Neue Kraft

Liebe Gemeinde.


Es ist an einem ganz normalen Wochentag abends, ca. 20.03 Uhr. Man sitzt vor dem Fernseher, vor der Tagesschau und spürt, wie einen mit einem Mal die Müdigkeit überfällt. Kennen sie das auch? Aber es gibt zwei Arten von Müdigkeiten. Die eine, bei der einem die Augen zu fallen und von der man eine Stunde später steif und behaupten kann, sie gar nicht zu kennen: „Ich hab doch nicht geschlafen.“ Und es gibt diese andere Müdigkeit, die einen befällt angesichts der ganzen Schwierigkeiten, Ungerechtigkeit und Gewalt weltweit. Manchmal möchte man einfach die Augen zu machen – nicht um zu schlafen, sondern weil man es nicht mehr ertragen kann, von all diesen Problemen zu hören und zu sehen. Weil man das Gefühl hat, doch nichts machen zu können. Was kann ich allein schon ausrichten. Man möchte manchmal am liebsten den Fernseher ausschauen, einfach nichts davon wissen.

Wen am Abend nach getaner Arbeit der Schlaf übermannt, der braucht manchmal jemand, der sagt: „Geh doch ins Bett.“ Dann braucht man den Schlaf, um am nächsten Morgen wieder gut durchstarten zu können. Wen diese Müdigkeit der Ohnmacht und Resignation befällt, der braucht jemand, der es schafft, ihn wieder zu motivieren, ihm wieder Kraft zu geben. Der Prophet Jesaja weiß, dass da einer ist, der diese Gabe hat. Der heutige Predigttext gehört in eine Reihe von Texten, die über den so genannten „Gottesknecht“ schreiben. Im 50. Kapitel des Jesajabuches wird er beschrieben als einer, der Gewalt erträgt, um die Welt zu verändern:

[TEXT]


Da ist einer, der Schwäche und Müdigkeit sehr gut kennt – bei sich und anderen. Und er hat es ausgehalten, ist nicht weggelaufen, sondern hat dem Stand gehalten, was da gegen ihn war. Und er hat erfahren, dass er am Ende als Sieger da stehen wird. Nicht der Herr setzt die Maßstäbe, sondern der Knecht. Nicht der Starke gewinnt, sondern der Schwache.

Eine Kollegin hat ihre Konfirmandinnen und Konfirmanden gefragt, was sie davon halten, wenn der Schwache gewinnt. Eine Konfirmandin schreibt: Wenn ein Schwacher gewinnt, dann heißt das, dass er irgendeine Stärke haben muss, weil er sonst nicht gewonnen hätte. Das heißt, er muss seine Stärke entdecken und weiter üben.

Der Gottesknecht hat seine Stärke entdeckt. Er hat gemerkt, dass sein Rücken viele Schläge aushalten kann – weil Gott ihm die Kraft gibt. Und aus dieser Erfahrung heraus kann er anderen Mut machen, kann mit den Müden reden zur rechten Zeit. Wo begegnen uns heute solche Menschen, die das können – uns neue Kraft geben?

Es ist natürlich kein Zufall, dass dieser Predigttext uns für den heutigen Palmsonntag vorgeschlagen ist. Wenn wir heute diese Worte über den Gottesknecht lesen, kommen wir nicht umhin, sie ins Verhältnis zu setzten zu Jesus Christus. Bildet nicht der Gottessohn das geradezu spiegelbildlich ab, was da im Alten Testament vom Gottesknecht beschrieben wird? 
Heute erinnern wir uns an den Einzug Jesu in Jerusalem. Freudig wurde Jesus bejubelt, als er auf einem Esel sitzend durch die Stadt einritt. Viele Menschen waren gekommen, um in Jerusalem das Passafest zu feiern. Nun stehen sie am Straßenrand, legen Palmzweige auf die Straße und ihre Mäntel und jubeln dem zu, der da kommt. Ihr Ruf aber ist mehr, als ein bloßer Ausdruck ihrer Begeisterung: Hosianna – Hilf doch! rufen sie Jesus zu. Die Menschen in Israel litten unter der römischen Besatzung. Und vermutlich kannten viele der Menschen damals unseren Predigttext aus dem Jesajabuch. Sie hofften, nun in Jesus diesen vor sich zu haben, der ihnen in ihrer Schwachheit und Ohnmacht würde helfen können. Schließlich hatte er verkündigt, als neuer König die Welt zu verändern. Hosianna – Hilf uns doch! so rufen Sie ihm zu. Wir können die Ungerechtigkeit und das Leid nicht mehr ertragen. Da ist sie wieder – die Müdigkeit, die Ohnmacht, das Gefühl nichts ausrichten zu können.

Und das tut Jesus – aber sicher anders, als die Meisten es erwartet hätten. Und Jesus hilft ihnen. Aber anders, als es die Menschen wohl erwartet hatten. Wenn Jesus ans Werk geht, dann geht es nicht nur darum, den Menschen zur damaligen Zeit aus der Unterdrückung der römischen Besatzer zu helfen. Jesus hilft den Menschen anders, als erwartet – dafür nachhaltig. Da wird die Welt im Gesamten verändert werden. So, dass auch wir noch von seiner Hilfe profitieren.

