Bleib fest im Herrn, die Hilfe kommt

Liebe Gemeinde,
der 11. September 2001 hat sich in das Gedächtnis eingegraben, als Datum eines unfassbaren Geschehens. Zwei große Passagierflugzeuge schlugen in die Tower des World Trade Centers, in New York, ein.

Es gab auch andere Unglücke mit noch größeren Folgen für die Menschen, z.B. den Tsunami im Indischen Ozean oder das Hochwasser in New Orleans und wieviel Tote der Irakkrieg forderte will ich mir gar nicht erst vorstellen.

Aber dieser 11. September steht für viele Menschen als Synonym des Unbegreiflichen dieses 21. Jahrhunderts. Wahrscheinlich auch, weil wir hautnah im Fernsehen mit ansehen konnten, was Menschen einander zufügen können und wir spürten unsere absolute Hilflosigkeit.

Katastrophen kleineren oder größeren Ausmaßes sind Teil unseres Lebens. Unfälle oder Verbrechen, das Leiden an Krebs oder Alzheimer, der Verlust eines Arbeitsplatzes, das Scheitern einer Partnerschaft oder das Absacken eines uns nahestehenden Menschen in Sucht oder Kriminalität. Immer wieder geraten wir an Grenzen des Erträglichen und auch an die Grenzen unseres Glaubens. Wie soll ich das aushalten, wie kann Gott das zulassen?

„Ich bin der Mann, der Elend sehen muss“, mit diesen Worten beginnt das dritte Kapitel der Klagelieder Jeremias.

Wir können das genauso sagen, wenn wir vor Wirbelstürmen und Überschwemmungen aus unseren Häusern flüchten müssen. Oder von Terror und Verbrechen betroffen sind. Von der Güte und Barmherzigkeit eines gnädigen Gottes ist in solchen Katastrophen nichts zu erkennen. Eher im Gegenteil, wir fühlen uns der Zerstörung und der Gewalt ausgeliefert.

Was soll ich als Christ den Menschen sagen, die den Eindruck haben, dass Gott seine Ohren abwendet gegenüber ihren Gebeten? Oder Denjenigen, die psychisch verletzt sind und sich von Gott und den Menschen verlassen fühlen? Diese Gedanken machen mich betroffen.

Die Klagelieder sind entstanden angesichts einer Katastrophe. Des Untergangs von Jerusalem, der Zerstörung des Tempels. Juda verlor seine Selbständigkeit und wurde Provinz. Das Volk Gottes, so schien es, hatte aufgehört zu existieren. In dieser Situation erklingen die Klagelieder, die Jeremia zugeschrieben werden, aber wahrscheinlich nicht von ihm stammen.

Hören wir den Predigttext aus den Klageliedern 3, 22-26.31-32

Jeremia erfährt Gott im Scheitern seines Volkes. Darum schreit er zum HERRN. Er ist wie Mose, der am Unglauben des Gottes Volkes verzweifelte.

Der Fall und die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier ist der Hintergrund dieser Klagen. Dennoch wagt es der Beter von der Treue und Barmherzigkeit Gottes zu sprechen und seine ganze Hoffnung auf ihn zu setzen. Denn der HERR, unser GOTT, wirkt weiter auch angesichts der Zerstörung. Und so wagt der Beter zu bekennen: „Der Herr ist freundlich“.

Ähnliches kennen wir von Paul Gerhardt, der angesichts des 30-jährigen Krieges Lieder schrieb wie 361: „Befiehl du deine Wege“ oder das Schöpfungslob 503: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Unser heutiger Text ist nicht nur Klagelied, er ist auch ein Gebet und zugleich ein Lob Gottes.

Das fällt uns heute schwer Klage und Lob in einem Atemzug zu nennen. Wir lieben klare Verhältnisse: Lob, Bitte oder Klage. Zu einer Leiderfahrung gehört die Klage, eventuell noch die Bitte aber nie das Lob, so meinen wir. Trotzdem, jeder Moment des Lebens hat unendliche Perspektiven, so auch das Leben im Glauben.

Bei allem Schmerz der uns beeinträchtigt, gibt es auch Erfahrungen, wie Gott aus dem Zerstörten neues Leben erblühen lässt. Und das er gerade dort bei uns ist, wenn wir ganz am Boden liegen. So erkennen wir in diesem Moment, dass das Leben auch dann in Gottes Hand ist, wenn wir es für beendet erklären.

Leider kommt der Dank dafür, dass wir „nicht gar aus“ sind, den Menschen nur schwer über die Lippen. Das ist so im Irak, in New Orleans und Thailand, oder bei dem krebskranken Menschen dessen Gesundheit sich wieder stabilisiert hat.

Der Prophet wendet sich an den Gott, den er kennt, der nicht Untergang will, sondern Leben. Geradezu trotzig schreit er sein „Dennoch“ hinaus.Gegen alle Wahrscheinlichkeit, gegen allen Augenschein will er festhalten an seinem Glauben, will er treu bleiben dem Gott, an dessen Gnade er glaubt. Ein Einzelner macht das Leid seines Volkes zu seinem Thema und bringt es vor Gott. In seinen Glauben ist ganz klar: Gerade im Leid ist Gott ganz nahe.

Gott sei Dank, ich kann wieder aufrecht gehen, sagen Menschen nach einer Katastrophe, nach Arbeitslosigkeit oder Scheidung, nach Unglück oder Tod. Gott sei Dank sagt auch der Prophet nach Allem, was er erleben musste.

Vielleicht ist sein Lob auch so zu verstehen: Oft bilden sich Selbsthilfegruppen, mit Personen denen ähnliche Ereignisse widerfuhren. Z.B. der Tod eines Kindes, die Sucht eines Partners, eigene Krebserkrankung oder Leiden an MS.

Das Reden miteinander über das, was geschehen ist. Das, was ihnen Leben und Atmen schwer macht. Dieses Reden und Sprechen verändert ihre Einstellung und Sichtweise. Es wird nicht alles gut, aber manchmal lernen Menschen so Frieden mit herausfordernden Situationen zu machen. Das Schlimmste an allem Leid ist wohl, niemanden zu haben, mit dem man sich darüber austauschen kann, niemanden zu haben, der einem wirklich und ehrlich zuhört.

So etwas Ähnliches macht der Prophet hier. Er redet mit Gott in den Klageliedern über das Leid und in seinem Reden gewinnt er wieder eine positive Sicht auf das Leben. Er erkennt auch im Leid, die Nähe Gottes und dafür dankt er ihm.

Vielleicht liegt hier das Minimum dessen, was ich tun kann, wen ein Mensch nicht mehr weiter weiß. Diesem Menschen zuhören und nicht beschwichtigen, sondern zuhören und verstehen und mitleiden.

Ich glaube, dass hat schon damals vor 2600 Jahren den Menschen in der Verbannung und in der Provinz geholfen. Ich bin der Überzeugung, nur deswegen hat der Glauben an den Gott Israels überlebt. Die Menschen haben gespürt, Gott ist bei uns, auch da wo wir verloren haben, wo wir leiden und nicht mehr weiter wissen. Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen ihrer Zeit, war ihr Gott kein Siegergott. Sondern ein Gott, der wirksam und hilfreich war. Auch in Niederlagen und Katastrophen. Ein Gott, mit dem man reden kann, gerade dann, wenn es einem schlecht geht.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrer Michael Schäfer in Spiesen-Elversberg.)

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