Perspektivwechsel

Mit den KatechumenInnen haben wir versucht zu erkunden, was ein Gottesdienst ist. Wir haben einige Texte geschrieben und in Zusammenhang gebracht. Und vielleicht sind wir ja auch einen kleinen Schritt dabei weiter gekommen auf dem Weg zur Beantwortung der Frage: was ist ein guter Christenmensch? Was macht Christ sein eigentlich aus?

Eine endgültige Antwort suchen wir – ein Leben lang. Aber es tut immer wieder gut, vorläufige Antworten zu finden. Manche Antworten finden wir in den Texten unserer KatechumenInnen. Manche finden wir in der Bibel.

Da schreibt ein Prophet in den letzten Jahren seines selbständigen Staates Juda. Und er bittet nicht um erbarmen, sondern er versucht seinen Leuten klar zu machen, was nun, kurz vor dem Untergang des Volkes notwendig ist:

[TEXT]

Mitten in der schwierigen Situation schreibt der Prophet klar und deutlich, was wesentlich ist in seinem Leben.

Mir fallen Bewerbungsgespräche ein. Ich versuche den BewerberInnen zu entlocken, wo ihre Stärke sind. Was sie alles können, was ich nicht kann. Und der Bewerber versucht sich selbst zu rühmen, sich selbst groß zu reden.

Dem Propheten geht es um etwas Anderes, wenn er vom Selbstruhm redet. Er sieht die Mächtigen seiner Zeit – quasi im Dauerwahlkampf – sich selbst rühmen. Und zwar nicht nur die Politiker, auf allen Ebenen: Wer in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft oder Religion etwas ist, verbringt viel Zeit damit, etwas herzumachen.

Am Ende unseres Textes steht das Entscheidende ‚So spricht der Herr‘. Der Prophet kann nicht aus eigener Kraft reden, er kann nur reden, weil Gott ihn sendet. Und auch dann nicht mit Macht und Pracht, sondern in Demut und bescheiden. Und trotzdem trifft sein Wort. Es betrifft die, die Macht haben und weist sie in ihre Schranken. Solche Worte zu finden, ist Gabe Gottes.

Natürlich weiß der Prophet nicht immer so genau, wovon er redet. Ihm geht es da auch nicht besser als uns. Wir wissen auch nicht immer wovon wir reden – und das meine ich nicht despektierlich. Ich gehöre ja dazu, rede munter über Bedrohungen und Finanzkrise, Hartz IV und soziale Notlagen und muss ja doch zugeben: es ist ein Gebiet wo ich Vieles nur vom Hörensagen kenne. Trotzdem muss ich darüber reden, weil ich Not und Elend sehe und dazu darf keiner schweigen.

So spricht der Herr: das ist der Satz mit dem wir unser Leben und unsere Worte betonen könnten, wenn unser Handeln und Reden christlich ist. Und so lange der Motor unseres Tuns die Liebe ist. Die Liebe nicht zu uns selbst, sondern die Liebe zu Menschen, die unsere Hilfe brauchen, die es brauchen, dass wir uns für sie einsetzen. ‚Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen‘ hat Dietrich Bonhoeffer in den finsteren Zeiten unseres Landes gesagt: Schöne Gottesdienste feiern darf nur der, der nicht zu Unrecht schweigt.

Insgesamt möchte der Prophet die Menschen zum Leben verlocken, zu einem Leben, das höhere Ansprüche stellt, als den, dass es mir gut geht. Zu einem Leben in Liebe und Gemeinschaft, dass das nicht ertragen kann, dass neben mir Menschen leben, denen es nicht gut geht. Weil er in einer Gesellschaft lebt, für die diese Werte nur in der Theorie Gewicht haben, muss er deutlich werden. Der Prophet leidet unter dem Auftrag Gottes, aber er muss ihn ausführen. Gottes Wille steht in Konkurrenz zu all den Tempelpropheten, die sich selbst einen guten Namen machen wollen. Sie sind wie Nachrichtensprecher, denen es nur um den eigenen Ruhm geht und nie um die Nachricht, die sie verlesen.

Er verkündet Gottes Wunschliste: Dass im Mittelpunkt unseres Selbstbewusstseins nicht wir selber stehen, sondern das Bewusstsein, dass wir wissen, dass wir einen Herrn haben. Damit dürfen wir angeben. Dessen können wir uns wirklich rühmen. Das ist ein kompletter Perspektivwechsel. Zu erkennen, dass eigene Leistungen nicht wesentlich sind, sondern das, was Gott an uns tut, mit uns macht.

Eigenlob stinkt – heißt es zu Recht. Sich seiner selbst rühmen ist nichts Anderes als angeben – und ich muss wohl zugeben, wie gerne ich angebe. Vielleicht nicht so großspurig, aber unterschwellig: ‚Habe ich das nicht gut gemacht?’ Aber solche Angeben ist genauso menschlich wie erbärmlich. Es ist der Versuch sein eigenes Ansehen anzuheben, aus Mücken Elefanten zu machen, um gut dazustehen. Und es ist auch oft genug der Versuch, aus sich selbst einen Supermann zu machen und die Anderen, die ja auch ihre Verdienste haben, schlecht aussehen zu lassen. Dagegen setzt der Prophet dieses Sich des Herrn rühmen, heißt Gott danken für seine Liebe und seiner Gemeinde danken für das gemeinsame Gebet und die gemeinsam gelebte Liebe. Dankbar bleiben für die Gaben Gottes und mit ihnen leben.

Das Ganze ist ein Wort der Leidenschaftlichkeit Gottes, der um sein Volk kämpft, der darunter leidet, dass zwar Ochs und Esel wissen, wo sie hingehören, sein Volk, die Menschen, die zu ihm gehören aber orientierungslos umherlaufen und tun, was sie wollen. Ihnen sendet er seinen Propheten, um sie auf die richtige Fährt zu setzen. Nicht angeben mit der eigenen Schönheit, Weisheit oder Vernunft, auch nicht Sportlichkeit, Geschicklichkeit oder Erfindungsreichtum. Aber dankbar sein, dass ich Freundinnen und Freunde habe, dankbar, dass ich Gaben habe, mit denen sich Leben gestalten lässt und dankbar bleiben, dass Gott mir so Vieles schenkt an Liebe Freundschaft. Das Wort hll kennen wir aus dem Halleluja. In jedem Gottesdienst (außer in der Passionszeit) singen wir das Lob Gottes, wenn wir sein Wort gehört haben, wenn seine Botschaft angekommen ist – bei uns. Wir dürfen loben mit Worten und Taten, Menschen und Gott. Aber mit Bedacht: wen lobe ich wofür.

Wichtig bleibt, dass im Mittelpunkt allen Dankes und Lobens nicht wir selber stehen, sondern der, der uns mit Gaben versehen hat und die Menschen, die uns helfen unsere Gaben zu leben und die unser Leben bereichern mit ihren Gaben.

Vielleicht lernen wir das auch als Gemeinde Gott loben und danken für die Menschen, die sich engagieren: KatechumenInnen und PresbyterInnen und alle Anderen und den Menschen danken, die sich engagieren und gemeinsam Gemeinde leben in Liebe und Freude.

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