Kannst Du Dir vorstellen zu sterben, damit jemand anderes lebt?

Liebe Brüder, liebe Schwestern,
Gnade sei mir Euch und Friede von unserem Herrn Jesus Christus.
Amen.

Können Sie sich,
kannst Du Dir vorstellen,
für jemand anderen zu sterben,
damit der leben,
besser leben kann?

Leben kann,
wie neugeboren?

Vor zwei drei Wochen sah ich Gran Torino im Fernsehen.
Ein Film von und mit Clint Eastwood,
der mich sehr beeindruckt hat.

Vielleicht hat jemand von Ihnen,
von Euch diesen Film auch mal gesehen.

Da geht es um einen alten, einsamen, kranken Amerikaner,
der in einer Kleinstadt lebt.

Walt heißt er
und ist ein ziemlicher Rassist.

Seine Nachbarn sind Hmong.
Das ist ein asiatisches Bergvolk.

Diese Familie wird von einer Gang terrorisiert.
Walt setzt sich trotz seiner Vorurteile für seine Nachbarn ein,
als es für sie brenzlig wird.

Und es entwickelt sich nach und nach eine Freundschaft.

Am Ende dieses Films lässt sich Walt erschießen von der Gang,
damit diese verhaftet wird
und Walts Nachbarn,
vor allem deren Kinder,
Frieden finden,
damit die Gewalt,
das Böse ein Ende hat.

Können Sie sich,
kannst Du Dir vorstellen,
auch für jemand anderen zu sterben,
damit der leben,
besser leben kann?
Leben kann,
wie neugeboren?

Wer von uns Kinder hat,
der sagt wahrscheinlich:
Ja,
für meine Kinder würde ich mein Leben geben.

Und als junger Mensch,
da denkt man vielleicht:
Für meine Familie
oder meinen Liebsten, meine Liebste würde ich sterben,
wenn ich ihn,
sie dadurch retten könnte.

Manch einer sagt aber vielleicht auch:
nein,
ich glaube,
ich hänge zu sehr am eigenen Leben.

Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Frage,
ob sie für jemand anderes sterben würden.

Es kommt auch immer auf die Lebensumstände an.

Und für die meisten von uns ist so eine Frage im normalen Alltag auch ziemlich utopisch.

Wenn ich aber jemand in einem anderen Teil der Welt wäre,
der vielleicht zeigen will,
wie entschlossen ich bin,
dass meine Vorstellung vom Leben
von meinen Leuten gelebt werden kann
und nicht unterdrückt wird,
und wenn mir meine Religion verspricht,
dass ich dafür belohnt werde,
dann ist der Gedanke daran,
mich z.B. selbst in die Luft zu jagen
oder mich selbst demonstrativ auf offener Straße zu verbrennen,
vielleicht gar nicht so weit weg.

Oder wenn mein Land bedroht wird,
dann werde ich vielleicht Soldat
und bin bereit, zu sterben,
um die Menschen meines Landes zu verteidigen.

Egal wie man über einzelne Motive denkt,
ob man sie nachvollziehen
oder sogar gutheißen kann,
oder ob man sagt:
nein,
so zu handeln ist falsch,
ist grundverkehrt.

Egal wie unterschiedlich man die einzelnen Motivationen,
sein Leben für das anderer zu geben,
bewertet,
eines kann man erkennen,
wenn man sie sich vor Augen hält:

Alle Motive haben den gleichen Antrieb:
jemand gibt sein Leben,
jemand stirbt,
damit das,
was er für wertvoll und gut hält,
weiter existieren kann,
leben,
ja,
besser leben kann.

Sterben für eine gute Sache,

Sterben für die eigenen Kinder,
die Familie,
den Liebsten?

Ja,
das kann man sich vielleicht noch vorstellen.

Vielleicht nicht für sich selbst,
aber man kann sich vorstellen,
dass es Menschen gibt,
die das tun.

