Ruft Gott an, klagt an, aber ohne zu jammern

Liebe Gemeinde,
wir sind in Eile. Nur noch drei Wochen bis Weihnachten. Und wir haben noch soviel zu erledigen.

Meine Frau und ich laufen durch Potsdam, klappern die Geschäfte ab, einmal die Brandenburger Str. rauf und runter, dann noch zu Karstadt, ach wie dumm, was wir kaufen wollten, gibt es hier gar nicht. Also doch noch ins Stern Center, dort haben sie die größere Auswahl, da hätten wir auch gleich drauf kommen können. Wie gut, dass die Geschäfte so lange geöffnet sind, sonst würden wir das alles gar nicht schaffen. So können wir uns sogar noch eine kleine Pause, mit einer Tasse Kaffee, im Cafe Heider gönnen.

Aber danach gleich wieder weiter, denn Plätzchen backen müssen wir ja auch noch. Fast könnten wir klagen, wie viel wir noch zu tun haben. Aber glücklicherweise sind es ja noch drei Wochen bis Weihnachten.

Andererseits haben wir Zeit. Wir müssen noch warten. Trotzdem, nicht allen wird diese Zeit durch Hektik verkürzt. Viele sitzen allein zu Hause. Die Tage werden ihnen nicht kürzer sondern länger. Das Laufen klappt nicht mehr so gut und der Weg in die Stadt ist zu weit geworden. Vielleicht sorgt nur noch der Fernseher dafür, dass sie etwas mitbekommt, von der Welt da draußen.

Lohnt es sich wirklich fernzusehen? Was bekommen wir aus der Welt an Nachrichten mitgeteilt? Zu viel Leid, zu viel Not, Katastrophen und Kriege an allen Ecken und Enden und das auch in der Vorweihnachtszeit. Und in unserem eigenen Land? Die Finanznot des Staates ist so groß, dass man eigentlich nicht mehr weiß, wie das weitergehen wird. Nur eines scheint sicher zu sein, die Reichen werden Reicher, die Armen ärmer und das Leben im Allgemeinen wird härter und kälter. Da können wir eigentlich nur noch klagen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist eine solche Klage. Eine große Klage, die ein ganzes Volk vor Gott brachte. Das allerdings schon vor über zweitausend Jahren. Die Städte waren zerstört. Fremde herrschten über das Land. Jerusalem lag in Trümmern und auch das Heiligtum, der Tempel, war zerstört.

Diese Klage, unseren heutigen Predigttext, finden wir beim Propheten Jesaja, im Kap. 63, Vers 15 – 19 und Kap. 64, Vers 1-3.

Beim ersten Hören, verstören diese Worte. Gottes Barmherzigkeit ist unspürbar für das Volk, er lässt ihr Herz verstocken, dass es ihn nicht mehr fürchtet. Nun sind sie wie Leute, über die Gottes Name nie genannt wurde, die nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden. Sie fühlen sich von Gott verlassen.

Wenn der HERR doch nur vom Himmel herab sehen würde, auf dieses Elend. Oder sogar hinunter käme, dann wäre es so, als ob der Himmel zerrissen würde und selbst die Berge würden zerfließen, wie bei einem Vulkanausbruch. Das wäre ein Großereignis, die einzige Nachricht des Tages, und nicht nur eine gute in all dem Elend, sondern sogar die Beste, die wir uns vorstellen können. Alles wäre dann anders. Da lohnt es sich schon zu klagen, zu hoffen und zu erwarten, dass etwas passiert.

Und über zweitausend Jahre später? Man könnte meinen, auch heute gilt, Volksklagelieder haben Konjunktur. Insbesondere auch, wegen der Konjunktur. Aber es ist nicht ganz so dramatisch wie damals. Ja, unsere Städte haben zwar kein Geld mehr, aber sie sind nicht zerstört. Und wir haben jetzt auch wieder eine Regierung.

Wir können uns in Kirchen und Gemeindehäusern zu Gebet und Gottesdienst versammeln und wenn wir die Hälfte davon verkaufen müssten, dann bliebe immer noch eine Hälfte übrig. Jedenfalls, sind sie unzerstört und liegen nicht in Trümmern.

Vielleicht jammern wir manchmal mehr, als wir wirklich klagen. Denn wer jammert, beschäftig sich wohl eher mit sich selbst. Denn wir jammern ja keinen an. Wenn wir klagen würden, würden wir anklagen. Einen Jammer bringt man nirgendwo hin, eine Klage kann man vor jemanden bringen. Das Volk damals vor zweitausend Jahren brachte seine Klage vor Gott.

