Es ist an der Zeit

Liebe Anwesenden!

Ich habe Sie und euch zwar alle schon begrüßt, aber ich will das gerne noch einmal von hier aus machen: ich freue mich sehr, dass sie und ihr alle hier seid. Dabei ist mir natürlich bewusst, dass nicht alle aus den gleichen Gründen hier sitzen. Sicher sind manche hier, weil sie lange nicht da waren oder irgendwie kommen müssen oder vielleicht sind Menschen ganz zufällig hier hineingeraten. Wie dem auch sei: Sie sind hier und ich unterstelle, dass dies so ist, weil alle die hier sitzen mehr oder weniger etwas anfangen können mit Gott und dem Glauben an ihn. Wie auch immer: ich freue mich sehr, dass ihr hier seid!

Ich stelle meine Freude so sehr in den Vordergrund, weil der heutige Predigttext mich dazu nötigt ein ernstes Wort unter die Gemeinde des Herrn zu bringen. Der Herr ist zornig, dass konnte man in der Schriftlesung hören. Er ist zornig, weil nicht alle seiner Einladung gefolgt sind.

Sie sind aber hier und somit offensichtlich der Einladung gefolgt und dafür, dass Sie und ihr euch hier versammelt haben gibt’s jetzt auch noch einen drüber. Dafür entschuldige ich mich jetzt schon mal, denn eigentlich geht der Text ja an die, die nicht hier sind. Die nicht gekommen sind, aber so ist das Leben manchmal – und auch mein Dekan hat mir das schon einmal bestätigt – das Leben ist bisweilen einfach ungerecht.

Dabei ist so eine Einladung doch etwas sehr nettes. Jesus erzählt davon, wie ein Mensch, ob dieser reich oder arm ist wird nicht näher beschrieben, andere Menschen zu sich einlädt und die Eingeladenen nach und nach seine freundliche Einladung ablehnen.
Die vielen absagen machen den Herren zornig – und wohl auch traurig.

Liebe Anwesenden,
wie geht es ihnen, wie geht es euch, wenn Sie, ihr, zu einer Geburtstagsparty, zu einem Fest, zu einem geselligen Abend eingeladen haben. Sie freuen sich sehr und haben alles vorbereitet. Der große Tag kommt näher und dann klingelt das Telefon.

Ein Gast teilt ihnen mit, dass er es heute leider nicht mehr schafft. Natürlich reagiert man in so einer Situation verständnisvoll und wiegelt ab. „Ist schon in Ordnung, klar verstehe ich das. Wenn die Nationalmannschaft spielt muss man eben zu Hause bleiben.”

Ich wette: Sobald der Hörer die Gabel berührt oder sie das Telefon ausmachen wird ein nicht so angenehmes Gefühl in ihnen aufsteigen. Das kann man sicher weg stecken, aber dann klingelt das Telefon wieder. „Ach so… Rasenmähen, ja, verstehe. Nein schon gut – bis bald.“

Dabei bleibt es aber nicht. Nach und nach sagen immer mehr Gäste ab. Schließlich gehen Ihnen die ernst gemeinten wohlmeinenden Worte aus und am Ende werden Sie, werdet ihr, sauer sein.

Wenn Sie dann noch ganz viel Kraft aufbringt, dann werden Sie vielleicht noch fragen, warum die Menschen alle abgesagt haben. Vielleicht weil Sie gedacht haben, dass später ja auch noch Zeit ist. Vielleicht haben ihre Gäste gedacht, dass es ja nicht so eilig ist.

Liebe Anwesenden,
mir gehen mehrere Fragen durch den Kopf. Eine lautet: Warum verschiebt der Gastgeber sein Fest nicht und warum glauben die geladenen Gäste, dass es auch noch später Zeit hat, dass Fest zu besuchen?

Warum verschiebt der Gastgeber sein Fest nicht einfach? Wenn so viele Menschen nicht kommen, dann läge es doch nahe, einen anderen Tag für die Feier zu finden.

Der einladende Mensch denkt aber ganz anders. Heute ist der Tag und heute wird gefeiert. Er schickt seinen Knecht wieder los und lässt andere Menschen einladen. Dabei handelt es sich nun nicht mehr um einen erlesenen Kreis: Plötzlich sind die Zaungäste eingeladenen. Randfiguren, Menschen, die im Leben zu kurz gekommen sind.

