Es genügte dir einst meine Gnade!, warum nicht jetzt auch?

Manche Bilder brennen sich so tief im Gedächtnis ein als hätte man sich oben im Backofen verbrannt, als man die Pizza herausholen wollte. Eine solche Wunde behält man lange, spürbar und sichtbar. Und wenn man Pech hat, verschwindet eine solche Narbe nie. Und mit der Narbe bleibt etwas zurück, eine Erinnerung an die eigene Dummheit. Ein eingebranntes Bild eben, welches uns beizeiten wieder an unsere Fahrigkeit erinnert. Ein solches Bild, stark und die Zeiten überdauernd, bietet uns Paulus heute an.

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Der Pfahl im Fleisch. Ein starkes Bild. Viele Deutungsmöglichkeiten. Nun, Paulus selber weiß einiges über körperliche Gebrechen. Er ist klein von Gestalt, man glaubt, dass er cholerische Züge gehabt hat und er hat ab und an epileptische Anfälle und noch dazu, so sagen es einige psychologisch unterwanderte Forscher, einen erheblichen Minderwertigkeitskomplex, weshalb er auch so verbissen die Judenmission durchgeführt haben soll. Wie dem auch sei, Paulus kommt nicht aus der Zahnpastawerbung, sein Gesamtpaket stimmt nicht, er ist nicht glatt und kantenlos, sondern eckig – und er hat mit diesem Stachel im Fleisch so seine Geschichte.

Und diese Geschichte, die Paulus damals auf dem Weg nach Damaskus passiert ist, hat es in sich. Paulus hat ein Gotteserlebnis und verliert den Boden unter den Füßen und fällt in den Staub. Von außen betrachtet, könnte man meinen, der kleine Mann habe einen epileptischen Anfall. Innerlich passiert wohl noch viel mehr: So wie der stolze Christenverfolger zu Boden fällt, so stürzt auch in diesem Moment sein eigenes Gedankengebäude in sich zusammen. Paulus wird in seinen Grundfesten erschüttert und als er sich erhebt, ist sein Blick nicht mehr klar, er ist blind und kann sich nicht orientieren. Und dennoch wird er nach diesem Erlebnis, einige Tage später, als Zeuge einer Offenbarung auftreten die sein Leben voll und ganz verändert hat. Paulus ist ab sofort der Stachel im Fleisch der modernen Gesellschaft oder anders gesagt, er vertritt nach diesem Erlebnis Thesen, die gefährlich sind, denn „die Erfahrung, die Paulus macht, ist so neu in der gesamten Religionsgeschichte […], dass er nach Worten ringt und oft genug stottert, um sie mitzuteilen; und das, was er sagt, ist missverständlich, widersprüchlich, und paradox, ja geradewegs gefährlich für jede menschliche Gemeinschaft, politisch, wie kirchlich, bis in unsere Zeit hinein.“(E. Drewermann, Zwischen Staub und Sternen, 1995, S. 101ff.). Was Paulus da entdeckt hat und jeden Tag neu erfährt und erlebt ist zunächst nichts anderes als die Erkenntnis, dass es nicht ausreicht, nach den Gesetzen zu leben. Es ist doch so: Ich kann mich mit Leib und Seele an die Gesetze halten und trotzdem doch, und gerade deshalb, den Sinn meines Lebens verfehlen. Jeder feurige Anhänger Kants wird das wissen.

Und weiter wird Paulus klar, das Gesetz, alle Regeln, Vorschriften und Verbote bieten zwar ein sicheres Geländer, aber sie führen nicht immer ins Paradies. „Tun, was Gottes Wille ist!“, so lautete der Wahlspruch derer, die die Christen verfolgten und zu denen auch der Apostel gehört hatte. Es muss Paulus zutiefst abgestoßen haben, dass da einer herum lief und landauf landab alle möglichen Gesetze brach, die er und seinesgleichen doch so vehement zu verteidigen bereit gewesen waren. Erst viel später erkannte der Apostel, dass es zum Gesetzesverständnis etwas mehr braucht, als nur die ausgeführte Tat.
Aber bis dahin erschien ihm, dem aufrechten Judenmissionar, das Verhalten der Jünger um diesen Jesus, wie eine Anfechtung, wie ein Stachel in seinem gesetzlichen Fleisch! Und es wurde noch schlimmer, denn nach seiner Bekehrung steckte dieser Stachel immer noch dort. War es zuvor wohl seine gefühlte Unwürdigkeit gegenüber einem richtenden und fordernden Gott, erfährt Paulus jetzt, die Verleumdung seitens der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth und bezeichnet die eigene Schwäche als Stachel im Fleisch.

In Korinth steht der Apostel auf verlorenem Posten. Sein Kampf hier ist aussichtslos; beinahe ein solcher wie gegen die berühmten Windmühlen. Denn seine Gegner sind schlau, rhetorisch bewandert und keine Stotterer. Paulus muss lernen, egal, was du machst, es kommt immer ein anderer, der kann es besser! Nicht zu Unrecht trägt unser heutiger Predigttext darum auch die Überschrift „Narrenrede des Paulus“. Und diese Stelle heißt nicht so, weil sie so unfassbar komisch geschrieben ist, sondern weil von vorneherein klar ist, dass Paulus mit seinen Worten eigentlich keine Chance hat, gegen die sich selbst und ihre großartigen Taten rühmenden Menschen in Korinth. Paulus lässt sich dennoch darauf ein und rühmt entsprechend sich selbst, aber entscheidend ist, wie er das tut.