Vielleicht können wir uns da etwas abgucken, besser gesagt, „abhören“. „Wo sind denn nun dein Eifer und deine Macht?“ klagte das Volk, und auch „Deine große herzliche Barmherzigkeit ist nicht mehr erkennbar“. „Aber du bist doch unser Vater, denn Abraham weiß nichts von uns, wie könnte uns unsere Vergangenheit trösten, nur du bist unser Vater und unser Erlöser, warum tust du denn nichts?“

Wer so klagt, der erwartet noch etwas. Wer so klagt, der erwartet noch sehr viel. Und wer so klagt, der weiß auch um Gottes große und herzliche Barmherzigkeit. Denn: „Niemand hat je gehört von einem Gott und niemand hat je einen Gott gesehen, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“, heißt es im Text.

Als Luther die Bibel übersetzte, konnte „harren“ auch heißen: rufen oder schreien. Es geht hier also um einen Gott, der denen wohl tut, die nach ihm schreien. Das wusste bereits das Gottesvolk in größter Not vor über zweitausend Jahren.

Und das wissen wir heute umso mehr. Denn der Ruf ist nicht ungehört geblieben. Die Sehnsucht nach dem Erlöser, der vom Himmel herabsieht und hinunter kommt, ist nicht ungestillt geblieben. Sonst würden wir in drei Wochen nicht Weihnachten feiern. Sonst wäre nicht schon der Advent eine Zeit der Vorfreude und Besinnung.

Hat sich denn sonst noch etwas geändert? Haben wir also eigentlich keinen Grund mehr zu klagen? Haben wir auch keinen Grund mehr, noch etwas zu erwarten?

Not und Leid in der Welt, Krankheit und Einsamkeit unter uns, natürlich haben wir da Grund zu klagen. Und keinerlei Grund, das eigene Leiden zu ersticken in dem Satz: „Aber man darf ja nicht klagen.“ Als ob das ungehörig und unnütz wäre. Als ob man nichts mehr zu erwarten hätte.

Weihnachten gibt es, und sogar Ostern. Nicht nur das Kind in der Krippe, sondern sogar den Auferstandenen, der den Tod besiegt hat. Noch mehr kann man wohl kaum verlangen, nach noch mehr zu rufen und zu schreien, wäre nach unseren Maßstäben geradezu maßlos.

Kinder, je kleiner sie sind, haben damit weniger Probleme. Kein Säugling macht sich Gedanken über Maßlosigkeit, wenn er alle zwei Stunden schreit, weil er Hunger hat. Oder wenn ihm etwas wehtut, wenn er die Eltern in der Nähe spüren und in den Arm genommen werden will. Auch wenn es mitten in der Nacht ist.

Kinder erwarten wie selbstverständlich, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Wie könnte es auch anders sein. Und diese unglaubliche Spannung und Vorfreude in den Kindern am Weihnachtstag, wenn sie kaum erwarten können dass es endlich losgeht. Das sich die Tür zum Wohnzimmer öffnet und endlich die Bescherung beginnt.

Da können wir uns etwas abgucken. Die unbedingte Erwartung nämlich, dass unsere Klagen gehört werden. Das unsere Sehnsüchte nach dem Ende aller Not und allen Leidens erfüllt werden. Und dass da noch etwas ganz anderes, etwas ganz besonderes, geschehen wird. Weihnachten ist erst ein Anfang. Das Gott herabgestiegen ist in unser menschliches Elend, ist ein Geschenk. Und mit dem Kind in der Krippe war sein Erscheinen so ganz anders als erwartet.

Wir haben zusätzlich das Geschenk der Verheißung erhalten. Nämlich, dass Christus wiederkommt und das dann alles anders wird. Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Das wird überwältigender sein als alles, was wir erwarten werden. Dieses Geschenk ist noch nicht ausgepackt, aber es liegt schon für uns bereit.

So sind wir immer noch Wartende und Erwartende. Wir sind gleichsam klagend Wartende und hoffend Erwartende. Beides gehört zu uns als Christen. Die Klage über den jetzigen Zustand der Welt und die Hoffnung, dass Gott alles neu machen wird.

Klagen und Hoffen, beides können wir in Gelassenheit tun. Denn wir glauben, dass unser Rufen und unser Hoffen von Erfolg gekrönt sein wird. Diese Gewissheit haben wir gemeinsam mit dem Volk, das vor über zweitausend Jahren klagte. Und diese Gewissheit erlaubt uns Gelassenheit, sie verkürzt unser Warten. Die Tage werden wieder kürzer, denn sie sind von Hoffnung ausgefüllt. In dieser Hoffnung bestehen wir den Alltag, auch wenn er noch so beschwerlich ist.

Mit Hoffnung und Gelassenheit begegnen wir auch der Hektik des Alltags. Denn die größten Geschenke brauchen wir nicht mehr selbst einzukaufen, wir haben sie bereits erhalten.

Wenn Sie sich also in der Adventszeit zwischendurch den Besuch im Café gönnen, bestellen Sie ruhig auch ein Stück Kuchen, bleiben Sie ein bisschen länger und genießen die Erwartung auf das, was noch kommt.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Vikarin Annette Schmitz-Dowidat in Duisburg-Homberg.)

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