Lasst uns Licht sein

Liebe Gemeinde!

Neulich habe ich mit einer Frau gesprochen, die ihre Schwiegermutter bis zu deren Tod gepflegt hat. In früheren Jahren hatte sie mit der Schwiegermutter sehr viel Ärger gehabt. Die Schwiegermutter hatte ihr das Leben schwer gemacht. Trotzdem war es für die Frau selbstverständlich, sich um die kranke Schwiegermutter zu kümmern. „Ich bin nur ein kleines Licht.“ Diesen Satz sagte die Frau zwar nicht wörtlich zu mir, aber es war ihre Überzeugung: Ich tue nichts Großartiges. Ich tue nur meine Pflicht. Das hat sie dann auch nicht mit besonderer Abneigung getan, sondern wirklich auch mit Zuwendung. Mir geht dieses Gespräch noch nach, weil ich mich frage: Kann es wirklich sein, dass sich jemand wie diese Frau dermaßen aufopfert, aber dass sie dabei trotzdem nicht viel von sich hält? Bei mir mischen sich da Achtung vor soviel Bescheidenheit und Wut über die – wie ich glaube- eher für Frauen typische Unterschätzung der eigenen Person. Denn durch ihr Verhalten hat sie ja sehr viel Licht in das Leben ihrer Schwiegermutter gebracht. Diese war wirklich dankbar für die Pflege.

Der Predigttext heute erzählt von mehreren Menschen, die für jemand anderen so etwas wie ein Licht waren, nämlich für den syrischen Hauptmann Naaman. Ich selber kann so eine biblische Geschichte aus Syrien gar nicht hören, ohne gleich die heutige politische Lage dort vor Augen zu haben. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, wie bedeutend scheinbar kleine Leute für andere sein können, Leute, die gar nicht so bedeutend erscheinen- vielleicht Leute wie wir. Ich lese den Predigttext aus dem 2.Buch der Könige Kapitel 5: (aus Neukirchener Kinderbibel vorlesen, S.140)

[TEXT]

Im Jahr 2005 war diese Geschichte von Naaman und Elisa zentraler Bibeltext beim Weltgebetstag zum Land Polen. Die polnischen Weltgebetstagsfrauen, die den Gottesdienst für die ganze Welt entworfen hatten, wollten mit diesem Gottesdienst Menschen stärken, die sich unbedeutend vorkommen. Lasst uns Licht sein – so hatten sie das Thema genannt , und sie hatten die Geschichte von Naaman ausgesucht, um einmal zu zeigen, was „kleine Leute“ alles bewirken können. In einem theologischen Kommentar zu diesem Bibeltext steht der schöne Satz:“ Wiederum sind es die unbedeutenden Menschen, die den entscheidenden Anstoß geben, deren Namen die Weltgeschichte nicht verzeichnet, ohne die aber offensichtlich die Geschichte Gottes nicht auskommen will.“

Man könnte sich in dieser Geschichte natürlich die angebliche Hauptperson anschauen, Naaman, der groß und bedeutend ist, ein mächtiger Herrscher, gewalttätig und grausam. Er, der sich so gerne auf der Bühne des Weltgeschehens zeigt, der sich gerne bewundern lässt- ausgerechnet er bekommt eine Hautkrankheit. Aussatz nannte man das damals. Die Haut juckte ohne Ende. Er fühlte sich nicht mehr wohl in seiner Haut. Denn auch nach außen konnte man es sehen- der wichtige Mann mit roten Hautflecken. Das sah nicht nur nicht schön aus. Die Menschen hatten auch Angst vor Ansteckung. Sein Selbstbewusstsein war im Kern in Frage gestellt.

