Brief aus der Gefangenschaft

Liebe Gemeinde!

Ich gehe davon aus, daß Sie sich – genauso wie ich – grundsätzlich über Post freuen, die bei ihnen eintrifft – sei es ganz modern als e-mail oder sms oder noch ganz traditionell vom Briefträger gebracht. Es ist doch immer wieder schön von guten Freunden, von Verwandten zu lesen, Urlaubsgrüße, Einladungen zu diesen und jenen Festen und die Gratulationen zu unseren Jubiläen zu erhalten.

Dagegen kommt bei uns auch viel Post an, über die wir uns mal mehr, mal weniger ärgern, bei denen wir uns fragen: „Muß das jetzt sein?“ oder entsetzt sind: „Nicht schon wieder!“ Für manche Rechnungen gilt das ja wohl ganz bestimmt; ich denke z.B. an all die Verbrauchsrechnungen, die uns die kommunalen Ver- und Entsorgungsbetriebe Jahr für Jahr zusenden. Das sind lauter Briefe, über die wir uns überhaupt nicht freuen können, auf die wir gut und gerne verzichten würden.

Und dann gibt es die Briefe, bei denen wir nicht wissen, sollen wir uns jetzt freuen bzw. können und dürfen wir es bei den gegebenen Umständen oder müssen wir gar Angst haben? So muß ich hier an Briefe meiner Eltern in meinem Besitz denken, die sie 1945 nach Kriegsende in der Ungewißheit jener Zeit geschrieben und auf inoffiziellen Wegen befördern ließen: mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft, um von sich ein Lebenszeichen zu geben, und meine Mutter, die wollte, daß ihr Mann weiß, daß sie in Sicherheit ist und er inzwischen Vater.

Solche und ähnliche Briefe aus der Gefangenschaft gibt es viele und manche wurden auch veröffentlicht. Auf diese Weise kennen wir u.a. die bewegenden Briefe des Dietrich Bonhoeffer aus dem Gestapo-Gefängnis an seine Braut. Auch weitere derartige Briefe von anderen Gefangenen sind bekannt. Und wenn wir in diesen Gefangenschaftsbriefen lesen, dann stellen wir fest, wie sie sich, z.T. bis auf die Wortwahl gleichen. Sie sind zum einen erfüllt von der Sorge um die Lieben daheim und dem Kummer, nicht bei ihnen sein zu können, zum anderen erkennen wir die Freude, noch zu leben und Kontakt miteinander haben zu können. Das ist heute noch genauso wie vor 2000 Jahren, als der Apostel Paulus aus dem Gefängnis heraus an seine Gemeinden schrieb.

Hören wir heute aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi im 1. Kapitel:

[TEXT]

Gebet: Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. So sende herab auf uns deinen Hl. Geist und schenke uns rechtes Reden und rechtes Hören. Amen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Ich weiß nicht, was Sie gedacht, was Sie gefühlt haben beim Hören dieses Textabschnittes aus dem Philipperbrief. In mir jedenfalls kommt zunächst ein zweifaches Unbehagen auf: Was für eine Todessehnsucht muß zum einen ein Mensch haben, um sich auf seinen Tod echt zu freuen? Könnte es nicht auch Zweckoptimismus bei Paulus sein, wenn er schreibt: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“? Zum anderen frage ich mich, mit welcher Begründung kann er verschiedene Prediger, die nach ihm nach Philippi gekommen sind, derart abqualifizieren, indem er ihnen Neid, Streitsucht und Eigennutz unterstellt. Ist es dann nicht heuchlerisch zu sagen, es sei egal, wer was und wie predigt; Hauptsache sei doch, es werde Christus verkündigt?

Ich jedenfalls habe erst einmal meine Mühe mit dieser Passage aus dem Philipperbrief. Ich fühle mich nämlich ertappt; denn auch ich gehöre zu denen, die meinen, in Punkto Gottesdienst es besser zu wissen, als die meisten anderen. Schon oft bin ich enttäuscht nach einem Gottesdienst wieder nach Hause gegangen, weil dieses und jenes im Gottesdienstablauf meiner Meinung nach falsch gemacht worden ist. Ich bin durch einige, mir sehr wichtige Freunde in ganz bestimmter Weise theologisch besonders geprägt, habe aber im Laufe der Jahre gelernt, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Und trotzdem – völlig frei bin ich noch nicht von meinen festgelegten Denkkategorien; aber ich arbeite daran.

Zunächst jedoch bin ich erst einmal enttäuscht. Von diesem derart großen Theologen Paulus und für die Kirche, insbesondere die so genannten Westkirchen, also dem für uns wichtigsten Apostel, hätte ich nie erwartet, solche disqualifizierende Äußerungen über Glaubensgeschwister zu lesen. Er, der doch immer wieder seine Gemeinden brieflich ermahnt, liebevoll und vor allem rücksichtsvoll miteinander umzugehen, äußert sich in unserem Predigtabschnitt alles andere als nett und geschwisterlich über seine Nachfolger in Philippi.

