Gottesdienst endet nicht mit dem Orgelnachspiel

„Selbsternannter Prophet sprengt Gottesdienst in Rottorf
Königslutter – Nachdem er den Sonntagsgottesdienst empfindlich gestört hatte, wurde am Wochenende in Rottorf ein 42-jähriger Mann von der Polizei festgenommen. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob gegen den Mann ein Ermittlungsverfahren wegen Hausfriedensbruch und Störung einer religiö­sen Feier eingeleitet wird.
Pfarrer Sebastian Maurer hatte gerade seine Predigt begonnen, als der Mann das Kirchgebäude betrat und laut zu schimpfen begann. Er behauptete Gott selbst habe zu ihm gesprochen und beschimpfte den Pastor uns seine Gemeinde als Bande von scheinheiligen Heuchlern. Das Leben der sog. Gläubigen habe nichts mit dem Wort Gottes gemein, so der Störer. Weiterhin machte er sich über Lieder und Orgelspiel lustig und äffte Gebete und gottesdienstliche Gesänge nach. Ver­suche seitens des Pastors und beherzter Gottesdienst­besucher den Mann zu beruhigen schlugen fehl. Die herbeigerufene Polizei führte den Mann schließlich aus der Kirche und brachte ihn zur Dienst­stelle nach Königslutter. Nach Behördenangaben soll es sich im einen 42-jährigen Mann aus Rumänien han­deln, der aber bereits seit vielen Jahren in Deutschland lebt.“

Natürlich hat diese Zeitungsmeldung keinen echten Hintergrund – jedenfalls bis jetzt nicht. Aber wäre das wirklich so passiert oder würde es jetzt wirklich so passieren, kann man alles mögliche darüber sagen, aber nicht, dass es ein langweiliger Gottesdienst ge­wesen wäre.

Diese Zeitungsente hat aber tatsächlich einen ernsten Hintergrund. Vor rund 2800 Jahren hat ein Mann tatsächlich einen solchen Auftritt hingelegt. Es war nicht in einer Kirche, denn die gab es damals noch gar nicht. Es war im Tempel von Bet-El. Das lag nördlich von Jerusalem. Dort befand sich ein großer Tempel. Das war der Haupttempel eines mittelgroßen Königreichs im Norden des heutigen Israels. Und dieses Reich hieß auch Israel. Es war der erste Staat der Geschichte, der diesen Namen trug. Etwas südlich davon gab es noch einen Staat namens Juda. Dessen Hauptstadt war Jerusalem und auch dort gab es einen Tempel.
Der Mann, der in Bet-El den Tempel gestürmt und die Menschen beschimpft hat, war auch ein eher zwielich­tiger Ausländer. Ein Mann namens Amos, der als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter in Juda gearbeitet hat und einige Jahre in Israel gelebt hat. Er hat seine Stimme aber nicht nur einmal erhoben. Er war ein großer Kritiker der israelitischen Geistlichkeit und der Oberschicht. Seine Worte haben die Zeiten über­dauert. Amos – einer der Propheten des alten Testaments. Und gesagt hat er folgendes:

[TEXT]

Das entspricht ungefähr den Vorwürfen unseres rumä­nischen Kirchenkritikers aus der fingierten Zeitungs­meldung.
Und es Vorwürfe, die unangenehm sind und verletzen. Sie stellen unsere Gottesdienste in Frage. Stellen in Frage, ob das was wir hier tun grundsätzlich richtig und sinnvoll ist. Es bedeutet nämlich, dass unsere Gottesdienste inhaltsleer sind und keine Bedeutung haben. Dass sie zu leeren Ritualen verkommen sind.

Und auch wenn Amos ein Prophet des Alten Testaments ist und seine Worte damit Teil der Bibel, der Heiligen Schrift, sind, möchte ich ihm doch recht energisch widersprechen. Genauso wie ich auch dem erfundenen Kirchen- und Gottesdienstkritiker aus der Zeitungsmeldung widersprechen würde:
„Nein, ihr lieben. Weder sind wir scheinheilige Heuchler noch gibt es einen Grund unsere Versamm­lungen zu verachten und unsere Lieder als Geplärr zu bezeichnen. Wir feiern hier Gottesdienst und wir tun das aus Überzeugung. Ich jedenfalls bin hier, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es richtig ist. Ihr zwei, meint etwas zu wissen, aber ihr kennt uns nicht wirklich und in unsere Herzen könnt ihr nicht hinsehen. Das kann allein Gott und es ist allein an ihm darüber zu urteilen.“

Wir sollten uns unsere Gottesdienste nicht madig machen lassen. Es wird immer Menschen geben, die finden das, was wir tun unmodern und nicht mehr zeitgemäß. Es wird immer Menschen geben, die finden Gottesdienste langweilig oder fragen, ob wir das denn wirklich alles glauben würden. Davon sollten wir uns nicht irre machen lassen.
Wer so redet oder fragt, hat einige entscheidende Aspekte des Lebens und vor allem des Glaubens nicht verstanden. Ein Gottesdienst wird immer ein bisschen unzeitgemäß sein, denn im Gottesdienst wird etwas gefeiert, was auf der einen Seite immer modern ist aber auf der anderen eben zeitlos und vor allem nicht von dieser Welt. Hier geht es um Gott und um unseren Glauben und beides hat eine Bedeutung im Hier und Jetzt und ist doch nicht von dieser Welt. Wir spannen hier einen Bogen in Gottes Ewigkeit.
Und wer einen Gottesdienst langweilig findet, der hat nicht verstanden, dass ein Gottesdienst keine Unter­haltungssendung à la „Wetten dass…?“ oder „Deutschland sucht des Superstar“ ist.
Lassen wir uns unsere Gottesdienste nicht madig machen. Wir feiern hier ganz selbstbewusst Gottes­dienst miteinander mit aller Ernsthaftigkeit und aller Freude und Fröhlichkeit, die eben dazugehört. Und wer nicht mitmachen will, hat eben Pech gehabt.

