Der Lohn des Dienstes

Liebe Schwestern und Brüder!
"Papa, wir können auch, was du kannst", so ähnlich klingen die Worte der beiden Jünger Jesu. Die Beiden, Jakobus und Johannes, die zu den ersten Jüngern Jesu gehörten, gebärden sich wie zwei kleine Jungs, die ihrem Vater imponieren möchten. Sie fühlen sich erfolgreich, sind ja auch schon erwachsen und wollen genauso anerkannt werden wie ihr Meister. Dies unterscheidet sie von kleinen Jungs. Aber ihren Wunsch tragen sie wie zwei kleine Jungs vor, die von Jesus für ihre Jüngerschaft und Nachfolge entlohnt werden wollen.
Als ob Jesus ihr Vater sei und es hier um die Erfüllung von Kinderwünschen oder kindlichen Allmachtsphantasien ginge?
Sie waren sich des Ernstes der Lage überhaupt nicht bewusst. Sie ahnten nicht, dass Jesu Tod unmittelbar bevorstand. Sie erkannten nicht, dass das Leben jäh zuende gehen würde. Und vom Kelch des Todes und des Leides waren sie auch nicht in der Lage zu trinken.
Wie gesagt, so ähnlich verhalten sich kleine Jungs, wenn sie ihren Vater idealisieren, wenn sie so groß und stark sein wollen wie ihr Vater. Die Angst, die Not, die Zweifel und die Mutlosigkeit des Vaters sehen Kinder selten, wenn sie an der vermeintlichen Allmacht des Vaters beteiligt werden wollen.
Kinder reagieren kindlich, und die Jünger reagieren naiv.
Wir Erwachsene reagieren auf solche Kinderwünsche meistens amüsiert und schmunzelnd, wenn so ein kleiner "Held" vor uns steht. Aber insgeheim behalten wir das Schwere und Belastende des Lebens für uns, um die Kinder nicht mit der Trübsal des Lebens zu belasten.
Und das ist auch gut so!
Die beiden fordernden Gesprächspartner Jesu, Jakobus und Johannes, bekommen allerdings eine Antwort für Erwachsene.
Jesus antwortet ihnen: "Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde!?"
Unerschrocken und selbstüberzeugt antworten die Beiden, dass sie dies könnten.
Und insgeheim hoffen sie, dass sie an der himmlischen Macht Jesu teilhaben können. Ihnen ist nicht bewusst, dass das Reich Gottes, welches Jesus verkündigt, eine andere Dimension hat als Mitherrschaft oder Mitregentschaft.
Denn im Reich Gottes wird nicht geherrscht, sondern gedient. Das Leben im Reich Gottes besteht im Dienst des einen für den anderen.
Und Jesus ist der erste und letzte Repräsentant und Garant für ein Leben im Dienst der Gottes- und Nächstenliebe.
Jesus antwortet:
"Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele."

Herrschen durch dienen? Gottesherrschaft und Gottes Reich durch Dienst? Herr-Sein durch eine Sklaven-Existenz?
Klingt das nicht widersprüchlich und sich gegenseitig ausschließend?
Wieder eine von diesen Forderungen, die kein Mensch erfüllen kann und will -und Jesus legt sie uns auf!
Und wie sieht das eigentlich mit dem Dienst aus in unserem Leben?
Die Frage lautet.
Wer dient schon gerne?!
Wir Menschen dienen nicht gerne, obwohl wir angeblich in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft leben. Der Dienst, den die Menschen in der sog. Dienstleistungsgesellschaft verrichten, ist ein Dienst am Kunden. Und in der Marktwirtschaft ist der Kunde bekanntlich König. Und so müssen sich viele Menschen im Interesse der eigenen Existenzsicherung und des Firmenumsatzes dem Dienst am Kunden verschreiben. Ein Lächeln hier, eine zuvor-kommende Geste da und häufig auch ein Springen über den eigenen Schatten, um die nörgelnden Kunden zufrieden zu stellen. Auch hat sich bei den vielen kleinen und großen Königen schon eine Dienstleistermentalität breit gemacht. Und dann wird der Service in der Gastronomie gelobt und mit Trinkgeld entlohnt oder erbost Trinkgeld verweigert, wenn der Service bzw. die Bedienung nicht korrekt war. Jeder will eben herrschen, am liebsten wie ein kleiner König.

Wer dient schon gerne?!
Viel interessanter sind doch der Verdienst und die Frage, was jemand im finanziellen oder übertragenen Sinn verdient.
Die Werbung signalisiert uns täglich, was wir verdienen könnten, wenn wir dies oder jenes machen würden. Die Werbung ist auf den König Konsumenten abgestimmt, der sich gefälligst dieses oder jenes leisten sollte, weil dies eben gerade durch die Mode angesagt ist. Werbung gilt übrigens nur für die Verdienenden, weil die Nichtverdiener, z.B. die Hartz IV- Empfänger, nicht so gut konsumieren können.
Und das Lied "das "ham" wir uns verdient" reagiert auch auf den Zeitgeist, denn jedem Deutschen stehen im Jahr mindestens zweimal zwei- bis dreiwöchige Urlaubszeiten zu.