Es fängt an indem er auf einem Esel in die Stadt einzieht, obwohl er sich doch wie ein König feiern lässt. Damit fängt es an, dass Jesus die Welt verändert. Während die römischen Machthaber vor allem damit beschäftigt sind, ihre Macht zu demonstrieren, indem sie mit tollen Pferden, teuren Wagen und begleitet von zahlreichen Soldaten im Land Präsenz zeigen, lässt Jesus sich einen kleinen Esel bringen und reitet auf diesem zu den Menschen. 
Während viele seiner Anhänger davon laufen, weil sie es mit der Angst zu tun bekommen, als die Verhaftung ansteht, bleibt Jesus ganz ruhig und lässt sich gefangen nehmen und vor Pilatus und die Hohen Priester führen. Bist du der König der Juden, so wird er gefragt. Und Jesus versucht nicht zu erklären und auch nicht, sich rauszureden. Er sagt einfach: Du sagst es. Und dann der Tod am Kreuz. Jesus nimmt damit das Leid der Welt auf sich – indem er den Rücken denen darbietet, die ihn schlagen und seine Wange denen, die ihn rauften. Ganz so, wie es vom Gottesknecht im heutigen Predigttext beschrieben ist. Der Gottesknecht lässt die Anfeindungen nicht einfach über sich ergehen, sondern er begegnet ihnen aktiv duldend. Er nimmt es auf sich, was andere ihm antun, freiwillig, gewaltlos. In dieser Haltung geht auch Jesus seinen Weg.

Als ich diese Woche in der 2. Klasse von der Kreuzigung Jesu erzählt habe, hat eine Schülerin gefragt: „warum hilft Gott ihm nicht?“ Das ist natürlich gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn man Kindern sonst vermittelt, dass Gott alles kann, dann wäre das doch nahe liegend, dass er Jesus vor dem Tod rettet. Aber das tut Gott nicht. Weil er uns helfen möchte. Gott will die Welt verändern – bis zu uns heute und darüber hinaus. Er will aus ihr einen Ort der Gerechtigkeit und des Friedens machen. Und er tut dies nicht, indem er nur noch stärker seine Macht demonstriert. Beide – der Gottesknecht im Alten Testament und Jesus Christus – gehen durch das Leiden, weil sie wissen, dass nur so die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen werden kann. Und sie tun das nicht als hilflose Opfer, sondern als Souverän dieser Situation – und in der Gewissheit, dass Gott mit ihnen im Leiden ist. „Gott der Herr hilft mir“, so beschreibt es der Gottesknecht, „ich werde nicht zuschanden. Er ist nahe, der mich gerecht spricht.“ Von ihm habe ich meine unverlierbare Würde und meine Kraft. Die Liebe unterbricht die Spirale der Gewalt. Sie lässt nicht ohne Widerstand alles mit sich machen und widersteht der Versuchung zur Gegengewalt.

Jesus musste leiden, weil Gott uns zeigen wollte, dass er uns leiden kann. Und weil er uns zeigen wollte, dass es einen Weg gibt heraus aus der Ohnmacht in der Erfahrung des Leidens. Nämlich: selbst den ersten Schritt zu tun – in den Blick zu nehmen, wo meine Möglichkeiten sind, hin zu einer friedlicheren und gerechteren Welt. Einer Welt, in der nicht die Starken und Reichen das sagen haben, sondern alle zu Wort und ihrem Recht kommen.

Um das Leiden kommen wir dabei nicht immer herum – um das Mitleiden, das Erleiden. Es gehört dazu, wenn man jemanden leiden kann. Gott erleidet uns, damit wir uns selbst und einander leiden und lieben können. Und er gibt uns Kraft, das Leiden auszuhalten und nicht die Augen zu verschließen, sondern ihm mutig entgegenzutreten. Das ist wichtig: zu sehen, dass wir nicht allein sind und uns nicht allein um alles kümmern müssen. Und dass wir mit der Kraft, die uns gegeben ist, auch verantwortlich umgehen. Nicht einer allein muss alles aushalten, nicht eine allein alles retten. Aber jede und jeder kann anfangen.

Die Jahreslosung des vergangenen Jahres war ein Wort aus dem Römerbrief. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Dazu gab es viele verschiedene Bilder, Karten und Poster. Auch ein ganz modernes. Es ist ein Foto von der Mauer, die die Israelis in den letzten Jahren zwischen Israelischen und palästinensischen Gebieten gebaut haben. Auch dieser Krieg in Israel ist ein Thema, das einen müde machen kann. Keine Lösung, kein Frieden ist in Sicht. Die Mauer hat für viele die Situation noch verschlechtert, weil Bauern zum Beispiel keinen Zugang mehr zu ihren Feldern haben und Verwandte voneinander getrennt sind. Auf diese Mauer hat an einer Stelle der Graffithi-Künstler … einen jungen Mann gesprüht, ganz schwarz, mit vermummtem Gesicht, nur die grimmigen Augen. Wie einer, der auf einer Demonstration vorne mit dran ist. Mit dem rechten Arm holt er im Moment weit hinten aus, es sieht aus, als wollte er einen Stein werfen oder einen Brandsatz. In welche Richtung, das ist nicht klar. Ob er zu den einen oder den anderen gehört. Im Krieg, in einem Streit spielt das ja auch keine Rolle. Aber – der Mann hat keinen Stein oder einen anderes Wurfgeschoss in der Hand, sondern einen bunten Blumenstrauß.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Eine Konfirmandin hat dieses Bibelwort als Konfirmationsspruch für sich ausgesucht. Und sie hat als Begründung dazu geschrieben: weil man nie aufgeben sollte. Gott gibt uns die Kraft, auszuhalten und dran zu bleiben.

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