Fremdes Bild: Recht als frisches Wasser.

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext ist wohl der einzige, den man eigentlich schreiend vortragen müsste.

Weg mit den Feiertagen! Schluss mit den Versammlungen! Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder!

Vom Tonfall her ungewöhnlich, aber der Sache nach geurteilt kann man doch feststellen: Amos spricht das aus, was andere nur denken.

Unsere Konfirmanden z.B. mögen zustimmen: Endlich sagt es mal jemand: Ich mag eure Versammlungen nicht riechen. Gottesdienst ist langweilig. Die Lieder sind entsetzlich altmodisch. Gottesdienst riecht alt und nach vorgestern.

Amos lässt mich als Prediger zuerst einmal ratlos dastehen. „Meint er uns?“, frage ich mich. Müssen wir betroffen das Gesangbuch schließen? Meint er unseren Gottesdienst oder Gottesdienst überhaupt? Und warum regt er sich so auf? Warum schreit er?

Ich behaupte: Die Kritik, der Aufschrei des Amos richtet sich nicht gegen Gottesdienste. Er meint sehr viel mehr. Und eventuell meint er auch uns.

Um dem auf Spur zu kommen, beginnen wir mit dem ungewöhnlichen, mit dem fremden Bild.
Nein, Kritik an Gottesdiensten ist nicht fremd.
Dass manche sich über die aufregen, die „sonntags in die Kirche rennen“, ist nicht fremd.
Fremd ist es nicht, dass man sich über Lieder ärgert, die den einen zu modern, den anderen zu altbacken klingen.
Fremd ist es nicht, die angeblich so lanweiligen Gottesdienste zu kritisieren.
Fremd, wirklich fremd aber ist das, was wir wahrscheinlich fast alle überhört haben.

Wirklich fremd und ungewöhnlich ist das Bild, das Amos an den Schluss gestellt hat. Haben sie es noch parat? Ich wiederhole es gerne:

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Mal ehrlich, was würde ihnen zum Stichwort „Recht“ einfallen? Ich vermute einmal, dass die Bilder und Begriffe, die ihnen in den Sinn kämen, sehr viel mit Streit, Staub und Paragraphen, Stolperfallen und hohen Kosten zu tun hätten. Mal ehrlich: Wäre ihnen zum Thema Recht „frisches Wasser“ und ein sauberer Bach eingefallen?

Bleiben wir auf dieser Spur. Wie denken wir über das Thema „Recht“? Damit wir schnell voran kommen, lassen wir Amos selbst ein paar Fragen stellen.

„Ich habe gehört“, fragt er mit skeptischem Blick, „ihr droht einander mit dem Rechtsanwalt? Wie kann man denn mit Recht drohen? Sind eure Anwälte etwa brutal und korrupt? Schlagen sie auf den Gegner ein oder tragen sie Waffen mit sich? Wie kann man mit Recht drohen. Das verstehe ich nicht!“

Wie erklärt man jemandem, der Recht für „frisches Wasser“ hält, dass man damit drohen kann? Tatsächlich steht unsere landläufige Einschätzung des Rechts der Rechtsauffassung des Alten Testaments fast diametral entgegen.

In damaligen Zeiten hatten diejenigen, die Recht sprechen konnten, höchstes Ansehen. Uns ist wahrscheinlich Salomon und sein „salomonisches Urteil“ auch heute noch bekannt.

Recht in damaliger Zeit wurde geschaffen durch den Richterspruch. Recht diente dem sozialen Frieden. Vereinfacht können wir uns das vorstellen, wie Kinder es handhaben. Wenn zwischen ihnen Streit entstanden ist, den sie selbst nicht mehr schlichten können, gehen sie zur Mutter oder zum Lehrer. Er oder sie muss nun „Recht sprechen“ und ihm oder ihr ist das gelungen, wenn danach Frieden entstanden ist.

Wir aber gewinnen oder verlieren Prozesse.

Einer der Verwaltungsdirektoren der Rummelsberger Anstalten hatte staatlichen – wohlgemerkt staatlichen Stellen – in einer Sache, in der man sich nicht einigen konnte, vorgeschlagen, in „aller Freundschaft vor das Verwaltungsericht zu gehen“, um eine akzeptable Entscheidung zu bekommen. Die Staatsbeamten waren daraufhin so beleidigt, dass sie jeden persönlichen Kontakt abbrachen und nur noch schriftlich verkehrten. Wir empfinden den Gang zum Gericht als Drohung. Die Zeitgenossen des Amos hingegen hofften auf Recht um des Friedens willen in ihrer Gesellschaft.

