Das Mindesthaltbarkeitsdatum eines guten Rates

Liebe Freundinnen und Freunde in Christus, liebe Festgemeinde,

wo kommt uns Orientierung her? Ganz egal ob in schweren oder in guten Zeiten – wer oder was zeigt uns den rechten Weg, woran können wir uns orientieren?

Dieses Problem und diese Frage ist anscheinend nicht neu, denn es gibt zahlreiche Ratgeber, die uns sagen wollen wo es lang geht. Sei es, dass uns ein sehr berühmter Ratgeber einfach empfiehlt, sorge dich nicht lebe, oder ein anderes Buch uns eine Fit for fun Diät empfiehlt. Der Ratgeber sind es viele.

Nicht jeder mag sich von den erwähnten Titeln angesprochen fühlen. Es gibt auch Bücher, die von dem Grundsatz ausgehen, dass die Leber mit ihren Aufgaben wächst oder einfach nur die Behauptung aufstellen, ein Mann ein Buch.

Der Ratgeber sind es viele und die Bestsellerlisten der Buchverlage sind voll mit ganz aktuellen Büchern die uns Orientierung in jeder Phase des Lebens anbieten wollen. Ganz egal ob es dabei um die Geburt eines Kindes geht (frisch gepresst) oder um die Sinnfrage im Alter (wer bin ich und wenn ja wie viele).

Die Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang stellt, ist die nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum dieser Ratgeber. Wenn so ein Buch in den Feuilletons der Nation besprochen ist, wenn alle literarischen Quartette das Buch und den Autoren gewürdigt oder enthauptet haben, dann sind diese Bücher Geschichte oder haben einen Makel an sich, der so schnell nicht wieder weg zu kriegen ist. Dabei sollten manche Bücher nach einer solchen Behandlung auch wirklich in der Versenkung verschwinden, aber das ist eine andere Frage. Wie auch immer. Woher kommt mir Hilfe? Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. So lautet die Frage angesichts unserer Realität.

Liebe Gemeinde,
wir leben in einer unruhigen Zeit, vielleicht auch in einer Zeit der Unübersichtlichkeit wie der Philosoph Habermas unsere Epoche bezeichnet. Die vielen Ratgeber in den Buchhandlungen und die vielen Supernannies und Schuldenberater in den verschiedenen Sendungen geben auch ein Zeugnis davon.

Es scheint als seien wir, die in dieser Zeit leben und wirken, Beratungsjunkies. Ohne Netz und doppelten Boden will niemand sein. Sicher ist diese Aussage kein schlechter Ansatz. Man will ja das richtige tun. Aber warum immer neuen Ratgebern folgen, warum sich nicht mal auf das Alte besinnen?

Woher kommt mir Hilfe? Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Sie brauchen den Blick gar nicht so weit zu erheben. Wenn Sie ihre Häupter nur nicht hängen lassen, dann können Sie, könnt ihr schon von weitem sehen, wo Hilfe wohnen kann.

Der Predigttext des heutigen Tages ermuntert uns, unseren Kopf aufrecht zu tragen. Angesichts der uns umgebenden Wirklichkeit ist das sicher nicht immer leicht. Global betrachtet lastet die Finanzkrise auf uns und damit die Unsicherheit, wie es finanziell mit uns allen weiter geht weil eventuell Arbeitsplätze bedroht sind. Oder weil für jeden spürbar Waren entweder zu billig werden oder so teuer, dass sie nicht mehr zu bezahlen sind.

Aber auch in der Welt vor der eigenen Haustür scheint nicht immer die Sonne. Eine jede und ein jeder von uns vermag diesen Satz für sich mit eigenen Erfahrungen zu füllen – die Aussage bleibt bestehen, es ist nicht immer leicht den Kopf aufrecht zu halten.

Allerdings beharrt der Predigttext darauf, dieses zu tun. Es mag an der Zeit liegen in der wir uns befinden, das Evangelium kommt überaus zuversichtlich daher und geht davon aus, dass uns der Retter entgegenkommt.

Nun, liebe Gemeinde, bevor wir dem Verfasser der alttestamentlichen Frage folgen und die Augen zu den Bergen aufheben, möchte ich unsere Blicke doch erstmal hier auf der Erde haften lassen. Wann immer Sie im Auto, im Bus, mit dem Rad oder zu Fuß den Weg von Günthers nach Neuswarts hinauffahren ist das erste, was Ihnen und euch von diesem Dorf ins Blickfeld kommt, der Kirchturm mit der Uhr. Erst mit weiteren Metern öffnet sich der Horizont Stück für Stück und gibt den Blick frei auf das ganze Dorf.

Das allererste das in den Blick kommt ist diese Kirche. Sie bietet also eine gewisse Orientierung in der doch recht überschaubaren Skyline von Neuswarts, denn der Kirchturm ist das höchste Gebäude.

