Den Himmel aufsperren

Liebe Gemeinde!

Ich sagte es anfangs schon: Heute wollen wir uns mit dem Glauben beschäftigen. Der Apostel Paulus beschreibt den Glauben am Anfang des Römerbriefes als eine Kraft, die zum leben führt. Hören wir nochmal hin:

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben im Glauben; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.

Ich bin mir sicher, jeder von uns hat diese Worte schon einmal gehört oder irgendwo gelesen. Kein Wunder – hat dieses Bekenntnis am Anfang des Römerbriefes doch unseren evangelischen Glauben und unsere Kirche maßgeblich geprägt. Diese Worte waren für Martin Luther der Grundstein seiner reformatorischen Entdeckung. In ungewöhnlicher Dichte werden hier zentrale Begriffe der Rechtfertigung genannt: Evangelium; Kraft Gottes; Glauben; Gerechtigkeit.

Inzwischen aber – und da erzähle ich Ihnen vermutlich nichts Neues – werden diese Worte vom heutigen Menschen kaum mehr verstanden, denn anscheinend passen sie nicht mehr so richtig in unsere Zeit. Ja, sie sind uns fremd geworden, weil das Befreiende darin gar nicht mehr richtig erlebt wird.

»Ich schäme mich des Evangeliums nicht«, so beginnt der Apostel sein Bekenntnis. Ich muss gestehen: das kann ich nicht immer so sagen. Manchmal schäme ich mich doch ein bisschen. Für manches, was auch in der Kirche passiert, für das, was aus dem Evangelium so manchmal alles gemacht wird. Da fang ich an, Paulus manchmal zu beneiden.

Weiter heißt es: »denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben«. Wohl dem, der da glaubt. Doch wenn ich mich in der Welt so umschaue, sehe ich oft Anderes: Zweifel, Gleichgültigkeit. Von einer Kraft ist da nicht immer was zu sehen. Ob das wirklich nur an meiner Brille liegt, durch die ich die Welt sehe?

»Denn darin wird offenbar die Gerechtigkeit Gottes«. Das ist sicherlich der am schwierigsten zu verstehende Teil. Wo wird denn in der Welt Gottes Gerechtigkeit offenbar, bei all den vielen Ungerechtigkeiten, die meine Augen immer wieder wahrnehmen? Oder mich hier mein Verständnis von Gerechtigkeit in die Irre leitet?

Ich frage mich, ob man Luthers Überlegungen in seiner Klosterzelle so einfach in die heutige Zeit übertragen kann. Was wollte er damals sagen, was erreichen? »Die Gerechtigkeit, die aus Glauben kommt.« Hier wird über Glauben geredet, von dem wir wissen, dass heute wahrscheinlich jeder etwas anderes darunter versteht. Was für ein Glaube ist hier gemeint?

Luther lebte in einer Zeit, in der der Tod ein ständiger Begleiter des Menschen war. Der Tod, in der damaligen Kunst als Sensenmann dargestellt, konnte einen jederzeit überfallen. Kriege, Krankheiten, Unfälle und nicht zuletzt die Pest waren allgegenwärtig. Man machte sich deshalb viel mehr Gedanken über den Tod als heute. Man fragte sich: Was ist, wenn ich plötzlich ganz unvorbereitet sterbe. Reichen denn meine Verdienste schon aus, um meine Sünden aufzuwiegen? Deshalb versuchte man, sich so rasch wie möglich einen Vorrat an guten Werken zuzulegen. Dazu gehörten Wallfahrten, Heiligenverehrungen und nicht zuletzt der Kauf von Ablassbriefen. Damit kann man sich bei der Kirche die guten Werke mit Hilfe von Geld eintauschen. Die Barmherzigkeit zum Nächsten oder auch der Glaube an Gott rückte damit immer mehr in den Hintergrund. Denn: das waren Haltungen, und die kann man schlecht mit Summen oder Zahlen beziffern. Den Gläubigen war das Recht, denn sie konnten sich die Erlangung des Heils selber ausrechnen. Und konnten dem auch gewiss sein, wenn sie eine bestimmte Summe an Ablassjahren erreicht hatten. Der Kirche war das ebenso Recht, denn mit den Einnahmen konnte der gewaltige Bau der Peterskirche in Rom finanziert werden.

»Der Gerechte wird aus Glauben leben«, heißt es in Römer 16. Und das sagt natürlich etwas ganz anderes. Luther hat dies erkannt, und gab dem auch eine schlüssige Erklärung. Der Mensch ist in seinem Glauben nicht teilbar in irgendwelche Summen. Das Heil ist keine mathematische Zahl, die man sich ausrechnen kann. Deshalb kann man auch seine Sünden nicht gegen eine entsprechende Zahl an guten Werken gegenrechnen und aufwiegen. Sünde ist ein Wesenselement des Menschen. Eine Eigenschaft, die er zwar bekämpfen, aber niemals ganz ablegen kann. Von daher kann er auch gar nicht in die Situation kommen, durch gute Werke seine Sündhaftigkeit kompensieren zu können. Der Mensch ist grundsätzlich ein Sünder und keine Leistung kann dies aufheben.

Nun ist in dieser Stelle aber auch von Gerechtigkeit die Rede. »Darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt«. Der Mensch als ein Gerechter, der er aber nicht ist. Und wenn er es selbst nicht ist, dann kann er nur ein Gerechter sein, wenn Gott ihn dazu macht. Und das geschieht durch den Glauben. »Der Gerechte wird aus Glauben leben« heißt es.

Nun ist das mit dem Glauben aber so eine Sache. Glaube ist nichts Objektives. Man kann ihn nicht sehen. Man kann ihn auch nicht messen oder vergleichen. Es gibt keinen Maßstab, an dem ich den Glauben ablesen kann. Und das macht es uns so schwierig, Paulus hier zu verstehen. Ja, das macht es uns vielleicht auch so schwierig evangelisch zu sein. Den Glauben annehmen als ein Geschenk von Gott, der uns gerecht macht.

Erschwerend hinzu kommt noch, dass sich heute immer weniger Menschen ihrer grundlegenden Sündhaftigkeit bewusst sind. Heute will man frei sein in religiösen Dingen. Frei von Schuld. Frei Gott gegenüber. Aber: kann uns wirklich gelingen? Scheitern wir daran nicht schon in unserem Alltagsleben? Ständig werden wir begutachtet und an unseren Handlungen gemessen: im Beruf, in der Familie, unter Freunden, in der Gemeinde. Und obwohl wir bestimmt versuchen, unsere Sache gut zu machen und allen gerecht zu werden, so kann doch keiner sämtliche Erwartungen erfüllen. Das ist gar nicht so frei, wie wir immer meinen.

Und da ist nun von einem die Rede, der keine Erwartungen an mich stellt, außer den Glauben. Also an etwas an mir, das sich nicht messen lässt. Etwas, mit dem ich auch nicht mit anderen verglichen werden kann. Der Glaube ist etwas in mir, das nur mir selber eigen ist. Im Glauben braucht man nicht sein, was man nicht ist, man muss nichts zeigen, was man nicht hat und man muss nichts leisten, was man nicht kann. Und doch hat er die Kraft, den Himmel für uns aufzusperren: »Der Gerechte wird aus Glauben leben«.

Amen.

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