Übrigens hatten Anwälte damals keine Kanzleien, sondern sie saßen unter den Torbögen im Schatten. Das weiß man aus Bibelworten wie diesen: Richtet recht, schafft Frieden in euren Toren (Sach 8,16). Und wenn wir adventlich singen, „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ will diese Hoffnung auf Gerechtigkeit mitklingen.

Aber jetzt sollte Amos doch Gelegenheit haben, weitere Fragen zu stellen. Seine zweite Frage würde eventuell so lauten: „Stimmt es, dass man bei euch arme, alte oder einfach unvorsichtige Leute ausplündern darf und dabei noch das Recht auf seiner Seite hat?“

Jetzt könnten wir ihm antworten: Recht haben und Recht kriegen sind halt zwei Paar Stiefel. Und wir könnten erzählen, dass es zwar verboten ist, via Telefon Vertragsabschlüsse herbeizuführen, dass aber solche Verträge, wenn sie dann doch zustande kommen, durchaus rechtens sind.

„Wer achtet bei euch auf Recht?“ würde Amos dann fragen und wir antworten: Unser Parlament erlässt die Gesetze und die Legislative als unabhängige Macht wendet sie an.

„Durchaus vernünftig“, mag Amos antworten, „wisst ihr übrigens, dass diese Gewaltenteilung bei uns schon üblich war. Unsere elenden Könige, meistens arrogante Verbrecher, unterstanden dem Gesetz, das unsere Propheten bewacht haben.“

„Ach, dann hattet ihr wohl eine sehr gute Zeit voller Recht und Gerechtigkeit“, frage ich nun den Amos und er antwortet: „Nein, leider war das nicht so oder nicht immer so bei uns. Unter den Toren saßen auch bestechliche Leute, die sich ihren Urteilsspruch kaufen ließen und wir hatten auch Könige, die meinten über dem Gesetz zu stehen. Sie wollten gottgleich leuchten. Ihr nennt das wohl heute den „Glamour-Faktor“. Ich warne euch vor solchen Menschen. Selbstinszenierung ist deren Hauptaufgabe und bedenkt stets, dass sie euch blenden. Wer Menschen verehrt wird Gott schnell missachten. Wer aber Gott achtet, der achtet das Recht und wird darin Freund aller Menschen.“

Müssen wir das, was Amos sagt, auf unseren ehemaligen Bundespräsidenten beziehen? Auch er steht unter und nicht über dem Recht, hat Kanzlerin Merkel betont. Menschlich mag man es bedauern, aber gleichwohl sehe ich es als Stärke unseren Demokratie an, dass sie sich nicht blenden lässt. Das mag jede/r für sich anders sehen. Ich denke, es ist gut, wenn ein Politiker zurücktritt, von dem zumindest der Eindruck, er habe sich – sagen wir es einmal so – mit unguter Gesellschaft umgeben.

Amos aber lässt sich nicht so schnell ablenken. Ihn interessieren unsere politischen Themen wenig. Also fragt er nach: „Stimmt es, dass Recht bei euch eine Sache auch des Geldes ist? Wie gesagt, bei uns hat man versucht, Richter zu bestechen. Aber ich habe gehört, bei euch ist das nicht notwendig, denn es bekommt nur der Recht, der viel Geld für einen Anwalt ausgibt und Recht trotz Unrecht bekommt der, der sehr viel Geld hat, um durch viele Instanzen hindurch sein Unrecht als Recht zu behaupten weiß. Stimmt es, dass euer Recht sich gegen Menschen wendet?“

Ach, wenn man so einfach antworten könnte. Recht ist bei uns eine sehr komplizierte Angelegenheit. Historisch gesehen ist unser Strafrecht im 19. Jahrhundert entstanden und es hatte auch die Aufgabe, die Bürger vor den Proletariern zu schützen. Armut war zweitweise ein Straftatbestand. Noch heute spüren wir die Nachwirkungen der Entstehungszeit unseres Strafrechts: Kaufhausdiebstahl ist ein weitaus schweres Vergehen als Subventionsbetrug! Einen notorischen Schwarzfahrer sperrt man durchaus ins Gefängnis. Einer, der im Ausland Schwarzgeld hortet, wird erst ab einem Millionenschaden mit Gefängnis bedroht.

Nicht, dass sie mich falsch verstehen, liebe Gemeinde. Ich will unser Recht nicht schlecht machen. Wir leben – Gott sei Dank – in einem Rechtsstaat. Wenn wir heute über Recht nachdenken, dann geht es mir darum, wie wir Recht als Institution in unserer Gesellschaft einschätzen. Wie wir es empfinden, darum geht es mir.

Unser Recht erscheint vielen als ein eher vermintes Gelände, in dem jeder falsche Schritt teures Geld kosten kann. Nein, ich denke nicht an das Strafrecht, eher an das, was wir „Bürgerliches Gesetzbuch“ nennen.

