Leiden aushalten ohne daran zu zerbrechen

Liebe Gemeinde,

ist das zu krass – erst hören wir das freudige Evangelium und dann singen wir das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“? Beide Male geht es um Jesus. Zuerst – umjubelt, selbstsicher, verehrt – und dann geschlagen, gedemütigt, verwundet

Vielleicht ist es zu krass. Aber – viele haben die Erfahrung gemacht, dass das Leben so sein kann. Eine Woche lag zwischen dem Einzug Jesu in Jerusalem und seinem Tod am Kreuz.

Vorhin haben wir den Text vom Einzug Jesu in Jerusalem gehört – jetzt gehen wir – wie im Lied vorhin, tief hinunter: Wir hören einen Text aus dem Buch des Propheten Jesaja. Einer, der leidet, spricht hier. Es ist ein so genanntes Gottesknechtlied – es wurde ca. 500 Jahre vor Jesu Geburt geschrieben. Christen, die es im Alten Testament gelesen haben, haben an Jesus gedacht – und wir tun es auch heute noch:

Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja, 50. Kapitel, die Verse 4-9 (Übersetzung der BiG):

[TEXT]

Wenn ich diesen Text lese, denke ich an mein eigenes Leben. Und ich denke an die Gemeinde und Kirche. Denn ich habe das Gefühl, dass wir einiges durchmachen im Moment. Die Zeiten, in denen wir genug Geld hatten, sind vorbei. Wir müssen uns von Besitztümern verabschieden und von so manchem anderen. Wir werden in der Gesellschaft nicht so anerkannt, wie wir es uns vielleicht wünschen. Manche reagieren mit Schulterzucken, wenn ich sage: „Ich bin Pfarrerin. Ich glaube an Gott.“ Manche reagieren auch mit Spott: „Wenn Du das nötig hast. Ich muss nicht zur Kirche rennen.“ Manche finden es einfach zu langweilig hier und sind froh, wenn sie wieder gehen können.

Auch in der Kirche und in unserer Gemeinde ist es nicht immer leicht. Auch hier leiden wir und streiten wir. Denn wir ändern uns – wir suchen, welchen Platz wir haben. Wir brauchen Zeit und Kraft, um heraus zu finden, wozu wir da sind. Wir schauen, was wir für die, die hier sind, haben und brauchen. Und wir suchen nach dem, was wir mit anderen Menschen zusammen machen können. Ja, ich suche und hoffe, dass viele mitsuchen, wie Gott im Leben von anderen Raum gewinnt. Wie Mitmenschlichkeit und Liebe Raum gewinnen.

So schlimm wie dem Gottesknecht im Bibeltext geht es uns nicht – denke ich. Aber mir hilft es, zu sehen, dass es nichts Neues ist, missverstanden zu werden. Es geht nicht nur uns so, dass wir verspottet werden oder Schläge abkriegen.

Der, der in diesem Bibeltext spricht, rechnet damit, dass ihm solche Dinge geschehen: Er sagt: Mein Gesicht habe ich nicht verborgen vor Schmähworten und Speichel.

Er klagt. Er fühlt sich gedemütigt und erniedrigt. Machtlos. Gemoppt. Ich frage mich, was es bedeutet, dass er seinen Rücken denen bot, die ihn schlugen. Tat er das freiwillig, womöglich gerne? Er nahm dieses Leid offensichtlich auf sich. Wie später Jesus auch. Warum und wozu er das tat, gibt es viele Antworten – dies sei das Thema anderer Predigten. Nehmen heute nur die Antwort, dass er das Leiden akzeptierte und dass es zu seinem Auftrag gehörte, den Spott zu ertragen. Er hielt es aus, dass es im Leben so sein kann.

Aber er hatte es nicht gern. Darum beklagt er sich. Darum wendet er sich an Gott und schreit heraus, was ihm widerfährt.

Dies tat er nicht im stillen Kämmerlein, sondern öffentlich. Als Prophet. An seinem Leiden zeigt er, was wichtig ist. Seine Antwort darauf, von Menschen gedemütigt und missverstanden, verletzt und klein gemacht zu werden sieht so aus: Öffentlich schreit er alles Unrecht heraus. Er bringt es vor Gott und vor andere, vor seine Peiniger. Er belässt es nicht dabei, zu beschreiben, wie er misshandelt und verspottet wurde, sondern er tritt selbstbewusst auf. Er zeigt, dass er im Recht ist. Trotzdem. Mit seinen Wunden und möglicherweise mit dem Speichel im Gesicht sagt er:

Wer will mit mir streiten? Lasst uns miteinander vortreten! Wer will mein Recht beugen? Sie sollen nur kommen!

Nehmen wir heute diese Haltung als Vorbild und Beispiel: Auf der einen Seite haben und üben wir die Bereitschaft, Leiden auf uns zu nehmen. Wir können es akzeptieren und lernen es zu ertragen, dass andere es lächerlich finden, dass wir zur Gemeinde gehören. Wir halten es aus, dass andere uns verspotten oder mobben. – Diese Seite wird von Christen auch erwartet. Leider ist diese Seite oft als einzige betont worden: Haltet Leiden aus. Macht euch klein. Tragt euer Kreuz. Nein, so nicht! Schauen wir auf den Gottesknecht und seine Klage, dann sieht es ganz anders aus. Er nimmt das Unrecht, den Spott und das Leid hin – aber er bleibt nicht darin. Er gibt denen, die ihm das antun nicht recht. Er gibt nicht klein bei.

Das ist die andere Seite: Wie er haben wir die Möglichkeit zu reagieren. Vor Gott und öffentlich zu sagen: Nein, so nicht! Ihr habt nicht Recht. Kommt – lasst uns streiten.

Ich überlege mir Antworten, die ich geben kann. Für mich suche ich Antworten, die wahrscheinlich etwas weniger aggressiv sind, als die in diesem Bibeltext. Ich persönlich kann nicht so gut sagen: „Komm, lass uns streiten, lass uns sehen, wer Recht hat.“ Und schon Mal gar nicht: „Wer will mich verurteilen? Schaut, sie alle zerfallen wie ein Kleid, von Motten zerfressen.“ Obwohl das vielleicht auch mal ganz gut wäre.

Eine meine Antworten im Moment sieht so: Wenn Menschen sagen: „Ach nein, zum Gottesdienst komm ich nicht. Ich kann auch so an Gott glauben. Und die, die da zur Kirche rennen, sind doch auch nicht besser.“ Dann sage ich: „Ja, da haben Sie wahrscheinlich recht. Ich will jetzt den Gottesdienst – zu dem ich gerne gehe – auch gar nicht verteidigen. Nur – wie fänden Sie es, wenn wir als Gemeinde sagen würden: ‚Ja richtig, stimmt auch. Wir schaffen den Gottesdienst ab und reißen die Kirche ein?’“

So und noch besser wünsche ich es mir: Dass wir Leiden aushalten ohne daran zu zerbrechen oder klein bei zu geben. Dass wir herausfordernd und mit Liebe das sagen, was wir glauben. Und dass wir nach Gott in unserem Leben und unserer Gemeinde Ausschau halten. Dazu mögen wir einander stärken. Dazu mögen uns die Gottesdienste ermutigen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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