Mit den Leidenden leiden

Palmsonntag – ein eigenartiger Feiertag. Hier ist das volle Leben: Jubel und Begeisterung beim Einzug in Jerusalem: Hosianna! Und das Leiden ist in dieser Geschichte schon angelegt. Die Gegner Jesu haben das Urteil schon gesprochen: der muss weg! Da wird einiges wahr aus dem Alptraum des Lebens. Wer den einen der Heiland, wird schnell für die Anderen zum Störenfried.

Das kommt oft vor. Wir Menschen neigen zum Widerspruch, zum Entweder – oder. Und finden oft Antworten, die wir zu einem anderen Zeitpunkt bereuen.

Das finden wir schon bei den Propheten des Alten Testament. Im Buch des Propheten Jesaja finden wir vier Lieder, die von einem Knecht Gottes handeln. Wer das ist, wird nicht genau definiert. Geht es um eine konkrete Person. Geht es um eine Weissagung, die sich auf Jesus Christus bezieht oder geht es um ein Idealbild: so wird ein Mensch sein, der wirklich zu Gott gehört. Das dritte von den vier Liedern will ich jetzt vorlesen.

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Nicht ein König bestimmt das Geschehen, sondern ein Knecht Gottes, einer, der sich ganz Gottes Willen unterordnet. Die Geschichte von Palmsonntag findet hier ein Vorbild.

Hier brandet allerdings kein Jubel auf – der Knecht ist der Abgewiesene und Geschmähte, aber er ist auch der, der mit den Müden redet und seinen Rücken hinhält. Er ist der, der Gottes Willen vernimmt und lebt. Er weicht nicht zurück, als er Gottes Willen hört, sondern tut ihn. Er verspürt, dass Zunge, Mund und Ohr Gaben Gottes sind, und er nutzt sie, um Gottes Willen zu hören, zu sagen und zu tun.

Die Gottesknechtslieder sind offene Formulare, in die wir eintragen dürfen, wie Gott sich einen idealen Diener / eine ideale Dienerin vorstellt. Wir dürfen an dieses Formular dieselbe Frage stellen, wie die Jünger beim Abendmahl: Bin ich’s – Gerade das Jubiläum der Konfirmation legt diese Frage nahe. Damals wurde ein leeres Formular ausgefüllt mit unserem Namen, unseren Daten und unserem Spruch. Heute könne wir fragen: Haben wir das gelebt, wofür wir damals zugerüstet wurden? – Bin ich’s?

Gottes Knecht: Er lobt Gott, weil er von ihm seine Fähigkeiten erhalten hat, weil er durch ihn reden und handeln kann. Und er lobt Gott, indem er seine Fähigkeiten nutzt. Er klagt nicht über das, was er nicht kann, sondern freut sich an dem, was er tun kann.

Er erzählt von sich, dass ihm die Gabe verliehen ist, müde gewordene Menschen mit einem Wort aufzurichten, weil Gott ihm die Gabe verliehen hat, sein Wort zu hören. Und mit seiner Erzählung fragt er mich nach meinem Platz im Leben von anderen Menschen: Wie oft bin ich eigentlich dabei, andere aufzurichten. Mache ich nicht lieber runter, was Aufrichtung bräuchte?

Gott ist bei mir, wenn ich aufbaue. Das kann mir Mut machen, meine Aufgaben wahrzunehmen. Dass kann mir helfen, wenn ich meine schwache Kraft sehe und merke: Das ist nicht besonders viel, was ich leiste. Wenn ich ein Bewusstsein dafür entwickle, dass Gott bei mir ist, wo ich aufbaue und aufrichte, dann werde ich Freiheit gewinnen, das Meine zu tun und Gott Raum zu lassen, dass er seinen Segen dazu geben kann. Dann brauche ich keine Erfolge um zu wissen: ich bin wer, sondern dann weiß ich: Gott schaut mich an und macht mich zu einer Persönlichkeit, zu einem Menschen, der zu ihm gehört.

Typisch Gottesknechtslieder: Nicht der König setzt den Akzent, sondern der Knecht. Als Dienende stehen wir im Mittelpunkt des Evangeliums, als Menschen, die sich in den Dienst Gottes stellen und bereit sind, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Den Akzent setzt Gott. Wir dürfen mit diesem Akzent unseren Alltag gestalten. In voller Verantwortung. Da ist nichts übrig von dem Gottesbild: Gott sitzt auf einem Thron in den Wolken, um irgendwann zu urteilen. Nein: Gott ist mittendrin bei den Menschen. Er ist für sie da und schenkt ihnen doch gleichzeitig die Freiheit ihre Entscheidungen zu leben.

Wichtig bleibt, dass der Knecht Gottes dabei bleibt, den Müden zu helfen.

Er weiß sich zu den Bedürftigen gesandt und darum lässt er sich nicht entmutigen, gerade denen, die keine Stimme mehr haben, deren Stimme ermattet ist, Mut zu machen.

Wer sich im Auftrag des Herrn unterwegs weiß, ist auf keinen Fall unparteiisch. Er muss Partei ergreifen. Aber er muss auch wissen wofür und wogegen. Liebe ist eben nicht unparteiisch. Sie hat einen klaren Auftrag eine klare Richtung.

Der Einzug in Jerusalem ist ein Thema unseres Palmsonntages, damit auch das scheinbare Misslingen des Auftrittes Jesu. Das Kreuz ist seinen Gegnern beleg genug für das Scheitern. Nur dem glauben erschließt sich der Sieg im Kreuz. Von ihm her bekommt das Auftreten Jesu erst seine Bedeutung. Als Sohn Gottes hat er sich den Schwachen zugewendet und wie der Knecht Gottes mit den Müden zur rechten Zeit geredet.

Der leidende Knecht Gottes leidet nicht aus Schwäche, wie LehrerInnen an Schulen sich oft wehrlos ausgeliefert fühlen, sondern er leidet aus Stärke mit den Leidenden. Er geht bewusst den Weg des Leidens, weil er nur dann ganz nahe bei denen ist, die ihn wirklich brauchen. Er erhält Kraft von Gott und teilt sie, so wie wir Kraft erhalten und Kraft teilen können. Ein Ort dafür ist das Mahl des Herrn.

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