Ich denke eher daran, wie wir mit einander umgehen. Wir verwenden das Recht als Waffe gegeneinander. Viele unserer Lebensbereiche werden zusehends verrechtlicht. Nachbarn sind oftmals nicht mehr dazu fähig, sich wegen eines Baumes, der Blätter fallen lässt oder Sonnenlicht versperrt, zu einigen. Sie gehen vor Gericht. Wenn ich einen Vertrag abschließe – z.B. miete ich ein Auto – da muss ich mindestens acht Unterschriften leisten. Da geht es nicht um mein Recht! Dabei geht es nur darum, dass wir uns gegeneinander absichern. Ja, wir verwenden Recht auch als Waffe gegeneinander.

Unsere Gesetzesbücher werden immer dicker und das Leben wir immer komplizierter.

Das mag gar nicht am Recht als solchem liegen. Es könnte ja auch sein, dass uns etwas verloren gegangen ist, nämlich ein Grundgefühl, ein Gefühl, miteinander aufeinander angwiesen zu sein. Man könnte es vielleicht auch so sagen: Wir haben Religion verloren, unsere Religion, die uns in Liebe – wie sie es pathetisch formuliert – solidarisch sieht.

„Recht zu meiner Zeit“, ergreift Amos nun wieder das Wort, „hatte einen Maßstab. Unser Recht musste den Witwen und Waisen dienen. Recht war für uns eine Aufgabe, ein Weg, der uns in eine gute Zeit führen sollte.
Die Menschen damals waren nicht besser als heute. Es gab genügend Menschen auch bei uns, die – wie Jesaja sagte, Gott „mit ihren Lippen ehrten“, aber ihm im Herzen sehr fern waren. Trotz allem setzen wir unsere Hoffnung auf Gott, hofften, dass er uns den wahren Messias schicken werde, der es uns lehrt, miteinander und nicht gegeneinander zu leben. Womit wir beim Thema Gottesdienst sind.
Wissen Sie, ich habe diese Widersprüche nicht mehr ausgehalten. Da sitzen die frommen Männer im Tempel und opfern und beten und geben sich fromm und andächtig und gleich danach betrügen sie einander und rauben Witwen und Waisen das Recht. Da wird doch jedes fromme Lied zum Hohngesang.
Was singt ihr, wenn ihr miteinander eurer Leben feiert?“

Ja, was singen wir? Wir sind ein säkularer Staat und singen am 3. Oktober – falls wir überhaupt wissen, was das für ein Tag ist und falls wir überhaupt den Text können – „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Wohl möglich, dass Amos auch heute aufschreien würde: Warum plärrt ihr solche Lieder, die ihr weder singen und erst recht nicht leben könnt?

Hier sind wir an den Punkt gelangt, der ihn aufschreien lässt. Es ist der Widerspruch einer sich selbst feierenden Gesellschaft, die nach innen hin hohl und madig wirkt. Es ist der Widerspruch gegen Versammlungen, bei denen man nach außen hin Solidarität und Zusammengehörigkeit beschwört, wohl wissend, dass man nur hohle Worte drischt wie leeres Stroh.

Sind unsere Gottesdienste damit jetzt aus der Schusslinie des Propheten genommen? Eines mag deutlich geworden sein. Hätten wir Amos` Worte als Kritik auf unseren Gottesdienst bezogen, hätten wir uns zu wichtig und ihn sehr verkürzt wahr genommen.

„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Hätten wir nun noch viel Zeit, könnten wir den Bogen schlagen bis hin zur Taufe, hin zum „lebendigen Wasser“, von dem Jesus im Johannes-Evangelium spricht. Wir müssten wohl auch über das vorhin gehörte Hohelied der Liebe nachdenken. Unsere Gottesdienste könnten wir dabei als zwar sehr bescheidene aber doch beständig fließende Quellen eines Lebens in Recht und Gerechtigkeit erkennen. Das mag wenig sein und wir wollen uns keineswegs überheblich darstellen. Aber wenigstens bei uns wird einmal in der Woche für andere Menschen, für Arme, Bedrängte Obdachlose etc. gebetet. Das „frische Wasser“, aus dem wir als Christen unser Recht schöpfen können hat uns Paulus heute im Episteltext, im Hohelied der Liebe, präsentiert.

Die Kritik, der Aufschrei des Amos richtet sich nicht gegen Gottesdienste. Er meint sehr viel mehr. Und eventuell meint er auch uns.

Wenn Ihnen diese armen Menschen, liebe Gemeinde, eigentlich vollkommen gleichgültig sind, dann bitte fühlen Sie sich vom Propheten gemahnt und hoffentlich nicht angebrüllt!

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