Wer dient schon gerne?!
Und am schwierigsten ist die Frage, wieso ich dieses oder jenes im Leben nicht verdient habe, weil ich doch eigentlich ein unbescholtener Bürger und tadelloser Christ gewesen bin.
Warum ziehen eigentlich Angst, Trauer, Zweifel und irdische Ungerechtigkeit nicht an mir vorüber?
Warum verdiene ich eigentlich solche Schmerzen oder solch eine Angst?
Vielleicht hätten andere das Leid, das ich ertragen muss, viel eher verdient?

Jesus gibt uns darauf eine Antwort.
Wichtiger als die Frage "Was verdiene ich?" ist die andere: "Wem diene ich?"
Wichtiger als die Frage "Bin ich der Beste?" ist die andere: "Wem bin ich gut?"
Wichtiger als die Frage "Warum habe ich das verdient? ist die Antwort Jesu: "Ich diene für dich und bin bei dir im Leid und in der Angst und Verzweiflung!"

Diese Antwort Jesu ist die alles entscheidende Antwort, die heute für uns gilt.
Wir alle kennen den Fortgang der Passionsgeschichte Jesu.
Er wird gefangen genommen, verurteilt und am Kreuz hingerichtet. Er dient den Menschen und gibt sein Leben als Lösegeld für viele. Und ein Leben in christlicher Existenz bedeutet, dass wir nicht vom Leid verschont bleiben.
Aber wir haben die unverbrüchliche Zusage, dass unser Leid und unsere Angst nicht umsonst sein werden. Gott, der seinen eigenen Sohn nicht vor dem Leid verschonte, wird auch uns nicht gänzlich vom Leid verschonen können.
Aber wir werden im Glauben erkennen, dass das Leid und die Angst nicht das Ende der christlichen Existenz sein werden. Denn im Glauben kommen wir zu der Erkenntnis, dass Gott auch bei jedem leidenden Menschen ist.
Gott führt uns wieder aus dem Tal der Trauer heraus.
Die Gottverlassenheit und das pure Zurückgeworfen-Sein auf die eigene menschliche Existenz, wie es uns die französischen Existentialisten Sartre und Camus gelehrt haben, ist nicht das Ende aller Dinge.
Jesus verspricht uns, dass er für uns dient und mitleidet.
Und er ermahnt seine beiden Jünger, Jakobus und Johannes, dieses Dienen an der Menschheit anzustreben.
Denn im Reich Gottes geht es nicht um das Herrschen, sondern um das Dienen. Im Reich Gottes werden unsere menschlichen Werte und Vorstellungen umgewertet.
Mit Jesus Christus und dem Glauben an ihn ist das Reich Gottes angebrochen. Und manchmal ist es auch mitten unter uns, ganz nahe und fast zu greifen.
Wo ist dieser Dienst zu sehen, der das Reich Gottes ausmacht?
Überall da, wo Menschen aus Liebe, aus Nächstenliebe, aus Gründen der Diakonie etwas für andere tun.
In der Liebe und dem Dienst der Eltern für ihre Kinder. Und wer Kinder hat, der weiß, dass dieser Dienst sehr lange dauern kann. In der Nächstenliebe der Gemeindekranken-schwester von der diakonischen Station, die sich auch noch bemüht ein gutes und tröstendes Wort zu finden, wenn andere schon genervt von dannen ziehen.
Und viele Menschen in sozialen und pädagogischen Berufen dienen dem Gemeinwohl, in dem sie so wichtige Aufgaben wie die Erziehung einer nachfolgenden Generation übernehmen. Sehr viele Menschen nehmen dieses Dienen für andere ernst. Sie schieben eben nicht nur Dienst nach Vorschrift, sondern Bemühen jedem einzelnen Kind weiterzuhelfen.
Und es gibt noch viel mehr Menschen und Berufsgruppen, die für uns alle dienen. Vielleicht im verborgenen und nicht immer für jedermann sichtbar.
Liebe Schwestern und Brüder, überall da, wo ein Dienst an uns, an unseren Nächsten oder an der Gesellschaft verrichtet wird, da ist auch Gottes guter Geist am Wirken. Dieser Geist schenkt neues Leben und auch neue Lebensqualität.
Ich wünsche uns, dass wir diesen Geist Gottes erleben können, um ein kleines Stück von Gottes Reich in unserm Leben zu erspüren.
Im Dienst des einen für den anderen ist Gottes Geist gegenwärtig. Gott dient für uns. Diese Zusage haben wir durch seinen Sohn Jesus Christus, der unser aller Diener ist.
Gebe Gott, dass wir diesen Diener in unserem Leben verspüren, auch bzw. gerade dann wenn die Tage trüb und mit Regen verhangen sind.
Amen.

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