Gegen die Rechthaber, die Alleskönner, die Dauergewinner setzt Paulus auf eine andere Strategie. Er rühmt sich seiner Schwachheit und setzt so einen großartigen Kontrapunkt. Aber Vorsicht! Ein solcher Weg kann eine Sackgasse sein, wenn man eine Gleichung aufstellt, die nicht aufgelöst werden kann. Denn es ist falsch zu sagen, „wenn Du bei Gott stark sein willst, musst Du schwach sein!“ (GPM, IV 1993, R. Oechseln, S. 110). Man muss sich schnell und getrost von solchen Engführungen verabschieden. Schließlich verfehlen derlei Aussagen den Charakter unserer Gottesbeziehung. Es geht ja eben nicht darum, möglichst perfekt aufzutreten, stark zu sein in jeder Situation, immer gesund zu sein und seine Leiden nicht preis zu geben. Bitte bedenken Sie, Gott selbst ist nicht immer unglaublich stark, sondern bisweilen schwach, wie wir gerade noch in der Krippe gesehen haben. Es braucht auch schon Mut, sich einem vorsätzlich schwachen Gott anzuvertrauen. Schwachheit und Stärke – beides ist für uns vereint am Kreuz. Nun gibt es ja Kreise, in denen man sich allezeit dieser und der eigenen Schwachheit rühmt und sein eigenes Leiden zur Schau stellt, um bei dem anderen Eindruck zu schinden. Beide Wege, der prahlerische und der unterirdisch leidende, sind Holzwege. Denn Gott hat letztlich nur Gefallen an denen „die ihn fürchten, die auf seine Güte harren.“ (R. Bohren, in GPM, IV 1993, S. 111).

Es bleibt also auch unsere Aufgabe, die Güte, die Gnade zu erkennen und nach ihr und aus ihr zu leben. Aber was könnte das bedeuten?
Eugen Drewermann fragt an geeigneter Stelle: „Wie wäre unser Leben bestellt, wäre die Voraussetzung unseres Daseins nicht das Gesetz, sonder, wie Paulus sagt, die Gnade? Wir dürften leben, nicht weil wir es verdient hätten durch eigene Leistung; vielmehr könnten wir glauben, Dasein zu dürfen, einfach weil Gott es so wollte.“ (E. Drewermann, a.a.O., S. 103.)

Hat Paulus recht, mit seiner Narrenrede? Sein Lob der Schwachheit ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt keinen biblischen Befund, der mich zum Schwachsein verdonnert. Es gibt auch keinen biblischen Befund der mich zum Nachgeben in jeder Situation ermuntern will. Wie das eben so ist: „Die Bibel mahnt zur Stärke und lobt die Schwachheit!“ (R. Bohren, in GPM, IV 1993, S. 110).

Und beides kommt in unserem Leben vor: Stark sein für andere, gerade in persönlichen Krisensituationen eine ganz wichtige Aufgabe, die bisweilen auch von den Kleinsten im Familienkreis wahrgenommen wird. Stark sein für meine Frau, meinen Mann, meinen Freund, meine Freundin, die im Sterben liegt,der krank ist, die verletzt wurden. Und in dieser Stärke findet man auch Schwachheit denn mit diesen Erfahrungen wächst die Erkenntnis, der eigenen Schwachheit, der eigenen Begrenztheit.

Schwach bin ich dann, wenn ich verliebt bin. Eine Schwäche für jemanden haben. Wer verliebt war oder ist, der weiß, was das bedeutet.
Leider wird Schwachheit bisweilen mit Ohnmacht verwechselt, was dann wiederum zu bizarren Beziehungen führt. Aber Schwachheit und Stärke, dieses Begriffspaare gehört zusammen. Schwierig wäre der Versuch, eines aus unserem Dasein abzukoppeln um dann das andere zu erhöhen.
Das Erkennen der eigenen Grenzen; darin liegt Stärke. Das sich eingestehen, dass wir nicht alles können, alles wissen, dass wir leiden, an uns, an der Welt, an einer Krankheit, an den Verletzungen, die andere uns zufügen. Jesus wird von seinen Jüngern an seinen Wundmalen erkannt. Und genauso werden wir von ihm an unseren Schwächen, an unseren Wunden erkannt (Vgl. R. Oechseln, in GPM IV 1993, S. 112).
Es geht in diesem Leben also nicht um Perfektion; Gott vergibt auch keine Kopfnoten auf die beste Performance. Paulus hat das wohl in Damaskus lernen dürfen: Es geht um die Erfahrung und die Annahme der geschenkten, aus Gnade kommenden Güte. Auch wenn man gar nichts sonst weiß, lass dir an meiner Gnade genügen.
„Grade die Nullstellen unseres Vermögens, grade unsere vermeintlichen Fehler, unsere nicht abzuschüttelnden Mängel können uns am Ende viel tiefer lehren, was es heißt, menschlich zu sein. Gott macht aus uns nichts Perfektes, nichts Vollkommenes. R möchte einfach, dass wir auf je unsere Weise Menschen sind. Das Vollkommene gibt es im Ideal nur ein einziges Mal, Menschen aber zu Milliarden […]“. (E. Drewermann, a.a.O., S.104.)

Für diese Milliarden gibt es Hoffnung und für diese Milliarden gibt es eine Wahrheit, eine Erkenntnis, die alle Schwäche, alle Stärke mit aufnimmt und stehen lässt. Paulus hat das in seiner Vision erfahren dürfen und wir hören es heute noch einmal. Es klingt arrogant und irgendwie glaubt man, es gehe am Thema vorbei. Genau verstanden ist es aber das Zentrum unseres Glaubens. Es ist ein Satz, der sich einbrennt, wie beim Pizzaunfall. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ meint nicht, sich der eignen Schwachheit ohnmächtig hinzugeben und fortan aufzugeben. Es heißt, die eigene Schwachheit erkennen und die Macht des Kreuzes anzunehmen. Oder anders gesagt: „Es genügte dir einst meine Gnade!, warum nicht jetzt auch?“

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