Glaubwürdig?!

Liebe Gemeinde,

als glaubwürdig bezeichnen wir einen Menschen, dessen Reden und Handeln übereinstimmt. Und die Vorwürfe und Verdächtigungen, mit denen sich der Gründervater der Gemeinde in Korinth, Paulus, konfrontiert sah, waren nicht von Pappe. Er würde mit dem Wort Gottes Geschäfte machen (2,7), sich selbst in den Mittelpunkt stellen (3,1), sei als Diener Gottes unfähig (3,5), arbeite mit List und Heimlichkeit und verfälsche Gottes Wort (4,2). Noch heute kann man in Vorträgen der Erwachsenenbildung hören, Paulus habe aus Jesus jemanden gemacht, der er in Wirklichkeit gar nicht war. Da sind wir dann schnell informiert, über wen wir uns in Zukunft nicht mehr informieren müssen. Ja, man verdächtigte ihn damals sogar, einen Teil der Kollekte für die notleidende Gemeinde in Jerusalem unterschlagen zu haben. Paulus stand in der Ecke, in der ihn seine Gegner haben wollten. Längst gab es in dieser bunten und vielfältigen Gemeinde in Korinth christliche Lehrer, wie einen gewissen Apollos, die ihr Klientel, ihre Zielgruppe, ihre Fans besser bedienen konnten, die von Mitgliederorientierung wesentlich mehr verstanden als Paulus. Nicht wenige hatten sich daher schon einmal in dessen Seelsorgebezirk umgemeinden lassen, um nicht länger mit diesem Paulus in einen Topf geworfen zu werden. Man möchte halt lieber zu den Guten, oder gleich zu den Besten gehören.

Glaubwürdigkeit ist ein Begriff, der zur Zeit auch bei uns Hochkonjunktur hat. Nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Politik. Dabei wird auf der einen Seite die Glaubwürdigkeitsspirale immer höher und höher gedreht. Kaum ist der alte Bundespräsident zurückgetreten und der neue präsentiert, finden schon Talkshows statt, in denen Joachim Gauck vorgebetet wird, was er alles schon Fragwürdiges gesagt hat und was er, sobald er im Amt ist, klarstellen und welcher Themen er sich in Zukunft dringend widmen müsse. Und dann ist da noch die Sache mit seinen ungeklärten Familienverhältnissen. Da hilft ihm nicht einmal das Glaubwürdigkeitsabzeichen in Gold, das in dieser Welt alle tragen, die sich z.B. für Gerechtigkeit und Freiheit in einem Unrechts- und Überwachungsstaat eingesetzt und dafür auch persönliche Nachteile in Kauf genommen haben.

Auf der anderen Seite wird die Messlatte für Glaubwürdigkeit im alltäglichen Leben so niedrig gehängt, dass kaum mehr einer darüber stolpern muss. Gefragt sind Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß, Zuverlässigkeit, Loyalität gegenüber denen, von denen man in irgendeiner Weise abhängig ist; lauter Sekundärtugenden, gegen die nichts zu sagen wäre, wenn sich die Frage nach dem rechten Tun nicht darin erschöpfen würde. Leider ist das aber oft so. Der Rest ist Privatsache. Und um gar nicht erst in Verlegenheit zu kommen in puncto Übereinstimmung des eigenen Redens und Handelns, lässt man das Reden und hält lieber brav den Mund. Dann kann einem auch keiner nachweisen, dass man meistens ziemlich schamlos andere nach Maßstäben beurteilt, denen man selbst gar nicht genügen kann und will. Der ewige Tanz um die Glaubwürdigkeit schadet nicht nur denen da oben, sondern uns allen. Die Spirale der Glaubwürdigkeit muss uns selbst irgendwann vom Sockel stürzen und mundtot machen.

Nun hätte Paulus freilich die Vorwürfe seiner Gegner Punkt für Punkt entkräften können. Er hätte sie wegen übler Nachrede und Beleidigung anzeigen können. Er hätte anführen können, dass er in dieser und jener Situation gar nicht anders hätte handeln können und dass alles zum Besten aller Beteiligten und deshalb auch christlich im Sinne einer höheren Moral gewesen wäre, als die 10 Gebote sie uns vorgeben. Er hätte schließlich darauf verweisen können, dass er der echte Apostel ist und seine Gegner nicht und dass hier zu gelten hat, dass der Ober den Unter sticht. Ende der Diskussion. Er hätte die Vorwürfe klein reden können, indem er seine überaus großen Erfolge ins Feld geführt hätte. Hierfür hätte er entsprechende Berichte aus den Medien zitieren können, sogar aus der Bibel. Er hätte schließlich, wenn all das nichts geholfen hätte, mit tränenerfülltem Dackelblick und erstickter Stimme sagen können: Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Keiner ist vollkommen. Aber ich bin doch euer lieber und guter Apostel Paulus.

