Über dir geht der Herr auf

Da leuchtet noch einmal weihnachtlicher Glanz und sehnsüchtiges Leuchten in unseren Augen auf – zumindest ist es in der Perikopenordnung so gewollt. Jetzt erst, ganz langsam geht die weihnachtliche Zeit ihrem Ende entgegen. Mein Lebensgefühl und meine Sicht auf die Dinge, wie sie wirklich sind, sind da schon viel weiter , eingeholt von der Passionszeit, die ihre Schatten voraus wirft. Was ist das denn für eine Welt, über der heute und morgen Gottes Herrlichkeit aufgehen wird: eine Welt, in der in Afghanistan und im Irak, im Iran und auch in den Ländern des arabischen Frühlings längst nicht alles im Guten ist, ganz im Gegenteil.Vor gut zwei Jahren hat Margot Käßmann in ihrer Neujahrespredigt gesagt: nichts ist gut in Afghanistan…

Gilt das nach den letzten beiden Jahren nicht in noch viel größerem Maße für den Zustand der Staatengemeinschaft in einer eng gewordenen Welt, in der immer alles mit allem zusammenhängt? Nichts ist gut in unseren Tagen …

Nach der Immobilienkrise kam die Bankenkrise, überholt von der Schuldenkrise und der Eurokrise, die die Klimakrise für einen Augenblick vergessen lassen – bis neue Naturkatastrophen, Reaktorkatastrophen oder Bombenanschläge uns die Realität wieder ins Gedächtnis rufen. Ich kann all das eine Zeit lang gut verdrängen, denn es geht uns ja Gott sei Dank auch relativ gut: beeindruckende Wirtschaftswachstumszahlen im vergangenen Jahr verbunden, mit sinkende Arbeitslosigkeit und vermehrter Konsumerzählen führen dazu,dass die Menschen trotz allem nicht aufhören die Gelegenheit zu ergreifen, das Leben zu genießen, so lange sie es (noch) können. Aber immer wieder bricht in diese vermeintlich heile Welt das allgegenwärtige Unheil ein und lässt zweifeln an der Leuchtkraft der Herrlichkeit Gottes, die über den Feldern von Bethlehem noch allen die Ehre Gottes und Frieden den Menschen angekündigt hat.

Vor beinahe zweitausend Jahren ist Johannes, den wir den Seher nennen, und den die Tradition für den Apostel Johannes hielt, auf der Insel Patmos gefangen. Es ist die Zeit der Christenverfolgung, in Rom herrschen Kaiser, die sich für die Herren der Welt halten, gottgewordene Menschen, während die Christen an den menschgewordenen Gott glauben. Sie überziehen die Welt mit einem knechtischen Frieden und militärischen Schweigen und verkünden dies als heile Welt. Wer sich dem Kaiserkult entzieht, wer in die Opposition geht, wer Widerstand organisiert oder unterstützt, der wird ausgeschaltet, kalt gestellt oder auf eine Insel verbannt.

Wer ein zeitloses Muster der Mächtigen darin entdeckt, mag das gerne tun, zufällig ist es jedenfalls nicht.

„Wie lange noch?“ mag sich Johannes gefragt haben.

Pessimisten, die sich für die eigentlichen Realisten halten, werden sagen: daran wird sich nie etwas ändern.

Aber das letzte Wort darüber ist noch nicht gesprochen.

Das letzte Wort hat nicht die menschliche Resignation oder die machtpolitische Repression, die auch in Tunesien, Ägypten, Libyen und irgendwann auch in Syrien nicht wird aufhalten können, was kommen muss.

Über dir geht auf der Herr und seien Herrlichkeit erscheint über dir.

Davon kann Johannes ein Lied singen oder besser gesagt ein Buch schreiben. Denn in seine Gefangenschaft oder Verbannung hinein ist er der großen Freiheit und wunderbaren Kraft der Gedanken und Pläne Gottes begegnet. Ihm haben die Ohren geklungen und die Augen sind übergelaufen, als ihm sich die himmlische Wirklichkeit auftat, als Gott sich ihm auftat und er mit dem Blick in den Himmel einen ermutigenden und aufrichtenden Blick hinter die Kulissen dieser Welt werfen konnte.

Er hat ein Buch geschrieben. Und es ist nicht ohne Absicht ein Buch mit sieben Siegeln, denn die Mächtigen und Herren dieser Welt sollten es lesen und nicht verstehen und die Sehnsüchtigen und auf Gott hoffenden sollten getröstet werden.

Es war im allerbesten Sinne subversiv.

Und auch das ist Muster, das immer wiederkehrt. Im Zweifelsfalle lesen die Herren und verstehen nicht. Darin liegt die unbeugsame Kraft des Wortes bis in die Gegenwartsliteratur nicht nur aber vor allem unter den Vorzeichen der Diktatur: Sie sehen und erkennen nichts. Sie hören und lesen und verstehen nichts und am Ende wird Gottes Macht und Gottes Herrlichkeit aufgehen und die Wirklichkeit durchleuchten, erhellen und vor allem verändern.