Aber können Sie sich,
kannst Du Dir vorstellen,
dass jemand stirbt,
damit es jemand besser geht,
damit jemand leben kann,
den der,
der da sein Leben lässt,
gar nicht kennt
oder sogar:
für jemanden,
der eigentlich sein Feind ist?

Geht das:
Sterben für den Feind?
Sterben,
damit aus etwas Schlechtem etwas Gutes wird?

Behaltet,
behalten Sie diese Frage mal im Hinterkopf.

Denn etwas anderes möchte ich gern noch fragen:

Kennen Sie,
kennst Du das Gefühl des kleinen Todes?

Diese 1000 kleinen Tode des Alltags,
des Lebens?

Was ich meine?

Ich stelle mir vor,
ich bin ein Teenager.

In der Schule können mich manche nicht leiden.
Irgendeiner setzt ein Gerücht über mich in die Welt.

Es ist gar nicht wahr,
was da hinter vorgehaltener Hand über mich erzählt wird.
Aber alle glauben es.

Es ist wie ein kleiner Tod,
den ich sterbe,
immer dann,
wenn ich merke:
der,
mit dem ich rede,
denkt jetzt was über mich,
was doch gar nicht stimmt.

Ich stelle mir vor,
ich bin erwachsen,
hab eine kleine Familie,
gehe arbeiten.

Mein Kollege,
mit dem ich mich doch eigentlich verstehe,
tut vor dem Chef immer so,
als würde er allein die ganze Arbeit machen.

Wie der mich dann immer ansieht:
als sei ich ein fauler Sack.

Aber ich bin´s doch gar nicht.

Ich kann halt nicht wie mein Kollege jeden Tag Überstunden schieben,
weil doch zu Hause noch die Familie auf mich wartet,
weil ich noch andere Verpflichtungen im Leben habe.

Und wenn mich mein Chef dann so ansieht:
es ist,
als müsste ich mich für etwas schämen,
obwohl es nicht richtig ist.

Ich fühle mich einen kleinen Tod sterben.

Ich stelle mir vor,
ich bin um die Vierzig.

Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus.
Meine Frau, mein Mann –
wir haben so einiges im Leben schon hinter uns an Höhen und Tiefen,
wir leben unseren Alltag.

Doch dann lernt sie,
lernt er jemand anderes kennen:
Alles ist neu und unbeschwert,
sorglos,
auch aufregender.

Und mein Mann, meine Frau vergisst sich,
vergisst uns,
obwohl wir uns doch eigentlich lieben.

Sie,
er kehrt zu mir zurück.

Doch ich bin verunsichert.

Wenn ich höre:
„Vertrau mir“,
sterbe ich einen kleinen Tod.

Ich stelle mir vor,
ich bin Mitte 60.
Mein Leben verändert sich.
Der Ruhestand beginnt.

Ich freue mich darauf,
aber irgendwie fürchte ich mich auch ein wenig davor.

Wenn ich mich mit meinen Freunden darüber unterhalten will,
wie es mir geht,
winken sie ab
oder gähnen gelangweilt.

Es scheint sie nicht zu interessieren.

Oder haben sie selbst Angst vor diesen Gefühlen?

Ich frage:
„Wie geht es euch damit?“
Doch man prostet mir nur zu
und sagt:
„Ach, lass gut sein!“

Ich fühle mich von meinen Freunden allein gelassen.

Ich sterbe einen kleinen Tod.

Ich stelle mir vor,
ich habe mein Leben gelebt
und es währte eine lange Zeit.
Ein ehrwürdiges Alter habe ich erreicht.

Mit den Jahren bin ich gebrechlicher geworden.
Auch fällt mir dieses oder jenes oft nicht mehr ein
und manchmal finde ich mich auch nicht mehr allein zurecht.

Meine Kinder und Enkel sagen,
es wäre wohl für alle besser,
ich würde beizeiten in ein Heim ziehen.

Reden wollen sie mit mir nicht darüber,
sondern vorschreiben wollen sie mir,
was zu tun sei.

Es kommt mir manchmal so vor,
als sei ich für sie eine Fremde.

