Glaubwürdig bleiben

Leiden gehören zum Leben. Leiden an Krankheiten oder Verletzungen genauso wie Leiden unter ungerechten Verhältnissen oder einem schlechten Betriebsklima oder einer bösen Nachbarschaft. Ich könnte darüber jammern ohne Ende – oder es annehmen als Teil meines Lebens und versuchen das Leben mit diesen Leiden oder gegen diese Leiden zu gestalten.

Leiden gehört auch zum Glauben. Ein eher seelisches Leiden unter den Krankheiten, die mich belasten, eigene, wie die eines anderen Menschen. Leiden unter Nachrichten von ChristInnen, die wegen ihre Glaubens verfolgt werden. Leiden auch von Menschen, die sich bei uns engagieren und dafür manchen Spott ertragen.

Von seinen Leiden erzählt sogar der Apostel Paulus:

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Er war kein besonders begnadeter Prediger, dieser Paulus und Fachleuten ist fraglich, ob er überhaupt ein Chance erhalten würde bei uns in einer Kirchengemeinde angestellt zu werden. Trotzdem beschreibt er genau, wer er ist, welchen Wert er in der Gemeinde hat. Nicht um als unverzichtbar wahrgenommen zu werden, um der Gemeinde deutlich zu machen was zählt. Und auch um deutlich zu machen, woran er leidet und warum er so kämpft.

Er muss viel aushalten und er erträgt viel, weil er weiß, es geht um Menschen und es geht um das Evangelium Gottes. Er hat seine eigen Schwäche aushalten müssen und viel Spott. Und er muss ertragen, dass sich andere darauf profilieren. Sie verkünden das Evangelium und sind wohl smarter im Auftreten, erfolgreicher im Organisieren.

Paulus kämpft nicht dagegen. Das lohnt nicht. Es geht ihm nicht darum, der Star zu sein, der allein respektierte und anerkannte Apostel des Herrn. Es geht ihm darum, dass Gemeinde lebt. Darum ergießt er sich in dieser endlosen Aufzählung seines Leidens, seiner schmerzhaften Erfahrungen. Das Ziel ist nicht: Seht her, was für ein toller Hecht ich bin. Das Ziel ist: Schaut her, wie ihr Euren Glauben lebt.

Was dann kommt bei Paulus ist eine ellenlange Aufzählung, die wenig Begeisterung weckt. Aber inhaltlich geht es ihm eigentlich nur darum. Ein Christenmensch ist kein Held, der alle Leiden wegsteckt, kein Super- oder Batman: Ein Christenmensch ist ein Mensch, der Schwächen hat und mit diesen Schwächen, seinem Unvermögen leben muss und leben kann, weil er weiß. Der Herr begleitet ihn, schenkt ihm Kraft gerade in seiner Schwachheit, wie es in einer Übersetzung unserer Jahreslosung heißt: Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig.

Kirche hat überlebt in schweren Zeiten, weil Menschen zu ihrer Schwachheit gestanden haben. Einer der Prominentesten: Hier steh ich, ich kann nicht anders. In vielen Bildern als heroischer Moment dargestellt, in Wirklichkeit wohl eher ein recht verzagter Moment, in dem Martin Luther wusste. Ich darf nicht widerrufen, aber ich habe Angst – Gott helfe mir.

Paulus erinnert seine Gemeinde an das, was sie erlebt haben. Er erinnert sie auch an das, was er gepredigt hat. Er weiß, dass die Gnade Gottes keine gebratenen Hühnchen sind, die einem in den Mund fliegen. Dass die Gnade Gottes etwas ist, das einem geschenkt wird, aber das nicht automatisch alles anders macht. Damit leben muss ich selber. Und er will ihnen helfen, dass sie ihr Leben aus dem Glauben heraus gestalten können.

Er persönlich braucht keine Heldenverehrung, aber die Menschen sollen verinnerlichen, weswegen sie ihm zugehört haben, sich haben taufen lassen. Wir selber müssen wohl auch immer wieder verinnerlichen, warum wir ChristInnen sind, warum wir in die Kirche kommen, wollen, dass unsere Kinder getauft werden, dass wir selber immer wieder den Segen Gottes hören und uns gegenseitig zusprechen.

Ich muss das wohl jeden Tag neu lernen: Mein Leben gestalten in dem Bewusstsein: ich bin geliebt. Ich muss nichts mehr leisten. Ich darf leben als Kind Gottes, als Mensch, der begleitet wird von diesem Herrn, dem wir so viel wert sind, und von Schwestern und Brüdern, die genau so wenig perfekt sind wie ich, die genauso leiden wie ich und die genauso begleitet werden wie ich.

Mein Ziel könnte werden, glaubwürdig zu bleiben – oder zu werden.

Dahin kommen, dass wie bei Luther oder Paulus mein reden und mein Tun übereinstimmen und ich dadurch stark werde, auch die täglichen Leiden zu ertragen im Glauben an den Herrn, der mich begleitet wie ein guter Hirte. Auch den Spott will ich lernen zu ertragen, nicht in der Hoffnung, dass Gott die SpötterInnen straft, sondern im glauben, dass er auch sie auf einem guten Wege leitet und führt und sie das dann auch eines Tages verstehen und glauben werden.

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