ähnliches, das passiert anderen, aber nicht mir.

Doch wer den Spuren Jesu folgen will, muss für einen anderen Weg bereit sein. Er macht sich selbst auf der Höhe des Triumphes nichts vor. Bei allem Jubel ist er sich völlig klar: dieses Hosianna, dieses Gipfelerlebnis ist nur zum Preis der Lebenshingabe zu haben. Wirkliches, echtes, wahres Leben kostet das Leben.

Und so hebt Jesus in diesem Augenblick auch nicht ab, lässt sich nicht von der Woge der Massenbewunderung zu Allmachtsphantasien und Illusionen hinreißen. Aber – er dämpft auch nicht die Freude im Sinne von „freut euch nur nicht zu sehr, das dicke Ende kommt schon bald“.

Im Gegenteil: Königlich aufrecht sitzt er auf seinem Esel. Wie er schon bei der Hochzeit in Kana in vollen Zügen mitfeierte, genießt er sicherlich auch diesen Moment der Freude und Begeisterung. Aber ebenso aufrecht steht er dann auch – nur ein paar Tage später – sowohl vor dem Hohepriester als auch vor Pilatus. „Ja, ich bin’s.“ so seine Antwort auf die Frage, ob er „Gottes Sohn“ sei. Ja, mein Leben trägt das Siegel des lebendigen Gottes, an mir seht ihr, wie Gott das Leben gedacht hat.

Nein, er weicht nicht zurück, nimmt nichts von dem zurück, was er gelebt und verkündigt hat. Auch im Angesicht des Todes steht er ein für das Leben.

Und damit steht er ganz in der Tradition des Gottesknechtes, den der Prophet Jesaja in einem Lied besingt, das heute als Predigttext den Ton angibt.

Wir finden es in Jesaja, Kapitel 50, Verse 4-7. Der Abschnitt, der auch Jochen Klepper als Grundlage für das eingangs gesungene Morgenlied diente.

[TEXT]

Es ist nicht gesichert, ob der Begriff „Gottesknecht“ sich auf einen einzelnen Menschen bezieht, und der Prophet Jesaja sich damit vielleicht selbst beschreibt. Oder ob er kollektiv zu verstehen ist und damit der leidvolle Weg des Volkes Israels durch die Geschichte gedeutet wird.

Sicher ist aber, dass die ersten Christen schon bald, das Leben und Sterben Jesu mit diesem Bild des Gottesknechtes gedeutet haben.

Ein Geschlagener und Geschundener, ein hilfloses, schwaches Opfer, das sich nicht wehrt, und sich seinem Schicksal einfach ergibt? So einer soll uns eine Hilfe sein, gar noch als Vorbild dienen?

Um das zu erkennen, müssen wir, liebe Gemeinde, wohl noch etwas genauer hinschauen.

Wenn ich nämlich genauer hinschaue bzw. hinhöre, dann sehe und höre ich nicht einfach nur ein wehrloses Opfer, das sein Schicksal stumm und ergeben hinnimmt. Dann begegne ich einem Menschen, der sich in seinem Leid, in seinem erlittenen Unrecht zwar nicht wehrt, nicht aggressiv und wild zurückschlägt, aber der immer noch der Handelnde bleibt, immer noch selbstbewusst aufrecht steht und „ICH“ sagen kann. „Ich bot meinen Rücken dar… Ich verbarg mein Angesicht nicht… Wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten!“ Spricht so ein schwacher, gar resignierte, einfach seinem Schicksal Ergebener? Nein, hier spricht einer, der sogar so stark ist, dass er sein Ausgeliefertsein, seine Schwäche aktiv annehmen kann, weil er weiß: das ist jetzt mein Weg – und bevor ich ihn gezwungener Maßen gehe, gehe ich ihn mit eigenem Willen und gestalte ihn selbst, wo weit dies eben möglich ist.

Und genauso aufrecht und selbstbestimmt sehen wir auch Jesus vor den Hohepriester und Pilatus stehen.

Er ist und bleibt Subjekt – auch als wehr-loses Opfer. Er hat sich entschieden, diesen Weg des Leidens zu gehen.