All das bisher Geschilderte sind beliebte Spiele unsrer menschlichen Gesellschaft und werden auch in der Kirche und ihrer Diakonie gerne gespielt. Sie haben mit dem Glauben nicht das Geringste zu tun. Sie kreisen um den Menschen und seine eigene Glaubwürdigkeit. In diesen Tagen heißt die Frage: Welcher Mensch an der Spitze unsres Staates ist unsres Glaubens noch würdig?

Und in der Kirche lautet die Frage: Welcher Mensch an der Spitze unserer Gemeinde und unserer Kirche ist unsres Glaubens würdig, glaubwürdig eben? Paulus lässt sich auf diese Frage gar nicht ein. An seinen Freund Timotheus schreibt er freimütig, dass er früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war. Und dann wörtlich: „Aber das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.“ (1. Timotheus 1,13 ff) Paulus hat seine eigene Glaubwürdigkeit längst hinter sich, wie jeder andere Mensch auch, ob er das nun weiß oder nicht. Kein Mensch ist des Glaubens eines anderen Menschen würdig. Das ist Christus allein, der die Sünder selig macht.

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Wo immer Christus gepredigt wird, geht das Evangelium wie ein „fahrender Platzregen“ – so Martin Luther – über uns hinweg. Das ist die Chance unsere Herzen zum ihm zu bekehren und uns aus dem ewigen Wahlkampf dieser Welt um die eigene Glaubwürdigkeit zu verabschieden. Dass die Gegner des Paulus und auch wir immer wieder genau davon auch in der Kirche nicht lassen können, lässt Paulus die Frage stellen, die die Existenzberechtigung der Kirche überhaupt berührt. Denn eine Kirche, die den Wahlkampf dieser Welt um die Glaubwürdigkeit von Menschen einfach nur mit christlichen Wertvorstellungen führt und also nichts anderes ist als das Alte und Hergebrachte in christlicher Gestalt, ist eine Kirche, die keiner braucht. Sie verbreitet statt des Evangeliums den Terror der Tugend.

Paulus fragt deshalb angesichts der Zustände in Korinth die Mitarbeiter Gottes, als die er seine Gegner immer noch ansieht, ob sie die Gnade Gottes wohl vergeblich empfangen hätten. Ob der Platzregen des Evangeliums von Jesus Christus sie nicht wenigstens ein bisschen nass gemacht hätte, sondern an ihnen einfach so abgeperlt sei. Dieser Frage kann man nicht ausweichen: Steht ihr, die ihr meine Glaubwürdigkeit in Zweifel zieht, in der Gnade Gottes oder seid ihr immer noch Menschen von eigenen Gnaden. „Denn wenn der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos, ist das nicht nach Menschenweise geredet?“ (3,2) „Ihr gehört zu Christus, Christus aber zu Gott.“ (3,23) So gilt für Paulus: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20)

Und dann erzählt Paulus sein Leben als das eines Menschen, in dem Christus lebt. Es ist nichts für Leute, die auf Beschaulichkeit wertlegen. Aber wer will das schon immer? Paulus schildert ein Leben, wie eine Achterbahnfahrt. Dem Christenmenschen bleibt nichts Menschliches fremd. Die Kenner der Philosophie werden in der Aufzählung des Paulus die Sprachmelodie der Stoiker hören, die durch Dick und Dünn mit der berühmten stoischen Gelassenheit navigieren und ein so dickes Fell haben, dass nichts ihren innersten Kern erschüttern kann. Vom Christenleben gilt etwas anderes: Es macht sogar glücklich und es tut sogar weh.

Und das hat seinen einfachen Grund darin, dass das Christenleben Anteil bekommt an der Geschichte des Christus. Oder sagen wir es umgekehrt: Das hat seinen einfachen Grund darin, dass die Geschichte des Christus Anteil an unsrem Leben gewinnt – bis sie es ganz ausfüllt und nach Hause bringt. Dem Christus bleibt nichts an uns fremd. Und woran sehen wir das deutlicher, als an der Geschichte seines Leidens und Sterbens. Wer so mit uns geht, durch Himmel und Hölle, der – und nur der allein – ist unsres Glaubens würdig.

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