Johannes schreibt an die bedrängten Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei. Er wird dabei nicht nur schmeichelhaftes schreiben, sondern hart mit den Verhältnissen ins Gericht gehen. Gemeinde- und Kirchenkritik ist nicht Nestbeschmutzung, sondern Klärung und Reinigung vor dem Neuanfang. Aber Kritik braucht Kultur und Aufrichtigkeit in der Sache, auch unter uns. Kritik ist konstruktiv, wenn sie mehr als Einstimmen in das Gejammer sein will, sie orientiert sich an der Sache um der Sache des Auferstandenen und in Gottes himmlische Gegenwart Erhöhten willen. Den nämlich sieht Johannes und er sieht als Zeichen für diese sieben Gemeinden sieben Leuchter und als die sieben Sterne sind sie fest in der Hand des Auferstandenen.

Deshalb müssen wir uns Gedanken über den Weg unserer Gemeinde machen, nicht aber über die Zukunft. Denn wir bleiben in der Hand unseres Herrn!

Die Mächtigen in Rom oder sonst wo mögen sich für die Herren der Welt halten, Herr der Kirche und der Gemeinden ist Jesus Christus. Wer offene Ohren, offene Augen und ein offenes Herz hat, hört und sieht diese Trostbotschaft, mit der der Herr sich von Johannes sehen lässt. Er ist König. Er ist Gott. Er ist die Tür und das Fenster in den Himmel. Er ist der Mittler, der Hohepriester, der Versöhner und Vereiner, der Gott aus dem Verborgenen mitten in das Leben der Welt stellt. Wer ihn sieht, der fragt nicht mehr: wo bist du Gott, wie lange noch?

Das prächtige Gewand des Auferstandenen, das wie Wolle weiße Haar des göttlichen Weltenrichters offenbart ihn als König und Hohepriester, als den wahren Herrn der Welt, dem einmal alle selbsternannten Herren, Könige, Diktatoren sich werden beugen müssen. Das ist eine zutiefst politische Botschaft. Macht hat nur Gott. Dem Menschen bleibt nur übertragene Verantwortung, für die jeder und jede wird Rechenschaft geben müssen vor Gott und den Menschen. Regieren ist nicht herrschen, sondern für das Wohl der anvertrauten Menschen auf Zeit verantwortlich handeln. Manchmal vergessen Politiker dies, weil sie Gefallen an der vermeintlichen Macht finden.

Aber die flammenden Augen des Menschensohngleichen, des Auferstandenen, des Erhöhten durchdringen alles und die kupfernen Arme und Füße lassen kein Zweifel an der Standfestigkeit des Herrn im Gegensatz zur Wankelmütigkeit menschlicher Herrschaft und Gewalt. Gott bleibt sich auch in Jesus Christus treu. Recht und Gerechtigkeit sind seine Herzensangelegenheit nicht erst seit den Tagen der Propheten.
Wer seine Stimme hören mag, der kann sie hören. So leise sie daher kommt, in den verborgenen Bilder des Buches der Offenbarung, in den manchmal so unverständlichen Texten der Bibel, in den wunderbaren Glaubenserfahrungen der Psalmen oder in den klaren Weisungen der Thora und der Propheten – wer hören, der kann hören, denn selbst die leisesten und verborgenen Worte haben eine klare, klärende, reinigende, alles Trübe wegspülende Stimme. Einer hält am Ende die Zeichen der Herrschaft in der Hand. Es wird regiert.

Aber nicht mit Macht und Gewalt, sondern mit der Kraft des Wortes und aus dem Vertrauen auf Gottes Lebenswirklichkeit. Die Todesmächte sind doch schon ihrer Macht beraubt. Christus ist auferstanden von den Toten. Auf seinem Angesicht leuchtet schon die Herrlichkeit der kommenden Welt Gottes, in der Tod, Leid und Tränen keinen Ort mehr haben werden.

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir

Krisen sind Zeiten der Klärung und der Entscheidung.

Inmitten seiner Gefangenschaft wurde Johannes getröstet durch das, was er sah und was er anders als die Mächtigen auch verstand.

Wer nur von der vermeintlichen Wirklichkeit, dem alltäglichen Elend auf das Leuchten Gottes schaut, der wird es nicht mehr sehen können.

Wer aber von der Erfahrung der Herrlichkeit und der Herrschaft Gottes und der Wirklichkeit des Auferstandenen herkommt, für den verliert die Leidensmacht der Gegenwart ihre Allmächtigkeit und wird durchsichtig für Gottes Verwandlungskraft, die schon jetzt aufscheint über uns. An diesem letzten Sonntag nach Epiphanias überstrahlt nicht das Leiden dieser Welt den Weihnachtsglanz, sondern das Leuchten der Herrlichkeit Gottes überstarhalt alles vergehende Leid dieser Zeit und öffnet den Blick hinein in Gottes Ewigkeit. Davon zeugt die Schau des Sehers Johannes mit jedem Bild und jedem Wort.

Amen

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