Und jetzt kommt ein Mädchen ins Spiel, ein junges Mädchen, auf der großen Weltbühne eigentlich unwichtig. Aber den polnischen Weltgebetstagsfrauen ist in der Geschichte besonders das junge Mädchen aufgefallen. Für den Weltgebetstag wurde sie zur Hauptperson der Geschichte erklärt- sie und nicht Naaman. Das Mädchen war als Kriegsgefangene beim Feldhauptmann Naaman. Sie war wie eine Sklavin und arbeitete dort im Haushalt. Sie sah und hörte davon, dass Naaman eine schwere Hautkrankheit hatte. Und obwohl Naaman dafür gesorgt hatte, dass sie in Gefangenschaft kam, war sie ihm nicht böse. Sie war es, die ihm etwas Gutes tun wollte. Sie war es sogar, die den entscheidenden Tipp gab: Er sollte doch nach Israel gehen, in ihr Heimatland. Dort gäbe es einen Propheten Elisa, der könne ihn heilen. Nie hätte sie gewagt, Naaman direkt auf seine Krankheit anzusprechen. Sie ging lieber zu Naamans Frau und gab ihr den Hinweis. Und die beiden Frauen haben dann alles in Gang gebracht, dass Naaman tatsächlich in feindliches Gebiet ging und dass er schließlich auf einigen Umwegen Heilung fand. Gerade die unbedeutenden Frauen haben also sozusagen Licht weitergegeben. Ohne sie wäre Naaman nicht gesund geworden.

Den Weg der Heilung, den der Prophet Elisa vorschlug, den wollte Naaman nicht gehen. Sieben Mal in dem Wasser des Jordans einzutauchen- das erschien ihm zu demütigend. Warum kam der Prophet Elisa nicht zu ihm nach draußen? Warum heilte er ihn nicht aus der Ferne? Das sah er nicht ein. Ihm stand doch Heilung zu. Er war doch ein hoher Mann. Wenn er sich schon helfen lassen sollte, dann doch so, wie er es sich dachte. Ohne eigenes Dazutun. Ohne dieses peinliche Untertauchen. Und diesmal waren es seine Diener, die ihn dazu überredeten. Wieder sind es die scheinbar unbedeutenden Menschen, die eine gute Wendung bewirken. Sie machen Naaman Mut. Sie beruhigen ihn und sprechen freundlich auf ihn ein. Und dann nimmt er den erniedrigenden Weg auf sich und wird so gesund.

Es gibt noch mehr Rollen in dieser Geschichte. Aber auf den Spuren des Weltgebetstages möchte ich heute gerade die Nebenfiguren ansehen. Das Mädchen und die Diener. Die scheinbar unwichtigsten Menschen haben so Entscheidendes bewirkt. Durch das, was sie gesagt und getan haben, ist Naaman geholfen worden. Für die Weltgebetstagsfrauen 2005 waren diese Menschen ein Beispiel für ihr Thema: Lasst uns Licht sein. Sie fanden, gerade diese Menschen waren für Naaman ein Licht.

Lasst uns Licht sein. Dieser Satz soll für uns heute eine Ermutigung sein. Dass wir nicht denken: Was kann ich denn schon bewirken? Für wen bin ich denn wichtig? Sondern dass wir uns selber etwas zutrauen. Dass wir erkennen: Jede und jeder von uns kann für andere Licht sein. Auch wenn das manchmal nur Wenige sehen. Gott kann gerade durch kleine Schritte wirken. Gott wirkt oft durch Menschen, die im Stillen handeln ohne große Öffentlichkeit. Das soll uns heute ermutigen. Wir sollten uns selber nicht unterschätzen. Gerade durch uns und mit uns führt Gott seine Geschichte. Auch wenn wir es für klein halten, was wir tun, vielleicht sind wir gerade zur rechten Zeit am rechten Ort und geben hier etwas von Gottes Licht weiter.

Wir mögen uns oft vorkommen wie ein kleines Licht, unbedeutend und nicht wahrgenommen. In Gottes Augen sieht das alles ganz anders aus. Da wird jeder und jede von uns wert geachtet, um für andere ein Licht zu sein.

Amen.

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