Sie behandeln mich wie jemanden,
den man nicht kennen möchte.

Ich sterbe einen kleinen Tod,
immer wenn sie so sind,
wenn sie von mir in der dritten Person sprechen,
obwohl ich doch neben ihnen sitze.

1000 kleine Tode des Alltags,
des Lebens.

Gestorben wird jeden Tag ein kleines Stück.

Gestorben wird dort,
wo gelogen wird.

Gestorben wird dort,
wo andere schlecht gemacht werden.

Gestorben wird dort,
wo – bildlich gesprochen –
ein funktionierender Familienkombi gegen einen schnellen Sportwagen eingetauscht wird.

Gestorben wird dort,
wo andere sich schlafen legen
oder schlafend stellen,
während mir meine Sorgen die Nächte zum Tag machen.

Gestorben wird dort,
wo einer meiner Nächsten so tut,
als kenne er mich nicht.

Oft sind wir es,
die sterben.

Aber wir sind auch oft genug diejenigen,
die andere diese Tode sterben lassen.

Oder nicht?

Wer von uns hat nicht schon gelogen,
andere schlecht gemacht,
um selber besser dazustehn,
Vertrauen zerstört aus Egoismus?

Wer von uns hat noch nie die Ohren eingeklappt,
um sich nicht mit unangenehmen Themen auseinander setzen zu müssen?

Wer hat sich noch nie von jemandem distanziert,
um bloß nicht das schlechte Gewissen aufkommen zu lassen?

Wer von uns ist ohne Sünde
und kann den ersten Stein werfen?

Nun noch einmal die Frage,
die im Hinterkopf geparkt wurde:

Können Sie sich,
kannst Du Dir vorstellen,
dass jemand stirbt,
damit aus so etwas Schlechtem etwas Gutes wird?

Dass jemand für den Feind stirbt,
für den,
der einen dieser 1000 kleinen Tode verursacht?

Ich kenne so jemanden.

Er starb nicht nur für die,
die er liebte,
sondern auch für die,
die ihm geschadet haben,
die Böses im Sinn geführt haben.

Er starb für den,
der ihn verraten hat,
und für die,
die ihn verspottet haben.

Er starb für die,
die ihn allein gelassen haben,
als er Angst hatte,
und für die,
die schliefen,
anstatt an seiner Seite zu sein,
als er ihren Beistand brauchte.

Er starb für die,
die ihm etwas angehangen haben,
die anderen gegenüber gelogen haben,
und er starb für den,
der solange an seiner Seite ging,
als die Sonne schien,
ihn aber,
als Sturm aufkam,
verleugnete,
so tat,
als kenne er ihn nicht.

Er starb sogar für die,
durch die er zu Tode kam,
die sein Leben beendeten.

Ja,
er starb nicht nur für seine Familie,
seine Freunde,
seine Liebsten,
er starb nicht nur für die,
die leiden
und selbst 1000 kleine Tode sterben,
sondern auch für jeden,
der andere diese kleinen Tode sterben lässt.

Für die Feinde des Lebens starb er,
sogar für den letzten Feind,
den,
den jeder zum Feind hat:
den Tod.

Sie,
Ihr werdet sicher schon wissen,
von wem ich rede.

Ich rede von Jesus Christus.

Er selbst hat sich nichts zu Schulden kommen lassen.
Hat nicht gelogen,
verraten,
noch sonst irgendetwas getan,
was jemand anderen einen dieser 1000 Tode hätte sterben lassen,
die jeden Tag an jedem Ort gestorben werden.

Ohne Sünde war er,
sagen wir,
wenn wir es mit biblischen Worten ausdrücken.
Oder:
Er war ein unschuldiges, unbeflecktes Lamm.

Und trotzdem hat er nicht den ersten Stein geworfen.

Durch sein Blut,
durch das,
was er erlitten hat
und durch seinen Tod am Kreuz
hat er uns erlöst von unseren Toden.

Den Toden,
die wir sterben,
und den Toden,
die wir verschulden.