Aber könnte es bei ihm nicht doch grundsätzlich völlig anders sein als bei mir? Ich sitze nämlich nicht im Gefängnis und sehe einer ungewissen Zukunft entgegen. Paulus schreibt auch, daß noch gar nicht feststeht, wie es mit ihm enden wird, ob er zum Tode geführt werden soll oder ob am Ende seine Freilassung bevorstehen wird. Eine derart ungewisse und insgesamt äußerst bedrohliche Lebenssituation verändert das Denken, Fühlen, Handeln und Reden eines Menschen. Und diese Veränderung führt in der Konsequenz solche Gefangene in eine innere Freiheit. Deshalb konnte ein Dietrich Bonhoeffer in der Haft dichten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“, um dann fortzufahren: „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“ Wer solche Zeilen dichten kann, hat eine Freiheit des Geistes erlangt, die die körperlichen Gefährdungen sowie Ein- und Beschränkungen als nicht mehr wichtig empfinden lassen. Dies habe ich immer wieder lesen können in Berichten und Erzählungen deutscher Kriegsgefangener in Russland und auch der KZ-Häftlinge, die das Glück hatten, den unsäglichen Terror mit all seinen Foltern, Qualen und Leiden überlebt zu haben. Und legt man derartige Berichte und Briefe von Menschen aller Zeiten vergleichend nebeneinander, die sie sozusagen in ihrer Hölle geschrieben haben, dann kann man eine Gleichheit der Empfindungen von geistlicher Geborgenheit trotz aller äußeren Nöte bis hin zur Gleichheit der Wortwahl feststellen. Das war bei einem Paulus so und das ist bei einem Bonhoeffer ebenso gewesen.

So komme ich bei näherem Nachdenken immer mehr zu der Überzeugung, daß der Apostel einen überaus ehrlichen Brief an seine Gemeinde in Philippi geschrieben hat, weil er nämlich in großer Sorge um sie ist. Zum einen ist es ihm ein Bedürfnis, seinen Freunden zu berichten, wie es ihm selber augenblicklich geht; denn die Nachricht von seiner Inhaftierung und seinem drohenden Tod hatte sich in Windeseile verbreitet in ganz Griechenland und Kleinasien, dem ureigensten Missionsgebiet des Paulus. Folglich erreichen ihn in seinem Gefängnis auch Briefe aus seinen Gemeinden, die ihn auf dem Laufenden halten sollen über alle wichtigen Ereignisse, die bei ihnen inzwischen geschehen sind.

Ähnlich verhalten wir uns doch auch. Wenn wir alleine verreisen müssen, dann sind wir froh, unser Handy dabei zu haben, um zuhause berichten zu können, daß wir heil an unserem Ziel angekommen sind und daß es uns gut geht. Und ebenso wollen wir erfahren, daß bislang zuhause noch alles in Ordnung ist, um uns dann gegenseitig zu versichern, daß wir uns darauf freuen, wenn wir wieder zuhause sind.

Und worüber freut sich nun ein Paulus, der sich wegen seines Glaubens im Gefängnis wiederfindet und überhaupt nicht weiß, ob er je dort wieder lebend herauskommt. Dieser Apostel, der derart erfüllt ist von seinem Missionsauftrag, Christus zu verkünden, kann deshalb nicht anders, als sich darüber zu freuen, daß auch nach ihm und auch heute noch, dieser Christus gepredigt wird. Denn genau diese Verkündigung ist ja sein übergroßes Anliegen. Und genau aus dem gleichen Grunde stellte ein Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms sein eigenes Wohlergehen, seine eigene Sicherheit, sein eigenes Leben hintan und widerief eben nicht seine revolutionären 95 Thesen, weil es ihn geradezu drängte, daß Christus unverfälscht gepredigt wird.

Wichtig für Paulus war einzig und allein, daß alle Welt zum Glauben an den Christus kommt. Deshalb muß er gepredigt werden. Natürlich nicht egal wie. Aber so manche falsche Verkündigung läßt sich einfach nicht verhindern. Dazu sind wir Menschen alle viel zu verschieden. Doch zum Glück gibt es immer genügend Theologen, die genau wissen, was falsch und was richtig ist. Wenn das nicht ein Grund zur Freude ist – damals für Paulus und heute für uns. Deshalb ist es tatsächlich ehrlichen Herzens, wenn der Apostel nach Philippi schreibt: „Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.“ Er ist sich absolut sicher: Die Wahrheit über Jesus Christus wird sich immer und stets durchsetzen! Um das deutlich zu verstehen zu geben, sah Paulus wohl keine andere Möglichkeit, seine Nachfolger z.T. derart abzuqualifizieren. Dabei ist er dann nicht wirklich verletzend gewesen; denn er nennt keinen einzelnen Prediger konkret mit Namen.

Können wir derartiges von uns auch immer ins Feld führen? Darum dürfen und sollen auch wir uns hier und heute freuen, daß Gottesdienst immer gefeiert wird und wir singend und betend Gemeinschaft mit Jesus Christus haben können. Trotz aller Vernichtungsversuche zu allen Zeiten hat der wahre Christusglaube überlebt und ist zu keiner Zeit untergegangen. Und eine weitere Quintessenz ist für mich: Gottesdienst läßt sich auf so mancherlei Weise feiern, ich muß sie nicht immer mögen; aber ich darf gewiß sein, daß Christus auch in diesem Gottesdienst mit uns zusammen feiert.

Zu genau dieser Gewißheit hat der Apostel Paulus im Gefängnis auch gefunden. Deshalb ist es für ihn auch nicht mehr so wichtig, ob er hingerichtet wird oder weiterleben darf bis zu seinem natürlichen Tod. Er hat erfahren dürfen: Die Botschaft von Jesus Christus wird weitergetragen werden. Sie geht nicht verloren. Er selbst muß sich nicht mehr so wichtig nehmen. Jeder ist in seiner Aufgabe ersetzbar. Deshalb kann er von sich selbst absehen und sich darüber freuen, daß Christus verherrlicht wird. Deshalb gipfelt dann auch seine Freude in der Feststellung:

Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

Laßt uns ein jeder für sich darum beten, daß auch wir zu solch einer freudigen Gelassenheit finden können!

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen!

Amen!

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