Post von Paulus oder die Frage nach der Systemstabilisierung!

Gerade noch morgens, so gegen 11 Uhr, manchmal gegen 11.30 Uhr, aber meist vor dem Mittagessen, kommt mein Briefträger. Die Leute nennen ihn Knox und wenn wir die Gelegenheit haben, dann wechseln wir ein paar Worte. Knox ist ein lieber Kerl, aber nicht immer gefällt mir, was er da mitbringt. Er kann nichts dafür und verteilt darum pflichtbewusst Werbung und kostenlose Postwurfsendungen an die „Bewohner in der Annastrasse“ die mir und meiner Familie horrende Geldbeträge versprechen und nerven. Rechnungen und Briefe mit dem Absender der Stadt Fulda verheißen nichts Gutes, aber am schlimmsten ist es, auf einen Brief, eine Nachricht zu warten – und dieser Brief kommt dann nicht.

Und dann können schon mal eine Woche oder sogar zwei vergehen und nichts passiert. Jeden Tag aufs Neue der Weg zum Briefkasten und dann doch wieder nur Rechnungen, leere Versprechungen und ab und an ein Knöllchen. Knox, der Briefträger kann nichts dafür, aber er spürt womöglich die Enttäuschung, zumindest kennt er den Frust, der sich schnell einstellt, wenn der erhoffte Brief schließlich kommt, aber dann inhaltlich nicht das hält, was man sich davon versprochen hat.

Eine ähnlich herbe Enttäuschung müssen die Empfänger in Korinth erlebt haben. Da haben sie nun schon lange auf einen Brief ihres Gründers gewartet, der kommt aber nicht. Enttäuschung macht sich breit und schließlich kommt doch noch ein Brief. Aber der ist gar nicht nett, sondern voller Mahnungen und Warnungen!

Tja, es scheint ganz so, als ginge es im Christentum nicht ohne! Ich erinnere mich an keinen Paulusbrief der letzten Wochen, in dem nicht gemahnt, gewarnt und verdammt worden wäre. Und auch in Korinth braucht es ein Machtwort. Immerhin geht es ja hier um die Freiheit eines Christenmenschen, die in Korinth allerdings so ungeniert missbraucht wird, dass es ein Machtwort dringend nötig hatte.
Ein Machtwort, das es in sich hat überbringt der Brief und Paulus stellt damit klar, wie er das eigentlich sieht mit der Nachfolge Christi und was die Korinther nicht daraus gemacht haben. Aber hören wir selbst:

[Text]

Nun, an Beispielen, in denen Führung und Orientierung nötig ist, gerade auch in unserer Zeit, mangelt es ja nicht. Sie schlagen die Zeitung auf und erkennen auf den ersten Seiten, wo auf der Welt überall Not ist an guten Ratschlägen, an wirkungsvollen Machtworten und wirkmächtigen Ermahnungen! Leider werden diese viel zu selten gesprochen, denn auch wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist (Syrien) oder bald in den Brunnen fallen wird (Iran) – in Ermangelung eines augenscheinlich dazu nötigen und noch dazu unbefleckten Kandidaten, der ein solches Machtwort sprechen darf, wird es vertagt, verschoben, abgeschmettert. Ach ja, wenn die Welt so einfach wäre, dass immer nur der Unbescholtene oder der mit der weißen Weste die Stimme erheben dürfte, dann wären unsere Sitzungen schneller rum, als eine Folge von Gute Zeiten, schlechte Zeiten dauert. Paulus auf jeden Fall ist nicht unbescholten und auch was sein Leben vor dem Amt angeht, war er, wie aus verlässlichen Quellen berichtet wird, kein Kind von Traurigkeit!

Hat er darum kein Recht, von sich aus auf die Notwendigkeiten in der Nachfolge hinzuweisen, weil er ein Vorleben hat, das ihn in den Augen der anderen disqualifiziert hat? Das wäre dämlich, denn dann wäre das Christentum in seiner Grundforderung nach Umkehr ziemlich überflüssig. Der Gesunde bedarf nicht des Arztes, heißt es, wohl aber der Kranke.

Nun denn, Paulus schert sich nicht allzu sehr um solche gesellschaftspolitischen Überlegungen. Und auch wenn er weiß, dass er auf ziemlich verlorenem Posten argumentiert, er tut’s trotzdem. In den Augen des Apostels reicht es nämlich nicht aus, zu den Schönwetterchristen zu gehören, die sich zwar Christen nennen, aber ihre Inhalte bis zur Unkenntlichkeit aufgeben, damit sie besser im Strom mit schwimmen können. In Korinth wollte man auf nichts verzichten: Nicht auf die Huren am Tempel der Aphrodite, nicht auf das Heiligtum des Poseidon, nicht auf die Vielgötterei und schon gar nicht wollte man das eigene Wohlergehen aus dem Blick verlieren (Vgl. Dr. M. Hohmann in: GPM IV. Reihe, 1994, Heft 2, S. 119).