Der Gastgeber aus der Geschichte lädt nach der Ablehnung eben andere ein, die ursprünglich nicht auf der Gästeliste standen, – und was für Leute!!! – sie gehören nicht zum Durchschnitt der Gesellschaft – sie sind irgendwie anders – Arme, Verkrüppelte, Blinde und Lahme werden hier genannt – das waren damals die, die sozial nicht abgesichert waren, die nicht so ganz dazugehörten, denen man höchstens mit einer milden Gabe entgegenkam. Es waren also solche, die man nicht unbedingt in sein Haus einlädt, schon gar nicht zu seinem Fest. Es waren wohl solche, die heute vielleicht der Schrecken jeder Polizei sind und den Sicherheitsbedürfnissen jedes Staates entgegenstehen und sich über facebook verabreden und ganze Vorstädte in Atem halten.

Warum tut der Gastgeber so etwas? Wieso unterwirft er sich nicht dem gesellschaftlichen Zwang und verschiebt seine Feier? Wieso besteht er auf diesem Tag. Wieso steht das Fest im Vordergrund und nicht die Gäste. Denn anscheinend ist es ja egal, wer teilnimmt. Hauptsache ist, dass überhaupt jemand Teil nimmt.

Die Geschichte von dem einladenden Menschen ist natürlich eine Geschichte, die eine Sache ganz stark machen will: Es geht um das „Jetzt!“. Es gibt für den einladenden kein „Später!“

Damit zielt Lukas, der uns diese Geschichte überliefert hat, auf eine weit verbreitete Vorstellung, nämlich die, dass unser Glaube eine Zukunfthoffnung ist. Ist er natürlich auch, aber viel mehr noch ist er erst recht das Wissen um eine erfüllte Gegenwart. Das Wissen um eine erfüllte Gegenwart in Jesus.

Eine Frage sollte die Eingeladenen beschäftigen, was zählt mehr, ein seliges Irgendwann oder ein gewährtes und bewusstes Heute? Jesus liefert die Antwort in Form des Gleichnisses: Heute! Denn später ist es zu spät! Das ist die ursprüngliche Frage und die Antwort darauf.

Liebe Anwesenden,
die Antworten derer die nicht auf die Party gehen wollen, ist womöglich so entstanden, dass man sich eben sicher war, dass das Gottesreich eine zukünftige Angelegenheit ist. Vielleicht sagte man, dass der Himmel einmal auf Erden sein würde. Das wäre dann zu der Zukunft auch noch ein Konjunktiv. Oder: Der Tag des Herrn wird kommen.

Wie auch immer – solche Sätze drücken sich in die Zukunft aus. Nicht in die Gegenwart und genau hier muss die Rückfrage ansetzen.

Wieso glauben manche, dass sich der Himmel und die Erde erst noch vereinigen werden? Warum in die Ferne schweifen wenn das Gute liegt so nah?

Duftet denn der Braten auf dem Fest nicht gut genug oder ist er gar schon kalt? Oder wieso schaut man bei der Erwartung des Heils immer nur in die noch vor einem liegende Zeit? Ich gebe zu, dass der Blick in die Zukunft etwas tröstliches hat, weil die Wellt so ist wie sie ist, aber letztlich führt diese Betrachtungsweise fort vom Heute und damit fort von der Einladung, die heute gilt.

Das Reich Gottes ist da, wo heute die Botschaft Jesu gelebt wird. Vergeben, lieben, verzeihen, einander annehmen, versuchen, verantwortungsvoll mit der Welt und den Lebewesen darin umzugehen.

Das Reich Gottes heute heißt, dass der Braten auf dem Buffet noch heiß ist und verführerisch duftet. Sicher ist Ihnen und euch ein Stövchen bekannt. In der kleinen Version stellt man eine Kanne darauf und ein kleines Teelichtchen hält den Inhalt heiß. In der Gastronomie gibt es die große Version: Brennpaste hält dort das Essen heiß.

Wenn der Braten also schon kalt ist und niemand ihn mehr probieren will, dann gilt es, möglichst schnell wieder den Ofen an zu heizen oder Brennpaste zu besorgen, damit das Feuer das Essen wieder warm macht. Mitten auf dem Tisch, der das Reich Gottes darstellt, steht das Essen, der Braten. Und an dieser Tafel ist Platz. An dieser Tafel ist genug Platz für alle. Selbst die Nachrücker sind nicht genug. Es ist noch Raum da!

Es ist mehr als deutlich: Wer einmal vom Ruf Gottes erreicht worden ist, der kann sich nicht mehr unwissend bei den Rufen der Welt aufhalten. Er muss der Einladung folgen, sonst schließt er sich selber aus.

Freundlicher ausgedrückt heißt das:

Jesus sagt nicht: Es hat noch Zeit.

Jesus sagt: Es ist an der Zeit!

drucken