Aber!
Jetzt kommt noch ein Aber: So ganz abperlen lassen kann ich die Kritik nicht. Nicht die von Amos und nicht die aus der falschen Zeitungsmeldung – ist ja eh die gleiche Richtung.
Denn natürlich müssen wir uns immer selbst fragen, ob unsere Gottesdienst noch etwas mit unserem Leben zu tun haben. D.h. eigentlich müssen wir nämlich andersherum fragen, ob unser Leben/unser Alltag noch etwas mit dem Gottesdienst zu tun hat. Leben wir so, wie es tun müssten, wenn wir unseren Glauben ernst nähmen. Oder vielleicht noch etwas schärfer gefragt: Leben wir wirklich nach Gottes Gebot und Verheißung?

Die ehrliche Antwort dürfte bei den meisten ein entschiedenes Jein sein. Wir alle haben bestimmt Momente oder Zeiten im Leben, in denen wir meinen, wir machten alles falsch. Und genauso meinen wir manchmal, dass wir doch gar nicht schlecht sind, sondern eigentlich sogar richtige gute Menschen. Wie das Urteil Gottes dazu aussieht, können wir nur erahnen.

Aber bei Amos geht es nicht nur darum, ob wir gute Menschen sind. Es geht um Gerechtigkeit in der Gesellschaft und wie der Glauben, die Religion dazu steht. Ein Gottesdienst, der nur um die inneren Befindlichkeiten des Menschen kreist, ist ein mangelhafter Gottesdienst. Im Gottesdienst und im Glauben haben die Dinge zur Sprache zu kommen, die der Gerechtigkeit im Wege stehen. Genauso wie sie in der Gesellschaft zur Sprache kommen müssen.
Nicht dass unsere inneren Befindlichkeiten, wenn man so will: unser Seelenheil, nicht wichtig wären, aber sie sind ein Teil des Lebens. Gott ist um unser Seelenheil besorgt, aber auch um unser Leben im Hier und Jetzt.

Amos lebte in einer Welt in der reiche Menschen auf Kosten der Armen lebten. Sie kümmerten sich nicht darum, wie es den anderen ging. Die Oberschicht feierte Feste und die Armen kämpften jeden Tag auf’s neue um das tägliche Brot.
Was passierte im Tempel in Bet-El, gegen den Amos wetterte? Dort wurde geopfert: Die Reichen opferten viel, die Armen wenig. Und wer viel opferte konnte damit rechtfertigen, warum es ihm gut ging. Na klar, wer Gott viel gibt, bekommt auch viel Glück zurück. Und die Theologen und Propheten verkündeten im wesentlichen nur, dass alles sei und gut bleibe und dass Gott allen Menschen gewogen sei, solange es nur genug Opfer gäbe. Kein Wunder, dass Amos da etwas gegen zu sagen hatte.

Deshalb fürchte ich Amos Kritik auch nicht. Aber ich muss eben doch auch immer darauf achten, dass ich es mir nicht zu bequem mache in meinem Leben. Das ich meine Augen offen halte, für die Probleme der Menschen und für die Ungerechtigkeiten der Welt. Es ist meine Aufgabe darauf hinzuweisen und degegen Stellung zu beziehen. Nicht als Pastor, sondern als Christenmensch. Wenn ich meinen Glauben ernst nehme, dann muss ich verstehen, dass es dabei eben nicht nur um mein Inneres geht. Sondern um alles Zwischenmenschliche im Großen und Kleinen. Um Liebe und Freundlichkeit zueinander und eben um Gerechtigkeit.

Christenmensch zu sein bedeutet nicht nur um etwas zu beten, sondern auch für etwas tatsächlich einzu­stehen. Daran möchte ich mich halten.

Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich das alles, was ich hier sage, auch nicht immer so beherzige. Das gehört auch zum Predigen dazu: Die Erkenntnis, dass ich für andere predige, aber immer auch für mich selbst. Manches, was ich hier sage, sage ich auch oder sogar ganz besonders zu mir selbst. Und die Einheit von Gottesdienst und Leben ist eine der schwersten Übungen für Christenmenschen – auch für Pastoren. Und ich bitte für uns alle, dass wir nicht nachlassen, diese Übung auch zu üben.

Lasst uns beten:
Starker Gott,
lass uns nicht an uns selbst zweifeln, wenn andere über uns und unseren Glauben urteilen wollen.
Wir wissen, dass wir mit unserem Glauben an dich auf einem guten Weg sind.
Lass uns alle Zeit voller Freude und Zuversicht, voller Inbrunst und Wahrhaftigkeit Gottesdienst feiern und lass uns dazu auch stehen.
Gib uns die Kraft und den Glauben, dass unsere Gottesdienste weit über das Orgelnachspiel hinaus in unseren Alltag hinein wirken. Wir wollen, dass unser Leben ein gutes Leben ist.
Lass unseren auch Alltag zu einem wahren Gottes­dienst werden.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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