Was heißt das?
Was bedeutet das?
Für Sie,
für Dich,
für mich,
erlöst sein von unseren Toden,
denen,
die wir sterben
und denen,
die wir selbst verursachen?

Wenn ich mir vor Augen führe,
wie Jesus unschuldig gelitten hat,
wie er all die 1000 kleinen Tode starb,
die ein Mensch den anderen sterben lässt,
damals wie heute,
wenn ich Jesu Weg nachgehe,
dann sehe ich,
wohin so ein Leben,
dem Böses und Schlechtes widerfährt,
führt:
zum Tod.

Aber der Tod soll nicht das letzte Wort haben.

So,
wie Christus den Tod überwunden hat,
so soll es mir auch gelingen.

Was ich zu leiden,
zu ertragen habe,
soll nicht ewig so weitergehen müssen.
Im Glauben an Christus soll ich die Kraft bekommen,
mich von Christus an die Hand nehmen zu lassen,
um nicht im Leid zu versinken.

Und:
In dem,
was Jesus durchgemacht hat,
sehe ich einen Spiegel,
der mir zeigt,
wie ich bin
und was es bedeutet,
wenn ich andere belüge,
verrate,
hintergehe,
sitzen lasse:
es bedeutet Tod.

Jemand stirbt,
wenn ich so handle.

In Jesu Passion wird mir klar,
wer ich bin:
nicht nur der,
der am Leben leidet,
sondern auch der,
der Leiden und Böses verursacht.

Ich bin der Feind.

Der Feind anderer Menschen
und der Feind Gottes,
denn Gott will nicht das Böse,
sondern das Gute.

Jesu Leidensweg zu betrachten,
und daran zu glauben,
was da geschehen ist,
erlöst mich vom eigenen Selbstbetrug.

Ich muss mir nicht vormachen,
ich hätte eine reine Weste,
sondern darf auch das Schlechte in mir sehen
und darauf vertrauen,
dass ich es mit Gottes Hilfe schaffe,
das Schlechte zu überwinden.

Zu sagen:
ja, ich bin nicht nur Opfer,
sondern auch Täter.

Darauf zu vertrauen:
Gott wird mir die Kraft schenken,
zu bereuen
und umzukehren
und dem andern die Hand zu reichen,
um um Vergebung zu bitten,
um mich auf den Weg der Versöhnung zu machen.

Wenn ich glaube,
was mit Christus geschehen ist,
dass er auferstanden ist,
das Böse,
den Tod überwunden hat,
dann schenkt mir Gott die Kraft,
in meinem Gegenüber eine Schwester,
einen Bruder zu sehen,
und sie und ihn lieb zu haben.

So wie es im ersten Kapitel, des ersten Petrusbriefes steht:

„Umgürtet die Lenden eures Gemüts,
seid nüchtern
und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade,
die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin,
denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet;
sondern wie der,
der euch berufen hat,
heilig ist,
sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.

Denn es steht geschrieben:
»Ihr sollt heilig sein,
denn ich bin heilig.«

Und da ihr den als Vater anruft,
der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk,
so führt euer Leben,
solange ihr hier in der Fremde weilt,
in Gottesfurcht;
denn ihr wisst,
dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid
von eurem nichtigen Wandel
nach der Väter Weise,
sondern mit dem teuren Blut Christi
als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

Er ist zwar zuvor ausersehen,
ehe der Welt Grund gelegt wurde,
aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,
die ihr durch ihn glaubt an Gott,
der ihn auferweckt hat von den Toten
und ihm die Herrlichkeit gegeben,
damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe,
so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen.

Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem,
sondern aus unvergänglichem Samen,
nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes,
das da bleibt.“

Jesus Christus,
selbst ganz ohne Sünde:

Gekreuzigt, gestorben und begraben:
für die,
die leiden,
wie für die,
die Leid verursachen,
für die Opfer und die Täter,
für die Freunde und die Feinde Gottes,
damit beide leben,
besser leben können,
Leben können wie neugeboren.

Fast unvorstellbar,
aber wahr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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