Nein, er hat das Leiden nicht gesucht, als ob das erst seinem Leben Sinn geben würde. Er wollte leben und sich freuen können wie alle anderen, aber als es nicht mehr aufzuhalten war, da hat er sich ihm ganz bewusst, mit ganzem Willen gestellt.

Nicht dass ihm das leicht gefallen wäre – im Gegenteil: Blut und Wasser hat ihn dieser Kampf – wahrscheinlich nicht erst dort im nächtlichen Garten – gekostet. „Nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ Die Tränen werden seine Stimme fast erstickt haben, aber dennoch hat er aktiv in den Weg eingestimmt, der ihm vom Schicksal – von Gott – auferlegt wurde. Selbst noch im Sterben können wir diese Ich-Stärke Jesu spüren, wenn er mit letzter Kraft sagt: Vater, ICH befehle meinen Geist in deine Hände.“

So ist er bis zuletzt in allem hilf- und wehrlos Ausgeliefertsein immer noch Regisseur seines Lebens geblieben.

Welche Stärke wird doch in dieser Ohnmacht Jesu spürbar!

Liebe Gemeinde, wie sehr wir uns auch ein Leben ohne solch schier unerträglichen Zeiten von Krankheit, Schwäche, Ohnmacht wünschten, Leben, wirklich echtes, wahrhaftiges Leben, ist nur zum Preis der Lebenshingabe, eben der Hingabe an den Fluss des Lebens zu haben. Und da gibt es Strudel, die in die Tiefe ziehen, da gibt es Abstürze, die tief Ängste auslösen, da gibt es Widerstände, die unüberwindbar scheinen, aber gerade dadurch gewinnt der Fluss auch seine Lebendigkeit, seine Einmaligkeit und Spannung.

Doch für diese Aufgabe der Lebenshingabe brauchen wir diese Kraft des Gottesknechtes, die in Jesus in besonderer Weise sichtbar wurde. Mit dieser Kraft will er auch uns befähigen, weder wild und aggressiv dreinzuschlagen, wenn unsere Hoffnungen und Erwartungen durchkreuzt werden, noch uns resigniert und depressiv in unser Schicksal zu ergeben. Seine Lebenskraft will uns vielmehr dazu befähigen mutig anzuerkennen: so ist das Leben, nur so kann sich das Leben, wie es von Gott gedacht ist, vollenden. Leiden, Krankheit, Tod – selbst Unrecht und Folter gehören dazu. Und seine Kraft will uns stark machen, uns dann dem Leben, wie immer es uns auch zugemutet wird, aktiv und selbstbewusst zu stellen.

Nicht nur Paulus hat dies erlebt. Sonst hätte er die Worte des Auferstandenen nicht an uns weitergegeben, die uns dieses Jahr als Losung begleiten: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Ein anderes von tiefster Erfahrung durchdrungenes Wort, das von dieser Kraft spricht, gibt uns Dietrich Bonhoeffer weiter: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Diese Kraft ließ ihn aktiven Widerstand leisten, gegen ein menschenverachtendes Regime tatkräftig aufstehen. Diese Kraft ließ ihn aber selbst noch als Todeskandidaten, als aller Widerstand gescheitert war, aufrecht und selbstbewusst mit seinen Wärtern reden.

Und noch viele andere mutige Menschen bezogen ihre Stärke von dieser Lebenskraft Christi.

So sollen auch wir seine Kraft in Anspruch nehmen, und die dunklen, aussichtslosen, ohnmächtigen Zeiten nicht nur aushalten, sondern durchhalten. Dann können auch wir die Erfahrung machen: wenn wir mit seiner Kraft das Schwere aufrecht durchstehen und durchgehen, dann setzt sich das Leben durch, das auch durch den Tod nicht durchkreuzt werden kann. Das ist der Kern der christlichen Osterbotschaft.

Mit dieser Botschaft im Herzen mögen wir uns aufrecht und mutig dem Leben stellen, wie immer es uns zugemutet wird. Und vielleicht wird uns ein Hosianna oder Halleluja ab und zu auch dann noch von den Lippen gehen, wenn unsere Lebensträume durchkreuzt werden, und die Dornen des Lebens schmerzhaft drücken. Vielleicht sehr vorsichtig und zittrig, aber hoffentlich aufrecht und trotz allem getröstet.

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