Und das Ende vom Lied: Auf so eine Party ist unser Paulus natürlich nicht eingeladen, denn das was er da sagt, gehört doch wohl eher zum Sprachschatz eines Spielverderbers. Wer bitteschön möchte denn etwas über Angst, Not und Trübsal hören, wenn gerade eine Orgie am Tempel der Aphrodite steigen soll. Und wer bitteschön will denn etwas von der Armut der anderen zu hören bekommen, wenn er gerade im Begriff ist weiter zu essen, auch wenn er eigentlich schon satt ist?

Ach Paulus! Wir haben uns hier so schön eingerichtet mit diesem Christus, aber die anderen Götter haben auch schöne und verlockende Töchter. Sei doch einfach nett und lieb, misch dich nicht weiter ein und lass uns hier unser Ding machen. Und solltest du das nicht können, dann beweis uns doch erst mal, wie du überhaupt dazu kommst, uns hier den Moralapostel zu geben.

Liebe Gemeinde! Manchmal ist das Leben wirklich traurig und ungerecht. Die, die nicht nachdenken wollen und lieber Besitzstandswahrung betreiben, holen verbal aus und fordern Dinge ein, die sie selber gar nicht erfüllen können. Das nennt man dann systemstabilisierend, aber auch diese Haltung geht wieder am Kern der an uns gerichteten Botschaft vorbei. Wer die Hand an den Pflug legt und zieht zurück … Sie wissen schon.

Das Problem, das hier in dieser Auseinandersetzung deutlich wird, liegt für mich in der Art und Weise, wie in Korinth über Gott gedacht wird. Wo ist er denn? Warum warten wir überhaupt noch auf den? Wieso ist er so unwirksam? Im Sport nennt man sowas den Ermüdungsbruch. Noch dazu kann man diese Fragen eins zu eins rüber retten in unsere Kirche. Auch in unseren Breiten wird Gott ja bisweilen Potenzlosigkeit vorgeworfen.

Wie gelingt es denn jetzt, all diese konkurrierenden Ansichten zusammenzubringen? Hier Paulus, der sagt, seht euch als die, die nichts haben und doch alles haben. Dort die Korinther, die sich irgendwie vertröstet haben und sich in ihrem Pantheon ganz gut eingerichtet haben.

Was eint nun in der Verschiedenheit? Paulus zieht sich nur scheinbar zurück auf die Bedeutung des gekreuzigten Christus. Denn in der Ambivalenz von Tod und Auferstehung, von Leid und Trost, von Glück und Trauer bietet er so doch eine Plattform an, die es schafft, alle scheinbar widerstrebenden Tendenzen zu versammeln.

Lange Rede, kurzer Sinn: Eine Gemeinde kann viel an unterschiedlichen Tendenzen aushalten. Nicht nur verschiedene Lebensformen, homosexuelle Pfarrer und geschiedene Amtsträger im Pfarrhaus, sondern auch extra fromme Bibeltreue und suchende Konfirmanden. All das sind unterschiedliche Äußerungen im Glauben und des Glaubens. Alles gut, solange der gemeinsame Grund dabei nicht verlassen wird. Es kann nicht darum gehen, einem libertären „alles-kann-nichts-muss-Gedanken“ das Wort zu reden! Paulus tut dies auch nicht. Er versammelt die verschiedenen Parteien in dem Blick auf den Gekreuzigten. Der ist da nämlich systemstabilisierend, weil er Orientierung, Halt und Kraft anbietet und nicht, weil er so beliebig austauschbar wäre oder so furchtbar streng, das eine gegen das andere auszuspielen!

Liebe Gemeinde, das Christentum war noch nie eine ausgesprochene Wohlfühlreligion, die uns unter falschen Versprechungen in diese Kirche lockt. Es war von Anfang an klar, was es heißt, diesem Gott anzuhängen, denn in allem erweisen wir uns ja als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsal, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Ehrlichkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in der Wahrheit, in der Kraft Gottes, in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als die Unbekannten; als die Sterbenden, als die Traurigen, als die Armen, die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

Liebe Gemeinde! Ungeachtet aller Verschiedenheiten und aller verführerischen Angebote, die ein süßes Leben oder das scheinbare Fernbleiben Gottes versprechen mag, schildert Paulus die Nachfolge. Die Mitte ist Christus und wenn wir nach der Glaubwürdigkeit unseres Glaubens und Gottes gefragt werden, ist es gut, aus unserem Glaubensleben zu erzählen. Da ist nämlich alle Verschiedenheit schon versammelt und durchlebt.

Als „die, die nichts haben und doch alles haben“, stehen wir den Ausschweifungen in Korinth, und in unseren Zeiten, ja naturgemäß skeptisch gegenüber – Parallelen zum Beginn der Fastenzeit sind dabei nicht zufällig. In der Passionszeit verzichten viele Menschen ja auf etwas, das nicht lebensnotwendig ist. Dahinter steht die Sehnsucht, sich auf das zu besinnen, was wesentlich ist. Am Ende gilt, dass die in der Nachfolge Jesu die sind, die außerhalb aller Verlockungen einen Grund haben. Wir vertrauen ja doch darauf, dass es ein Ziel, das es Orientierung für uns gibt. Paulus hat das längst erkannt und weiß: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade. Siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

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