Wir kommen alle, alle in den Himmel

Predigt zum Sonntag, 12.2.2012, 2.Kor 12,1-10, Pastor Carsten Sauerberg (ev.) Heiligenhafen

Liebe Gemeinde:
Entrückt bis in den dritten Himmel, entrückt bis ins Paradies.
„Wir kommen alle, alle in den Himmel.“ Schunkelnde Menschen. Der Gemeindesaal brodelt. Neben der Kaffeetasse das Geneverglas. Selige Augen. Die Kapelle spielt „Wir kommen alle, alle in den Himmel.“ Karnevalsnachmittag für Senioren im Gemeindehaus am ersten Februar. Achtzig sind gekommen, alle sind selig. Es ist fast wie im Himmel. So ein Stück Himmel für zwei Stunden. Vergessen sind die Alltagssorgen, vergessen die letzte OP, vergessen die schmerzende Knie, die einen zwingen, den Rollator zu nutzen beim Gehen. Vergessen manch einsame Stunde, weil die Kinder weit weg sind, oft keine Zeit haben, weil der Partner schon lange unter der Erde ist. Rot-rot-rot, so sind die Rosen, geht es weiter im Programm. Und natürlich „Heimat, Deine Sterne“. Entrückt in den dritten Himmel, oder gar in den siebenten. Entrückt für zwei Stunden. Sollen wir uns dessen rühmen? Ja natürlich…wir rühmen diese Momente des Lebens, diese himmlischen Augenblicke, wir leben doch davon, dass es sie gibt, dass es sie für uns gibt und das wir sie erleben dürfen. Jede Generation neu, ob es nun „Wir kommen alle in den Himmel“ heißt oder „Ein Stern, der Deinen Namen trägt“ oder Freddy Mercurys Stadionkracher „We are the Champions“ erklingt, es ist immer das gleiche Erlebnis, verzückend, entrückend, himmlische Momente voller Leben, voller Liebe, voller Freude, voller glänzender Augen.
Aber das ist hier eine protestantische Predigt, liebe Gemeinde. Und darum geht’s zurück zur Erde. Damit wir uns der hohen Offenbarung nicht überheben, ist uns ein Pfahl ins Fleisch gegeben. Lass Dir an meiner Gnade genügen, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Ach, musst Du uns daran erinnern, Pastor? Muss das sein? Das wissen wir doch allzu gut, das mit dem Pfahl im Fleisch. Unsere schmerzenden Knie und Hüften, unsere Momente des Kummers und der Trauer, egal wie alt wir sind, bei den Jungen, den Konfirmanden ists Liebeskummer und Stress zu Hause, bei den Mittleren Geldsorgen und Druck auf der Arbeit, bei den Alten die Schmerzen im Leib und die Trauer um den Verlust von Menschen, und oft auch Einsamkeit. Bei dem einen ist es dies, beim anderen ist es das. Aber nirgendwo ist nichts, überall ist Erde und kein Himmel, und der Pfahl im Fleisch, wie Paulus es nennt, das Schmerzende, die offene Wunde ist bei jedem Menschen präsent.
Pastor, hättest Du nicht noch ein bisschen vom Himmel erzählen können? Das war viel schöner. Immer diese Erdfarben, bleib doch mal bei Blau und Gold.-Aber, liebe Gemeinde, soll ich Euch denn etwas vorlügen? Eine Welt malen, die es so nicht gibt? Sind wir hier im Kino, in der Traumfabrik Hollywood? Oder ist es eine Kirche, in der immer noch ein Kreuz steht und nicht eine heilige Flamme umgeben von süßen Räucherkerzen?
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Haben wir dieses Wort gehört? Ist es uns auch zum Gehirn durchgedrungen? Zur Seele gar? Christus verspricht uns nicht nur Kreuz, sondern Kraft am Kreuz.
Warum bringen wir uns nicht um? Haben Sie sich das schon mal gefragt? Warum tun wir es nicht, jedenfalls mehrheitlich nicht? Warum ertragen wir so vieles? Warum weinen wir? Klagen wir? Schimpfen wir? Warum stehen wir immer wieder auf? Tausendmal auf der Flucht damals aus Ostpreußen. Tausendmal, nach jeder Niederlage in der Schule, nach jeder zerbrochenen Liebe, tausendmal nach tausenden von Krankheiten. Wir stehen auf, wir bringen uns nicht um. Wir wollen leben. Das ist diese Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Das ist der Ostermorgen am Kreuz des Lebens. Das ist „Ich hebe meinen Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, siehe, er behütet mich.“
Wieso haben wir diese Kraft eigentlich? Woher nehmen wir sie? Oder ist sie einfach da? Sozusagen in unser Fleisch gelegt?
Nein, das ist sie nicht. Der Pfahl, das Leid, die Vergänglichkeit ist uns Fleisch gelegt. Nehmt ein Stück Fleisch und legt es hin. Wenn es kalt liegt dauert es länger als wenn es warm liegt-aber am Ende das gleiche Ergebnis, es verdirbt und verwest. Das ist ins Fleisch gelegt, da ist keine Kraft drin, die uns zum Aufstehen und Aufblühen bringt.
Diese Kraft kommt vom Himmel. Und sie erreicht und ergreift uns in den himmlischen Momenten. Im Gesang, im Schunkeln, im Tanzen, im Jubel, im Kuss, in der Liebe, in der Umarmung. Sie entrückt uns, sie gibt uns Leben.
Und Du nimmst sie mit, Du saugst sie auf diese Kraft, wie ein Schwamm Wasser saugt, sie durchblutet dann Dein Fleisch, und tausendmal reicht es dann zu Aufstehen. Sie ist in den Schwachen mächtig-es ist Seine Kraft, Gottes Kraft.
Wir kommen alle, alle in den Himmel? Nein, ganz richtig ist das Lied nicht. Millowitsch hätte singen sollen: Gott kommt zu allen, allen auf die Erde.
Aber geschenkt, jetzt wollen wir nicht protestantisch rechthaberisch werden, das mit dem Himmel ist für den Karneval auch ein schöner Text. Das Gefühl „Himmel“ ist so lebenswichtig, rühmt es ruhig und dankt Gott, dass es das gibt.
Amen

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