Wenn man den Kirchturm sieht ist Neuswarts nicht mehr fern. Aber die Kirche kündet nicht nur davon, dass Neuswarts nicht mehr fern ist. Sie kündet auch davon, dass es hier Menschen geben muss, die im Glauben leben und sich – in ruhigen oder unruhigen Zeiten – diesem Ort versammeln.

Die Menschen kommen hier zusammen und loben Gott, danken ihm, stellen ihm Fragen, unbequeme oder angenehme; Menschen kommen hier zusammen, um sich den Segen Gottes für einen gemeinsamen Weg zusagen zu lassen, Menschen kommen hier zusammen, um ihre Kinder zu taufen und wir nehmen in dieser Kirche Abschied von einander.

Diese Kirche ist ein zentraler Ort. Ein Ort der Orientierung, ein Ort der Zuflucht gewährt und Unterschlupf bieten will und kann. Die Kirche, im doppelten Sinn des Wortes, das Gebäude und die Gemeinde, ist darüber hinaus ein Begleiter auf dem je zu gehenden Weg. Zumindest bietet sie sich an, mit Rat und Tat zu helfen.

Es scheint ein Ausdruck von Qualität zu sein, wenn ein Buch es auf eine gelungene Weise versteht, einen Rat zu geben.

Und auch die Verweildauer an der Spitze der Verkaufslisten ist vielleicht so etwas wie ein Gütezeichen des Buches.

Ein Beispiel aus der Neuzeit soll helfen zu verstehen. Das Buch Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling hat es nach seinem Erscheinen im Jahre 2006 fast zwei Jahre an der Spitze der Buchcharts ausgehalten.

Nach menschlichem Ermessen ist das ein großer Erfolg. Es spricht sicher auch für die Qualität des Buches, dass so viele es lesen wollten.

Mit menschlichen Maßstäben gemessen muss es ein Ausdruck von Qualität sein, wenn eine Christengemeinde an einem Ort schon seit 700 Jahren besteht.

Generationen von Menschen sind in dieser Kirche gesessen. Egal ob katholisch oder evangelisch. Seit 700 Jahren haben sich Menschen an diesem Ort versammelt um Hilfe und Trost zu erfahren, oder um ein freudiges Ereignis mit anderen zu feiern. Diese Kirche ist reich an Erfahrungen, wenn sie auch erst knapp 230 Jahre alt ist. Die Christengemeinde, aus der sie hervorgegangen ist, ist weitaus älter und gibt für sich selbst Zeugnis von dem Einen, der da kommt.

Wen wundert es da, dass dieser Herr auch mit dem Beinamen Geist des Rates und der Erkenntnis benannt wird? Ein guter Rat, wir haben es schon gehört und erlebt, spricht immer für sich selbst. Und diese Christengemeinde und mit ihr alle Gemeinden auf der ganzen Welt, ob klein oder groß, alt oder jung, ob im Township oder in Kalkutta – sind ein Beleg dafür, dass die Bibel ein guter Ratgeber ist.

Vielmehr noch, sie ist nicht nur Ratgeber, sondern auch Hoffnungsmacher. Die Texte, Briefe und Psalmen aus der Bibel sind Zeugnisse eines Weges mit Gott. Sie berichten uns vom Bund Gottes mit den Menschen und mit den damit verbundenen Hoffnungen der Menschen.

Woher kommt mir Hilfe? lautete die Frage des Psalmbeters am Anfang. Die passende Antwort an dieser Stelle lautet demnach, abseits von allen anderen Ratgebern dieser Welt, meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

Menschen die darum wissen haben einen guten Rat parat, den sie weiter geben können, wenn sie denn einmal danach gefragt werden. Dabei will ich nicht behaupten, dass Christen weniger Unbill, Leid, Krankheiten oder Ärger in ihrem Leben erfahren müssen als andere. Dem ist nicht so. Aber wir Christen haben einen Gott, der sich uns nähert. Der Advent bereitet uns auf die Ankunft des Herrn vor. Gott kommt zu uns. Er wird Mensch und ist uns als Bruder ganz nah.

Nein, wir Christen sind sicher nicht immun gegen das Leid in der Welt, aber wir kennen einen, der uns beistehen will. Das habe ich aus diesem Buch und es sagt uns noch mehr:

Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht, heißt es im Lukasevangelium. Dieser Vers gibt uns Orientierung in schwierigen und glücklichen Zeiten. Dieser Vers ist ein Wegweiser, der sein Mindesthaltbarkeitsdatum niemals überschreitet. Er ist Teil der Zusage Gottes an uns, der uns ganz nahe kommt. Erzählen Sie den Menschen draußen davon, denn guter Rat ist teuer. Egal ob vor 700 Jahren oder heute.

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